Der Querdenker

Buch-Rezension: Glenn Gould – Freiheit und Musik

Der Querdenker

Nachdem die beiden Bände von Goulds „Schriften zur Musik“ seit langer Zeit vergriffen waren, veröffentlicht Reclam nun vier Texte des Kompendiums als eigenständiges Büchlein in der Reihe „Was bedeutet das alles?“

Nicht nur Glenn Goulds Werkinterpretationen polarisierten, sondern auch seine mündlichen und schriftlichen Äußerungen zur klassischen Musik. Gould, dessen Marotten (das Mitsummen beim Spielen oder auch das Tragen von Handschuhen, Mütze und Schal – selbst im Hochsommer) bis heute ebenso legendär sind wie seine Aufnahmen von Bachs Goldberg-Variationen, hat Zeit seines Lebens nicht nur jedes Werk so gespielt, als wäre es eben erst entstanden und er dessen allererster Interpret überhaupt. Er hat sich seit jeher auch tiefe Gedanken zur Musik und ihrer Entwicklung gemacht und diese für diverse Formate notiert.

Loblied auf die Negation als kreativen Moment

Im Jahr 2002 kamen hierzulande seine gesammelten Schriften in zwei Bänden im Piper Verlag heraus, die aber schon seit geraumer Zeit vergriffen sind und auch nicht wieder neu aufgelegt wurden. Nun hat der Reclam Verlag vier Texte aus den beiden Bänden „Schriften zur Musik“ entnommen und neu veröffentlicht. Was zunächst lediglich einen Ausschnitt aus Goulds gedanklicher Musikwelt vermuten lässt, entfaltet auf knapp achtzig Seiten den kompletten Denkkosmos des kanadischen Pianisten.

Während Gould in „Rat an eine Abschlussklasse“ ein Loblied auf die Negation als kreativen Moment singt, macht er sich in dem kurzen Text „Kritiker“ Sorgen um eben jene schreibende Zunft und sucht für das Berufsfeld eine Zukunftsperspektive, indem er dem Kritiker die Rolle des „Verbraucheranwalts“ zukommen lässt.

Glenn Gould und die Liebe zur Musik

Wie abseitig und doch tiefgründig Glenn Gould gedacht hat, beweist er in dem Aufsatz „Für ein Applausverbot!“, in dem er den Applaus als oberflächliche Reaktion auf Musik verdammt und zugleich mit GPAAKAA (Gould-Plan zur Abschaffung von Applaus und Kundgaben aller Arten) Alternativen aufzeigt, wie in Zukunft Konzerte gespielt werden sollten, damit einzig und allein die Innigkeit der Musik eine Rolle spielt und eben nicht der äußerliche Tand, der komplett irrelevant ist. So verquer manche dieser Gedanken mit dem zeitlichen Abstand von ein paar Jahrzehnten heute scheinen mögen, so zeugen Goulds Überlegungen mit jedem Wort von einer tief empfunden Musikliebe, die nach neuen Huldigungsformen sucht.

Nicht minder interessant ist der Text „Die Zukunftsaussichten der Tonaufzeichnung“. Zum einen, weil Gould sich 1966 zu der Äußerung hinreißen ließ, dass dank moderner Technik in hundert Jahren normale Klassikkonzerte nicht mehr stattfinden würden – Tonaufzeichnungen sei dank. Zum anderen, weil Gould sich bereits 1964 im Alter von nur 32 Jahren aus den Konzertsälen zurückzog und verstärkt Studioaufnahmen machte. Eine Entwicklung, die seinem Charakter entsprach, weil er im Studio – anders als auf der Bühne – sämtliche Abläufe kontrollieren konnte. Goulds Gedanken zur Konservierung und Reproduzierbarkeit von Musik zeugen von einer tiefergehenden Auseinandersetzung mit dem Thema, wobei er sich zum Teil an die beiden Medientheoretiker Walter Benjamin und Marshall McLuhan anlehnt, ihnen in einigen Punkten aber auch widerspricht.

Über die Theorie eines Praktikers

Obwohl in „Freiheit und Musik“ lediglich vier Reden und Schriften des kanadischen Musikers versammelt sind, zeugen sie beeindruckend anschaulich davon, wie sehr Glenn Gould nicht nur in der Praxis, sondern auch in der Theorie verankert war – allerdings auf eine sehr individuelle und freiheitsliebende Weise. Bleibt zu hoffen, dass der Reclam Verlag auch die weiteren Schriften Goulds aus der Versenkung holen wird. Denn selten wurden theoretische Gedanken zur Musik derart erfrischend verquer erdacht und formuliert.

Freiheit und Musik – Reden und Schriften
Glenn Gould
80 Seiten
Reclam

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