Blick hinter die Kulissen

Buch-Rezension: Michael Walter – Oper. Geschichte einer Institution

Blick hinter die Kulissen

In seinem Buch „Oper. Geschichte einer Institution“ wirft Michael Walter einen ausführlichen Blick auf den Opernarbeitsalltag früher und heute

„Oper. Geschichte einer Institution“. Wer den Titel des Buches von Michael Walter ungenau liest, könnte etwas ganz andere erwarten, nämlich eine Geschichte der Gattung Oper. Doch abgesehen davon, dass dieses Buch dann nur eines unter vielen wäre, geht es hier weder um berühmte Komponisten noch um bedeutende Werke, auch nicht um die bekanntesten Arien und die schönsten Chorszenen. Die Entwicklung der Gattung Oper kommt durchaus vor, aber eher als Stichwortgeber.

Stattdessen liegt der Schwerpunkt auf der im Titel erwähnten Institution. Umgangssprachlich formuliert: Es geht nicht um den künstlerischen Gehalt des Werks, sondern um das ganze „Drumherum“ der Aufführungen. Wer schon immer mal wissen wollte, wie beschwerlich Reisen in früheren Jahrhunderten war, wie kompliziert das Geldwesen organisiert war, wer für den Betrieb eines Opernhauses verantwortlich war, wie man all die notwendigen Beteiligten zusammenbekam oder was Sänger verdienten, der ist hier an der richtigen Adresse.

Von Subventionen und Sponsoren

In sieben ausführlichen Kapiteln wird dargestellt, wie das System Oper funktionierte. Wer sich ein wenig damit beschäftigt hat, wie Opernhäuser heute organisiert sind, weiß, dass es oft einen festen Personalstamm gibt, für besondere Aufgaben aber auch externe Kräfte engagiert werden. Das passiert meist in den wichtigsten Positionen: Der musikalischen Leitung, der Regie, aber auch bei den Hauptrollen. Während in Deutschland die meisten Opernhäuser massiv subventioniert werden, müssen diese sich in den USA in der Regel selbst tragen oder sind von Sponsoren abhängig.

Michael Walter hat genauestens nachgespürt, wie dies früher funktionierte, und zwar seit Erfindung der Oper um 1600 und praktisch weltweit. Das Impresario-System wird ebenso durchleuchtet wie die Hofoper, Reisen zu Fuß, mit der Kutsche oder später mit der Eisenbahn, das Ansehen der Oper, der Anspruch des Publikums, aber auch Details, an die heutige Operngänger wohl nicht direkt denken: Pensionsansprüche oder Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, insbesondere bei Sängerinnen und Sängern oder auch die Vergütung von Komponisten. Diesem Themenkomplex widmet Walter unter der Überschrift „Rechtsfragen“ ein komplettes Kapitel. Ein weiteres, ebenso umfangreiches Kapitel ist den Rahmenbedingungen gewidmet. Dazu gehören neben den Reisen vor allem Fragen der jeweils gültigen Währung und vor allem deren Umtausch in andere.

Währungskauderwelsch

Bei dieser umfangreichen Faktensammlung ist es erstaunlich, dass der Autor mit relativ wenigen Fußnoten auskommt. Wenig genannt werden auch Komponisten, doch spiegelt dies – im Gegensatz zu einer Geschichte der Gattung Oper – genau deren Bedeutung, die im System Oper deutlich in Grenzen hielt.

Zwei Kritikpunkte bleiben: Aufgrund der äußerst komplizierten Währungssituation im 17., 18. und frühen 19. Jahrhundert wird zwar (manchmal zu) ausführlich erklärt, wie Schecks, Wechsel, Kredite, Banknoten und Münzen funktionierten, doch verweigert der Autor mit Verweis auf ganz andere Lebenshaltungskosten und eines ganz anderen Steuersystems der jeweiligen Epoche eine auch nur ungefähre Umrechnung in Euro oder Dollar. Wenn im Verlauf des Buches für einen Sänger ein Gehalt von 1000 Taler, Zecchini, Lire, Franc, Louis d’or oder sonstiger Währung angegeben wird, so nützt diese Zahl wenig, wenn man sie nicht wenigstens ungefähr in aktuelle Währungen umrechnen kann.

Und der Autor neigt in seiner ansonsten gut verständlicher Sprache dazu, weitere Zusammenhänge in Klammern anzufügen – oft genug in solchem Umfang, dass der Inhalt einen neuen Satz hätte bilden können. Das sind aber auch die einzigen Makel an dieser umfangreichen Studie, die eine hervorragende Ergänzung zu jeder „Geschichte der Oper“ darstellt. Empfehlenswert.

Oper. Geschichte einer Institution

Michael Walter
470 Seiten
J. B. Metzler

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