25. Wettbewerb des Deutschen Musikinstrumentenfonds

Beziehung auf Zeit

Im Rahmen eines Wettbewerbs verleiht die Deutsche Stiftung Musikleben jedes Jahr jungen Musikern historische Instrumente. Ulrike Henningsen begleitete eine Preisträgerin

© DSM/David Ausserhofer

Preisträger Des DMIF 2016 mit Irene Schulte-Hillen und Dr. Rolf-E. Breuer

Preisträger des Wettbewerbs des Deutschen Musikinstrumentenfonds 2016 mit Irene Schulte-Hillen und Dr. Rolf-E. Breuer

Tief versunken in die Klänge ihres Cellos spielt Olena Guliei am Sonntagmorgen im Spiegelsaal des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe einen Satz aus Prokofjews „Sinfonia concertante“. Ihr Ton ist kraftvoll und warm. 20 Minuten hat die junge Ukrainerin Zeit, um die fünf Mitglieder der Jury davon zu überzeugen, dass eines der wertvollen Celli gut zu ihr passen würde. Erleichtert sei sie, bekennt die Cellistin nach ihrem souveränen Auftritt mit einem schüchternen Lächeln. Vor vier Jahren kam die in Kiew geborene Olena Guliei an die Hochschule für Musik und Theater nach Hamburg. An der Nationalen Tschaikowsky-Musikakademie ihrer Heimatstadt hatte sie, damals 23-jährig, ihren Bachelor gemacht, in Hamburg schloss sie dann nach zwei Jahren ein Master-Studium ab und studiert seitdem weiter mit dem Ziel Konzertexamen.

Das Cello, mit dem Olena Guliei sich beim Vorspiel präsentiert hat, ist ein Leihinstrument der Hochschule. Ihr Professor Bernhard Gmelin riet seiner Studentin zur Teilnahme am 24. Wettbewerb des Deutschen Musikinstrumentenfonds, denn um ihre Begabung voll entfalten zu können, braucht Olena Guliei ein besseres Instrument.

Die erste Begegnung

Die renommierten Streicher der Jury des 24. Wettbewerbs hat die Cellistin überzeugt. Mit einem kleinen weißen Zettel in der Hand kommt sie von der Besprechung ihres Ergebnisses am Nachmittag zurück. „Violoncello von Joseph Antonius Rocca” steht darauf geschrieben. Dieses Instrument darf sie heute mitnehmen. Sein Vorbesitzer Matthias Johannsen hatte es in den vergangenen fünf Jahren in vielen Konzerten und wichtigen Vorspielen eingesetzt und sich zuletzt mit diesem Cello im Auswahlverfahren um eine Professur durchgesetzt.

Strahlend nimmt Olena Guliei das Streichinstrument von 1839 am Abend im Rahmen eines Festkonzerts aus den Händen der Treugeberin Dr. Monika Blankenburg, die außerdem noch eine Patenschaft für die Cellistin übernommen hat, in Empfang. „Super!“ ist der einzige Kommentar der sprachlosen Musikerin.

Frühling – das erste Gespräch

Olena Guliei

Olena Guliei © David Ausserhofer/DSM

Acht Wochen später kann Olena Guliei schon mehr erzählen. Zum ersten Gespräch über das Violoncello hat sie eine befreundete Geigerin mitgebracht, die beim Übersetzen hilft. Bei den ersten Sätzen ist das noch nicht nötig: „Ich habe gedacht, es ist mein Instrument“, beschreibt Olena Guliei die ersten Versuche mit dem Cello „Ich habe gespürt, dass es zu mir passt.“

Die Ukrainerin kommt aus einer Musikerfamilie. Die Eltern und die Schwester spielen Geige, für Olena suchte die Mutter das Cello aus. Im Alter von sechs Jahren bekam sie den ersten Unterricht, am ersten Wettbewerb nahm Olena mit acht Jahren teil, und schon damals wurde ihr klar, dass musizieren weit mehr war als nur ein Hobby.

Erst zwei ganze Violoncelli habe die Musikerin in ihrer Laufbahn gespielt, übersetzt die Freundin. Niemals, so betont sie, hätte Olena sich ein so teures Violoncello, wie sie jetzt spielen darf, leisten können. Die Annäherung an ein neues Instrument ist ein Prozess, der Geduld erfordert. Die Cellistin betont, dass gerade bei diesen wertvollen Instrumenten jedes seine eigene Farbe habe und man Zeit brauche, um alles zu entdecken. Jedes Instrument sei wie eine andere Welt. Aber eine Eigenschaft des Cellos von Rocca erleichtert die Suche. „Es antwortet schneller“, erklärt sie auf Deutsch: „Und es versteht schneller, was ich möchte.“

Zwei Wochen spielte Olena Guliei zunächst nur Zuhause und im Unterricht, bevor sie das Cello zu Proben mitnehmen konnte. Während der Arbeit mit ihrem Kammermusikpartner Volodymyr Lavrynenko war dann sofort eine deutliche Veränderung zu spüren. Bei den Proben mit dem alten Instrument hatte sich der Pianist immer zurückhalten müssen. Nun schaffen es beide besser, eine klangliche Balance herzustellen. Das Duo hatte im September 2015 beim „Premio Trio di Trieste“ unter 37 Bewerbern den ersten Preis und den Publikumspreis erspielt. Neben dem Preisgeld bekamen sie damit auch die Möglichkeit, Konzerte zu geben. Einige sollen in den kommenden Wochen in Italien folgen – diesmal mit dem neuen Cello.

Sommer – das zweite Gespräch

Auch beim nächsten Treffen hilft die Freundin wieder bei der Verständigung und erzählt in Olena Gulieis Namen, dass das Violoncello nun ein Teil der Cellistin geworden sei. Die Beschäftigung mit dem Ausdruck stand für diese in den vergangenen Monaten im Vordergrund. Dabei hat sie deutlich gespürt, wie sehr ihr das Instrument von Rocca dabei hilft, ihre musikalischen Ideen umzusetzen, denn sie kann auf diesem deutlich mehr Klangfarben erzeugen als auf ihrem vorherigen Cello und auch die Artikulation differenzierter gestalten.

Auf der Konzertreise hat sich auch der positive Eindruck beim Zusammenspiel betätigt. Durchweg beglückende Konzerterfahrungen habe sie mit ihrem Pianisten daher in Italien gemacht, freut sich die Cellistin noch im Nachhinein. Da Olena Guliei ungern fliegt, ist die junge Ukrainerin mit der Bahn unterwegs gewesen. Dabei hat sie ihr Instrument nie aus den Augen gelassen. Selbst auf die Toilette hat sie es mitgenommen. Zu groß war die Sorge, dass ihm etwas zustoßen könnte. Nicht allein wegen der Kosten, die dann entstehen würden, weicht die Musikerin ihrem Cello nicht von der Seite. „Es ist wie ein lebendiges Wesen“, begründet sie die Vorsicht. In den Sommerferien allerdings wird sich Olena Guliei zum ersten Mal vom Instrument trennen. Sie fährt für zwei Wochen nach Kiew zu ihrer Familie, die sie seit einigen Jahren nicht mehr gesehen hat, und möchte das Violoncello, für das sie zur Ein- und Ausreise ein spezielles Dokument bräuchte, lieber in Hamburg in der Obhut ihrer Schwester lassen.

Herbst – das dritte Gespräch

Diesmal kommt Olena Guliei allein und spricht mutiger Deutsch. Die Cellistin wirkt ernster als im Sommer. Mit der Reise in die Heimat sind die Probleme dort wieder in den Vordergrund gerückt. Zwar sei sie in Kiew nicht unmittelbar von den Auswirkungen des Kriegs betroffen, betont die Ukrainerin und ergänzt: „Aber ich spüre eine innere Unruhe, wenn ich an die Zukunft meines Landes denke.“

In diesem Jahr wird Olena Guliei wichtige Prüfungen bestehen müssen. Im Februar präsentiert sie sich wieder der Jury beim 25. Wettbewerb des Deutschen Musikinstrumentenfonds, und die entscheidet dann über die Leihgabeverlängerung. Außerdem plant die Ukrainerin die Teilnahme an Instrumentalwettbewerben und Probespielen für Orchesterstellen. Auch das Konzertexamen rückt näher. „Ich habe großes Glück gehabt mit dem Cello“, betont Olena Guliei. „Ich bin noch motivierter, denn ich kann viel mehr technisch umsetzen und auch viel kraftvoller spielen.“ So kraftvoll, dass sie sich auch als Solistin vor einem Orchester behaupten könnte.

Olena Guliei beim Preisträgerkonzert DMIF 2016

Olena Guliei beim Preisträgerkonzert des DMIF 2016 © David Ausserhofer/DSM

Die Deutsche Stiftung Musikleben unterstützt die Musikerin nicht nur mit dem Instrument. Dreimal ist Olena Guliei im Rahmen von Konzerten aufgetreten, die die Mitarbeiter der Stiftung geplant haben, und da die Förderung langfristig angelegt ist, werden weitere folgen. Dazu kommt die Vermittlung von Auftritten bei renommierten Festivals wie dem Schleswig-Holstein Musik Festival und den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern. Außerdem steht die Cellistin stetig in Kontakt mit ihrer Patin. Es bedeutet Olena Guliei viel, dass diese regelmäßig zu ihren Konzerten kommt. Die Patenschaft beinhaltet auch eine finanzielle Zuwendung, mit der Olena Guliei einen Teil der Studien- und Lebenshaltungskosten sowie die Kosten für die Instrumentenversicherung bezahlen kann.

„Das ist eine große Hilfe“, bekräftigt Olena Guliei noch einmal. Denn damit schaffe sie es besser, beim Spielen den Druck der herausfordernden Lebenssituation auszublenden und sich voll auf die Musik zu konzentrieren. Gelingen diese Momente so wie am Sonntagmorgen im Februar, berührt die junge Cellistin ihre Zuhörer mit ihrem Spiel, weil man spürt, dass sie etwas zu erzählen hat: „Wenn ich spiele, ist es wie ein anderes Leben. Ich habe meine Geschichte im Kopf.“

Impressionen vom Wettbewerb des DMIF

Impressionen vom Wettbewerb des DMIF © David Ausserhofer/DSM

25. Wettbewerb des Deutschen Musikinstrumentenfonds
Öffentliche Wertungsspiele
Museum für Kunst und Gewerbe (Spiegelsaal)
Freitag, 24. und Samstag, 25. Februar 2017, ca. 9–18 Uhr
Sonntag, 26. Februar 2017, ca. 9–12 Uhr

Einlass alle 20. Minuten

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