Porträt London Philharmonic Orchestra

Paradiesischer Sound aus London

Mit dem London Philharmonic Orchestra ist erstmals einer der großen englischen Klangkörper Orchestra in Residence in Dresden

London Philharmonic Orchestra © Patrick Harrison

London Philharmonic Orchestra

London Philharmonic Orchestra © Patrick Harrison

Daran hätte der Dresdner Musikstudent Vladimir Jurowski Anfang der neunziger Jahre wohl nicht im Traum gedacht: Ein Vierteljahrhundert später ist er als Chefdirigent des London Philharmonic Orchestra (LPO) zu Gast im runderneuerten Dresdner Kulturpalast. Als Orchestra in Residence der Dresdner Musikfestspiele gehört das LPO zu den ersten internationalen Klangkörpern, die den akustisch erstklassigen, 1800 Besucher fassenden neuen Saal bespielen dürfen.

Auch für das traditionsreiche Londoner Orchester waren die frühen neunziger Jahre wegweisend. Nachdem man sich den Spielort lange mit dem Philharmonia Orchestra teilen musste, wurde die Royal Festival Hall 1992 ganz offiziell zum festen Domizil des LPO, das dann in der Folge auch einschneidende finanzielle Einbußen durch das Arts Council abwenden konnte, nicht zuletzt durch entsprechende Proteste und Solidaritätsbekundungen des Publikums. Solche hatte das 1932 durch Sir Thomas Beecham gegründete Orchester schon in Kriegszeiten bitter nötig, als 1941 große Teile des Instrumentariums einem Bombardement zum Opfer fielen, was daraufhin eine beispiellose Spendenaktion auslöste.

Ein Repertoire von Sinfonik bis zu Videospiel-Musik

Künstlerisch waren die Nachkriegsjahre von einer zunehmenden Internationalisierung am prominent besetzten Dirigentenpult geprägt. Auf Adrian Boult, William Steinberg und John Pritchard folgten Bernard Haitink, Georg Solti, Klaus Tennstedt, Franz Welser-Möst und Kurt Masur, bevor 2007 der damals gerade einmal 34-jährige Russe Vladimir Jurowski den Chefposten übernahm.

London Philharmonic Orchestra

Das London Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Vladimir Jurowski © Richard Cannon

Nach wie vor ist das Orchester breit aufgestellt und macht neben der Sinfonik und der Opernarbeit beim Glyndebourne Festival immer wieder Ausflüge in die Film- und die Games-Musik. Auf den Live-Mitschnitten beim hauseigenen LPO Label kann man sich ein Bild von der Repertoiretiefe und der exzellenten Zusammenarbeit mit Jurowski machen. Das instrumentale Niveau ist überragend, der Orchesterklang hoch differenziert und somit ideal geeignet, die ausdrucksintensiven, aber unsentimentalen, oft scharfkantigen, rhythmisch zugespitzten Interpretationen Jurowskis umzusetzen.

Ausgrabung einer Konzert-Rarität

Beste Voraussetzungen also für ein Werk wie Dmitri Schostakowitschs 15. Sinfonie, die am 23. Mai die Dresdner Musikfestspiel-Residenz des LPO beschließt. Die Doppelbödigkeit und der maskenhafte Charakter dieses sinfonischen Vermächtnisses dürften bei Jurowski und seinem Orchester in besten Händen sein. Zuvor steht eine konzertante Rarität auf dem Programm, und es ist kein Zufall, dass der Solist Steven Isserlis heißt, jener eminente Cellist, der mit unendlicher musikalischer Neugier immer auf der Suche nach unerhörtem Repertoire ist. Sergej Prokofjews 1938 vollendetes Cellokonzert e-Moll op. 58 ist ein solches Werk, denn im Konzertsaal und auf Tonträgern ist fast ausschließlich dessen Überarbeitung, das Sinfonische Konzert op. 125 zu hören, das der Komponist 1950 auf Anregung Mstislaw Rostropowitschs in Angriff nahm. Das Dresdner Festspielpublikum wird sich durch Isserlis und seine Mitstreiter gerne von den Qualitäten dieser in ihren Ausmaßen und ihrem Ausdrucksspektrum Grenzen sprengenden Ursprungsversion überzeugen lassen.

„Himmlische Freuden“ im Kulturpalast

Eröffnet wird das zweitägige Gastspiel des LPO von einem Solisten, der trotz seiner gerade einmal 21 Jahre schon ein „Alter Bekannter“ bei den Musikfestspielen ist. Zum dritten Mal tritt der kanadisch-polnische Pianist Jan Lisiecki dort auf und spielt mit Frédéric Chopins e-Moll-Konzert ein Werk, das ihn in seiner Karriere schon lange begleitet. Das sinfonische Hauptwerk des Abends ist Gustav Mahlers Vierte, und wenn man den hymnischen Londoner Kritiken zu den Auftritten im Herbst Glauben schenken darf, stehen für den vierten Satz mit der Sopranistin Sofia Fomina wahrlich „himmlische Freuden“ ins Haus. Der paradiesische Sound kommt vom London Philharmonic Orchestra.

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