Pianist Tigran Hamasyan im Porträt

Dieser eine sakrale Moment

Der Jazzpianist Tigran Hamasyan scheint sich stets in seiner Musik zu verlieren – und nimmt die Zuhörer gleich mit in seine trancehaften Welten

Tigran Hamasyan © Elena Petrosyan

Tigran Hamasyan

Oft sitzt Tigran Hamasyan am Klavier, wie man es aus alten Zeitdokumenten der frühen sechziger Jahre von Glenn Gould her kennt, dem großen und genialischen Querkopf der klassischen Klavierszene: tief sitzend und dazu noch sehr tief gebeugt. In Momenten größten Ausdrucks glaubt man fast, Hamasyans Nase auf den Tasten zu sehen, dann ist der Armenier ganz bei sich und seiner Musik, wie in Trance. Alles um ihn herum scheint ausgeblendet. Hier zählt nur dieser eine, fast schon sakrale Moment, in dem die Musik entsteht.

Bei Hamasyan hat man kaum je den Gedanken, dass Musikmachen auch ein Handwerk ist. Seine Musik geschieht einfach. Sie dringt an unser Ohr, und entweder wird man von dieser Art minimalistischen Klavierspiels angezogen, weil man sich dabei selbst noch vieles denken kann, ja die eigene Fantasie und Vorstellungskraft einbringen kann und muss. Oder man hat eben grundsätzlich keinen Zugang zu dieser Art des Musizierens.

Nach Gould’scher Manier

Auf einer älteren YouTube-Aufnahme von 2011 ist zu erleben, wie der damals noch kaum bekannte, gerade einmal 24-jährige Jazzpianist sich nach Gould’scher Manier ins Instrument nachgerade hineinzuwühlen versucht. Damals war Tigran Hamasyan noch wenig präsent in der Szene. Inzwischen hat er sich jedoch nicht nur einen festen, sondern zunehmend auch einen herausragenden Platz unter den Jazzpianisten unserer Zeit erspielt. Vor allem aber hat er etwas, was heutzutage eine Seltenheit ist, nämlich eine ganz eigene, individuelle Art, Klavier zu spielen.

Wenn man Hamasyan einmal länger zugehört hat, dann wird man diese so besondere Art des Klavierspiels kaum vergessen können. Und man wird seine Musik schon nach wenigen Tönen erkennen. Ein Klavierspielen, das fast immer so wirkt, als würde der Pianist sich gerne im Kreise drehen, dabei aber nie etwas gleich wiederholen, sondern jedes Mal tastend und suchend ein wenig verändern, indem er mal die Melodie verlängert, mal einen Rhythmus ungemein raffiniert aufsplittet oder die vermeintlichen Wiederholungen durch Verzierungen verfremdet.

Tigran Hamasyan: Erinnerung an Jazzgrößen

Tigran Hamasyan

Tigran Hamasyan © Maeve Stam

Die Rhythmen des Jazzers, der seit 2009 in New York lebt und arbeitet, sind oft irrational und so frei einem inneren Impuls folgend, dass man sich selbst ans Klavier setzen möchte, um ihnen auf die Spur zu kommen und auszuprobieren, was hörend so ungewöhnlich wirkt. Nein, diese Musik scheint nicht notierbar zu sein und von niemandem nachgemacht werden zu können. Natürlich ist das im Jazz doch ganz normal, will man meinen. Aber ganz so ist es dann doch nicht: Dass ein einzelner Musiker ganz für sich eine ureigene musikalische Welt auszubreiten in der Lage ist, ist das Besondere an Hamasyans Musik. Und dass diese immer wieder an ganz unterschiedliche, unbestreitbare Größen des Jazz erinnert, tut der Qualität dieses Spiels keinen Abbruch.

In ihrer Kleingliedrigkeit erinnern die Kompositionen immer wieder an Chick Corea, gleichzeitig haben sie aber auch den langen Atem eines Keith Jarrett. Und ganz ungewöhnlich: Hamasyan spielt dabei so formbewusst, als ob bei ihm immer auch die klassischen Formen mit ihren immanent stimmigen Proportionen im Hinterkopf präsent seien. In diesen Momenten erscheint er wie ein Pianist, der, aus der Klassik kommend, vor Jahrzehnten durch sein klassisch gebundenes Jazzspiel für kontroverse Diskussionen gesorgt hat: Friedrich Gulda.

Bezüge zur armenischen Volksmusik

Und dann lebt die Musik Tigran Hamasyans noch durch die ganz konkreten und sehr gut hörbaren Bezüge zur Volksmusik seiner osteuropäischen Herkunft. Manche Stücke wirken stark geprägt durch geradezu girlandenartig umwundene Melodien, die für den westlichen Zuhörer schon etwas Orientalisches haben. Und trotzdem gelingt es Hamasyan, in seinem Spiel, jedes Moment des Dekorativen zu vermeiden. Da klingt selbst Ausuferndes noch konzentriert und wie auf den Punkt gebracht. Keine Frage: Diese Musik ist in ihrer Eigenwilligkeit nicht jedermanns Sache – eben ganz so, wie das Klavierspiel von Glenn Gould seine Zuhörer immer wieder entzweite. Wem Hamasyans Musik aber gefällt, der wird von ihr kaum mehr loskommen.

Musikvideo zu „The Cave of Rebirth“:

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