Porträt Marina Rebeka

„Der Komponist kommt zuerst“

Marina Rebeka gehört mit 33 schon zum internationalen Establishment der lyrischen Sopranistinnen – und stellt Musik über Eitelkeiten

© Janis Deinats

„Der Komponist kommt zuerst“

Atemlos nimmt Marina Rebeka das Telefon ab und ruft erst mal auf russisch ihre Familie zur Ruhe. „Ein Interview, schnell, ich hatte das ganz vergessen.“ Die Erinnerung gilt ihren Eltern, die sich um ihr Töchterchen kümmern, denn Ehemann Dmytro Popov ist als Tenor selbst sehr viel unterwegs. Dabei kommt es nur zu selten vor, dass Marina Rebeka zu Hause in Riga anzutreffen ist. Denn die Sopranistin, die in ihrer Heimatstadt, später in Parma und Rom studierte, ist längst international unterwegs, singt an den allerersten Häusern in London, New York und an der Mailänder Scala.

Violetta mit Leib und Seele – in La Traviata sang sie schon in zehn Inszenierungen

Ihre Karriere begann rasant, nachdem sie 2007 den Wettbewerb Neue Stimmen der Bertelsmann Stiftung in Gütersloh gewann. Im gleichen Jahr suchte das Theater in Erfurt dringend eine Violetta, die Titelpartie in Verdis La Traviata. Der Beginn einer geradezu symbiotischen Beziehung. „Die Rolle ist niemals uninteressant, ich habe sie nun in ungefähr zehn verschiedenen Inszenierungen gesungen“, sinniert Rebeka. „Manche davon gefallen mir, manche weniger, aber ich vergesse nie den Kern des Charakters dieser liebenden Kurtisane, ich spiele das immer mit meiner ganzen Seele, ohne diese Identifikation kann man überhaupt nichts transportieren.“

Wahrscheinlich ist es diese Unbedingtheit, die Marina Rebekas Interpretationen so besonders machen. Die junge attraktive Frau, deren eindrucksvolle Augenfarbe zwischen wasserblau und eisgrau changiert, unterwirft sich gern ganz entschieden dem Notentext. „Das Wichtigste ist das, was geschrieben steht; ich studiere immer auch mit der Partitur, um zu wissen, welche Instrumente mich begleiten, das sagt mir, welche Empfindungen der Komponist hineingelegt hat.“

Geht diese persönliche „Werktreue“ zusammen mit dem modernen Regietheater, das sich oftmals über ein Stück hinwegsetzt? Marina Rebeka erinnert sich noch mit Schrecken an Sebastian Baumgartens Don Giovanni-Inszenierung in Zürich: „Da habe ich gar nichts verstanden, nur die Augen geschlossen und auf die Musik gehört. Ich habe dem Regisseur auch gesagt, dass ich nur machen kann, was ich selbst fühle. Sie können andererseits nicht den Vertrag brechen, nur weil Ihnen die Regie nicht gefällt.“ Dabei zeigt sich die Rebeka durchaus stichhaltigen Regieideen gegenüber aufgeschlossen: „Funktionieren sie mit der Musik, können sie durchaus modern sein.“ Aber die beste Regie, meint die Sopranistin, erlebe der Zuschauer ohnehin dann, wenn bei einer Aufführung Musik und Regie symbiotisch erlebt werden können. Ihre Faustregel: „Die Ideen und Gefühle des Komponisten kommen zuerst. Die Regie muss das unterstützen, nicht stören.“

Bewusst gewählte Karriereschritte

Neben dem italienischen pflegt Rebeka vor allem das französische Repertoire, etwa Massenets Manon, die Léïla aus Bizets Perlenfischern oder Micaëla in Carmen. Charakterrollen des realistischen Repertoires sind ihr Metier, ob nun Femme fatale oder naive Träumerin. Gesangskaskaden um der Kunst willen haben da wenig Platz: „Im Belcanto fühle ich die Personnage nicht, die Musik muss mein Herz erreichen, um die Partie ehrlich und aufrichtig zum Leben erwecken zu können.“

Ein bisschen hat das wohl auch damit zu tun, dass sich ihre weiche, zurückhaltende, gar nicht auftrumpfende Stimme mit der Zeit noch dunkler und erdiger aufgeweitet hat, ohne an Höhe zu verlieren. „Ich entwickle mich mehr und mehr zum lyrischen Sopran, nach der Geburt meines Kindes hat sich die Stimme gewandelt, und die mittlere und tiefere Lage hat mehr Klang.“ Bevor sich Marina Rebeka aber auf Wagnisse wie eine Tosca einließe, müsse sie vorher viel gemacht haben. „Vor allem Mozart ist immer gut, der verlangt zwar eine ganz andere Technik, aber an seinen Partien schult sich die schlanke Führung, auch Leichtigkeit. Ich reife noch, auch persönlich.“ Welcher Nachwuchsstar würde mit so viel Bedacht so ehrfürchtig die großen Schinken meiden? Es gibt nur wenige Kollegen, die der Versuchung des schnellen Aufstiegs widerstehen können, weil sie sich noch nicht für alles bereit fühlen, was man ihnen anbietet.

CD-Tipp

Mozart: Arien
Marina Rebeka (Sopran), Royal Liverpool Philharmonic Orchestra
Speranza Scappucci (Leitung)
Warner Classics

Rezensionen

CD-Rezension Marina Rebeka

Anmut und Reinheit

Schwebend und mühelos: Mit dem Royal Liverpool Philharmonic Orchestra singt Marina Rebeka Arien aus den Mozart-Opern weiter

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