Das Talerschwingen

Vom Milchgeschirr zum Musikinstrument

Das Talerschwingen ist zugleich Klangteppich, Geschicklichkeitsübung und Touristenattraktion und wird bis heute in jedem ostschweizerischen Jodelclub geübt

Talerschwingen © Marcel Steiner

Talerschwingen © Marcel Steiner

Klänge können beruhigend wirken. Nicht nur auf Menschen, sondern auch auf Kühe. Deswegen tragen die vordersten drei Tiere bei der Alpfahrt auch drei unterschiedlich große Glocken, die sich zu einem Dreiklang zusammenfügen und der die Herde führt. Diese „Schölle“ (Schellen) werden in der Schweiz auch als Begleitung des Naturjodlers verwendet. Mit bis zu 20.000 Euro sind diese allerdings kein billiges Vergnügen. Findige Sennen sind deshalb auf die Idee gekommen, statt der Glocken einfache Tonschüsseln zu nehmen, an deren abgeschrägten Wänden sie ein Fünffrankenstück entlang rollen ließen.

Die konischen Talerbecken wurden vormals als Milchgeschirre verwendet, die in der Sennhütte als Rahmauffänger dienten. Früher gab es sie in vielen verschiedenen Größen. Eine kleinere Schüssel passte immer in die nächstgrößere, sodass im größeren Geschirr alle anderen untergebracht werden konnten. Aus diesem Satz wurden drei Talerbecken zum „Gspil“ (Spiel) ausgewählt, meist in den Größen aus je einem drei, vier und fünf Liter fassenden Geschirr. Die Talerbecken werden durch einen silbernen „Fünfliber“ (Fünffrankenstück) in Schwingung gebracht – seit den Amerika-Auftritten einiger Appenzeller Musikanten wird hin und wieder auch schon mal ein Silberdollar verwendet.

Talerschwingen

Talerschwingen © Simon Kaufmann

Talerschwingen: Geschicklichkeitsübung und Touristenattraktion

Wie funktioniert das Talerschwingen? Der Talerschwinger hält das Geschirr auf der ausgespreizten linken Hand und wirft das Geldstück mit der Rechten an die konische Innenwand. Dann versucht er mit sparsamer Drehbewegung der linken Hand den „Fünfliber“ auf seiner Kante an der Beckenwand gleichmäßig entlangrollen zu lassen. Als Geschicklichkeitsprobe gilt es, zwei oder – seltener – drei bis vier Münzen gleichzeitig laufen zu lassen. Allerdings heißt es dabei stets die Ruhe zu bewahren, denn ist der Talerschwinger bei einem Auftritt nervös, landet das Geldstück schnell mal auf dem Beckenboden oder – was noch schlimmer ist – schießt gar über den Beckenrand hinaus.

Früher waren es ausschließlich Männer, genauer gesagt Sennen, die sich die Zeit mit dieser musikalischen Unterhaltung vertrieben haben. Als Unterhaltungsspiel, Geschicklichkeitsübung und vor allem als Touristenattraktion wird das Talerschwingen solistisch aufgeführt. Meistens lassen aber drei Talerschwinger die Münzen als Bordun-Begleitung zum mehrstimmigen Naturjodel – dem bloßen Singen von Silben im Unterschied zu dem von Liedstrophen unterbrochenen Jodellied – der Innerrhodner, dem „Rugguserli“ oder demjenigen der Außerrhodner, dem „Zauren“ rollen.

Talerschwingen

Talerschwingen © Dennis Lück

App statt Milchschüssel

Das Talerschwingen in Begleitung zum Naturjodler ist eine Spezialität der Appenzeller und Toggenburger. Es scheint erst Anfang des 20. Jahrhunderts aufgekommen zu sein. In Appenzell Außerrhoden muss das Talerschwingen vor allem um 1930 sehr verbreitet gewesen sein, während es in Appenzell Innerrhoden damals schon als „Herumhausieren mit heimatlichen Bräuchen“ bezeichnet wurde.

Heute wird das Talerschwingen in jedem ostschweizerischen Jodelclub geübt, neuerdings wird es auch in der übrigen Schweiz versucht. Und wer es einmal selbst ausprobieren will, muss nicht gleich drei Milchschüsseln kaufen, sondern kann sich kostenlos die Talerschwingen-App runterladen.

Naturjodel „Zäuerli“ vom Jodlerclub Alpeblueme Herisau mit Talerschwingen:

Talerschwingen in der Fußgängerzone:

Auch in den USA wird versucht die Schweizer Musiktradition zu pflegen:

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