Der American Fotoplayer

Wundersame Randnotiz

Instrument oder Maschine? Die Frage lässt sich kaum eindeutig beantworten. Der American Fotoplayer ist ein teilautomatisierter Hybrid aus Klavier, Orgel und diversen Klangeffekten

Symbolbild Stummfilm im Kino © shutterstock

Symbolbild Stummfilm im Kino

Sein Name allein reicht nicht aus, um eine Vorstellung davon zu erhalten, was sich hinter dem Instrument mit der Größe eines Kleinwagens verbirgt. Der Anblick des American Fotoplayers lässt jedoch erste Schlüsse auf seine Funktion zu. Neben einer in dem Holzgehäuse verbauten Klaviatur sind diversen Orgelpfeifen, Schlaginstrumente und unzählige Hebel, Knöpfe und Schalter integriert. Was heute unvorstellbar ist: Der American Fotoplayer ist ein Instrument zur Live-Vertonung von Stummfilmen.

Der Wunsch nach mehr

Nachdem die ersten Stummfilme Hollywoods in den Kinos immer mehr Zuschauer anlockten, wuchs die Nachfrage nach authentischer Begleitmusik und Effekten. Die Kinogänger forderten die Hupe des Autos, oder das Klingeln des Telefons, die im Film zu sehen war, auch zu hören, statt sich den Klang lediglich vorstellen zu müssen. Oftmals wurden Filme zu Beginn des Kinozeitalters von einem Pianisten begleitet, bestenfalls von einem kleinen Orchester – bis die Brüder Burt und Harold van Valkenburg aus Minnesota auf eine Idee kamen…

Das Prinzip des elektrischen Klaviers, welches mithilfe von Notenrollen selbstständig spielt, diente als Grundlage ihrer Erfindung, welche die Brüder mit zusätzlichen Orgelpfeifen, betrieben durch eine elektrifizierte Luftpumpe, versahen. Gleichzeitig waren beide Instrumente manuell spielbar. Auch Schlaginstrumente wie Pauken, Trommeln und Becken fanden im inneren des American Fotoplayers Platz, die mit Hebeln und Handzügen bedient werden konnten. Verbaute Rasseln, Tröten und Hupen sorgten für die vom Publikum so heiß begehrten Spezialeffekte.

Multitasking vorausgesetzt: American Fotoplayer

Je nach Filmszene musste ein Musiker die eigens für den American Fotoplayer hergestellte Notenrollen, mit Namen wie „dramatic – agitato“ oder „hurry – chase – comedy“ abspielen, um für die passende musikalische Untermalung zu sorgen. Der Nachteil: Nach jeder Szene musste eine neue Rolle eingesetzt werden, wobei jedoch nicht die Hebel und Knöpfe mit den Effekten außer Acht gelassen werden durften. Für den Musiker insgesamt eine extrem schweißtreibende Aufgabe.

Was aus heutiger Sicht abenteuerlich klingt, war zwischen 1912 und 1928 ein Garant für ein unvergessliches Kinoerlebnis. Bis zu zehntausend Exemplare wurden gebaut, von denen nur ein Bruchteil erhalten blieb. Mit der Erfindung des Tonfilms, gegen Ende der 1920er Jahre, war abrupt Schluss mit dem Erfolg des skurrilen Instruments. Auch bei den heute populären Stummfilmkonzerten spielt der American Fotoplayer keine Rolle mehr. Er bleibt eine Randnotiz in der Filmgeschichte – wenn auch eine einmalig wundersame.

Der American Fotoplayer in Aktion:

Die ideale Stummfilmuntermalung:

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