Porträt Sven-Eric Bechtolf

Irrtum eingeschlossen!

Mögen die Kritiker ihn auch schmähen, Sven-Eric Bechtolf bleibt sich und seinem Erzähltheater auch auf der Salzburger Opernbühne treu

© Luigi Caputo / Salzburger Festspiele

Misstraut Dogmatikern aller Art: Regisseur Sven-Eric Bechtolf

Macht eine gute Figur: 
das Ensemble 
des Bundesjugendballetts

Sven-Eric Bechtolf ist künstlerischer Direktor der Salzburger Festspiele, des größten und berühmtesten Theaterfestivals der Welt. Als sein Vorgänger Alexander Pereira im Herbst 2014 vorzeitig an die Mailänder Scala gewechselt war und zwei führungslose Jahre bis zum Amtsantritt von Markus Hinterhäuser drohten, sprang der Schauspieler und Regisseur zusammen mit der Präsidentin Helga Rabl-Stadler für 2015 und 2016 ein. In dieser Spielzeit umfasst das Programm über 80 Konzerte, Lesungen, den Jedermann sowie sechs spektakuläre Neuproduktionen – insgesamt 192 Aufführungen. Eingeladen wurden Franz Welser-Möst und Alvis Hermanis mit Strauss’ Die Liebe der Danae, Alejo Pérez und Reinhard von der Thannen mit Gounods Faust, Thomas Chairns für die Uraufführung von Thomas Adès’ The Exterminating Angel, die der Komponist eigenhändig dirigiert. Daneben Deborah Warner für Shakespeares Der Sturm, Dieter Dorn mit Becketts Endspiel sowie Gerd Heinz und seine Bernhard-Inszenierung Der Ignorant und der Wahnsinnige, in der Bechtolf nach Jahren auch selbst wieder Theater spielen und in der Rolle des Doktors sagen wird: „Das Theater / insbesondere die Oper / geehrter Herr / ist die Hölle!“

Raus aus dem Elfenbeinturm, rein in den Qualm des Lebens

Er lacht darüber herzlich und reibt sich mit diabolischem Vergnügen die Hände. Sein spartanisch eingerichtetes Büro im Großen Festspielhaus füllt sich während des Gesprächs bald mit Zigarettenqualm, durch das offene Fenster sind Passanten, Glocken und Fiaker zu hören. Sollte dies ein Elfenbeinturm sein, so einer voll reiner Energie und preußischer Disziplin – obwohl Bechtolf 1957 in Darmstadt zur Welt kam und in Hamburg aufwuchs.

Sein reservierter, bestimmter Habitus und seine konservativen, entschieden nicht marktkonformen Aussagen zu Kunst, Kommerz, Regietheater sind ihm rasch übel genommen worden: Sven-Eric Bechtolf hat keinen guten Ruf, stimmt’s? „Viel schlimmer“, korrigiert er, „ich habe einen miserablen Ruf, gelte als snobistisch, arrogant, schnöselig, karrieregeil“ – und es klingt nicht so, als wäre ihm dies völlig gleichgültig, sondern als könne er halt nichts dagegen tun. Doch Diplomatie ist nun mal seine Sache nicht, ebenso wenig wie Anpassung: Lieber sucht der mächtige Theatermann das künstlerische Wagnis und traute sich so schon bald nach ersten Schauspielinszenierungen erfolgreich auch an die Oper heran. Mit Welser-Möst brachte er in Wien ab 2007 Wagners Der Ring des Nibelungen heraus, für Salzburg hat er mittlerweile drei Mozart-Opern (Così fan tutte, Don Giovanni, Le nozze di Figaro) neu inszeniert – übrigens ohne Regiegage.

Manche Kritiker haben ihm danach abermals reflexartig vorgeworfen, zu wenig intellektuell, ja geradezu theoriefeindlich zu sein: Bechtolf sei einer, der als Regisseur einfach „nur Theater“ mache – und oft sogar komisches, unterhaltsames, zum Lachen animierendes. Was für ein Vorwurf … Er sei, so geht die bösartige Tirade weiter, ein Kulinariker in Zeiten, die politischen Furor bräuchten – also hinweg mit ihm! Der Gescholtene sieht das naturgemäß anders, bezichtigt seine Kritiker der Borniertheit, Ignoranz und intellektuellen „Schmalführung“ – und führt mit distanzierter Höflichkeit aus, dass er weder der Theorie noch der Philosophie misstraue, sondern vielmehr Dogmatikern aller Art, aller Couleur und aller Parteien.

„Mal sehen, wohin 
der Wind mich trägt“

Ein Konflikt, hinter dem sich mehr verbirgt als die Privatfehde mit dem Feuilleton. Eher schon offenbart sich hier ein zeitgenössisch-ästhetischer Richtungsstreit: Künstler gegen Konzepte, Kunst gegen Kreativwirtschaft. Bechtolf hat stets betont, dass er ein Verfechter des identifikatorischen Theaters ist, das an Figuren, Geschichten und Erzählzusammenhänge glaubt – und dass ihm alle popkulturell-ironische Postdramatik gestohlen bleiben kann.

Was nach seiner Salzburger Zeit kommen wird? „Mal sehen, wohin der Wind mich trägt.“ Er wird auf jeden Fall wieder Theater spielen. Und inszenieren – an der Berliner Staatsoper 2017 etwa Purcells King Arthur mit René Jacobs. Bleiben indes, fügt er mit seinem entwaffnendem Lächeln an, werde sein Leitsatz in der künstlerischen Auseinandersetzung wie im Leben: „Irrtum eingeschlossen!“

CD-Tipp

Strauss: Ariadne auf Naxos
Jonas Kaufmann, Ekena Mosuc, Wiener Philharmoniker, Daniel Harding (Leitung)
Sony Classical

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