Ernste Musik auf dem Prüfstand

Buch-Rezension: Berthold Seliger – Klassikkampf

Ernste Musik auf dem Prüfstand

Laut Berthold Seliger biedert sich die Klassik dem Mainstream an, Orchester verkaufen ihre Seele an Sponsoren und Musiker mutieren zu Marketinghüllen. Stimmt das?

Im deutschen Musikbetrieb ist Berthold Seliger eine Bank. Zumindest wenn es um Unterhaltungsmusik geht. Denn Seliger ist seit Jahrzehnten Agent, vertritt unter anderem Patti Smith. Und seit seinen Büchern „Das Geschäft mit der Musik“, in dem er Insider-Wissen ausplauderte und „I Have A Stream“, das für eine Abschaffung des gebührenfinanzierten Staatsfernsehens plädiert, ist er auch ein lautstarker Wortrebell – der sich jetzt in „Klassikkampf. Ernste Musik, Bildung und Kultur für alle“ mit seinem geballten Zorn und all seiner Musikleidenschaft auf die Klassik stürzt.

Wobei sich das Buch aber explizit nicht an die Liebhaber und Kenner dieser Musik richtet, sondern die klassikfernen Menschen ansprechen will. Wer eh gerne skeptisch auf den Bereich der ernsten Musik schaut, weil weder Kenntnis noch Interesse da ist, dem dürfte die schäumende Generalwatsche, die Seliger austeilt, durchaus gefallen. Betrachtet man die seine Argumentation aber etwas genauer, fängt sie schnell an zu bröckeln.

Verpönte Sponsoren

So prangert Seliger etwa an, dass viele Orchester und Häuser inzwischen massiv von Konzernen gesponsert werden, vergisst aber, die massiven Subventionskürzungen erwähnen und verschweigt auch, dass die Unterhaltskosten von weltweit renommierten Klangkörpern wie etwa den Berliner Philharmonikern, auf die sich seine Wut richtet, in den vergangenen Jahren massiv gestiegen sind.

Auch dass Orchester Marketing betreiben und sich Livestreams bezahlen lassen, ist Seliger ein Dorn im Auge. Besonders hat er es da auf die Digital Concert Hall der Berliner Philharmoniker abgesehen. Wobei natürlich auch die Hamburger Elbphilharmonie ihr Fett wegkriegt: zu teuer, zu elitär, zu sponsoringlastig – ein Bau, der von den Hamburgern finanziert wurde, wobei die meisten ihn nicht nutzen können oder wollen. Dass hier viele Konzerte via Facebook kostenlos im Livestream verfolgt werden können, erwähnt er ebenso wenig wie die frei zugänglichen Public Viewings im Sommer, die übrigens nicht nur von der Elbphilharmonie, sondern auch von den Berliner Philharmonikern hochgehalten werden.

Ein Watschenfest in Buchform

Nach einer Generalkritik an den Plattenlabels, die dem Mainstream nachrennen und an ihren Klassikverkaufszahlen scheitern, obwohl (oder gerade weil) sie Musiker zu leeren Marketinghüllen mutieren lassen, die nur noch der hohlen Optik denn dem durchdachten Klassikklang frönen sollen (womit er nicht ganz Unrecht hat), folgt natürlich noch die Anklage des Staates, der zu wenig Geld und Zeit und Mühe in die Bildung des Nachwuchs steckt. Klassik solle sich nicht anbiedern, lieber müssten Kinder wieder lernen, sich mit ernster Musik auseinanderzusetzen. Was natürlich stimmt. Aber leider erwähnt Seliger mit keinem Wort, wie denn solche Vorhaben finanziert werden sollen. Er fordert und prangert an, hat aber selbst keine praktikablen Lösungen parat und ruht sich lieber auf utopischen linken Visionen aus.

Das ist ebenso schade wie seine Kritik am Repertoire des Klassikbetriebes, das seiner Meinung nach über den gängigen Kanon aus Mozart, Bach und Beethoven kaum hinausgeht. Zahlreiche Klangkörper und Klassikfestivals dürften ihm da dank durchdachter und vielfältiger Programme, eindeutig und vor allem mühelos widersprechen. Wobei es dann aber ausgerechnet Beethoven ist, auf den sich Seliger stürzt und den er als musikalischen Helden hochhält, wenn es um Gedanken- und Musikrevolution geht. Beethoven ist als Beispiel da zwar gut und vor allem treffend gewählt, aber dank der vorherigen Anprangerungen im Buch, kann die Argumentationsrakete, die Seliger rund um den Komponisten gebaut hat, dann leider nicht so recht zünden. Ein Phänomen, das sich dank zu einseitigen Blickwinkeln durch seinen gesamten „Klassikkampf“ zieht.

Klassikkampf. Ernste Musik, Bildung und Kultur für alle
Berthold Seliger
496 Seiten
Matthes & Seitz Berlin

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *