Klassik meets Jazz: George Gershwins „Rhapsody in Blue“

An Experiment in Modern Music

Die „Rhapsody in Blue“ von George Gershwin ist nicht nur eine seiner bekanntesten Kompositionen - sie zählt zu den populärsten Werken im Grenzbereich zwischen Klassik und Jazz

New York © gemeinfrei

New York

Als George Gershwin in den letzten Dezembertagen des Jahres 1923 von Paul Whiteman gefragt wurde, ob er nicht für ein von ihm organisiertes Konzert in der New Yorker Aeolian Hall ein neues Jazzstück für Orchester komponierten wolle, lehnte er sofort ab. Gershwin gab vor, terminlich zu stark ausgelastet zu sein, wobei der wahre Grund eher in seiner geringer Erfahrung mit Orchesterkompositionen lag – war er bis dato doch lediglich als Komponist für kleinere Broadway-Kapellen in Erscheinung getreten. Der Stern der „Rhapsody in Blue“ schien bereits erloschen, bevor er überhaupt aufgegangen war.

Dennoch ließ Whiteman nicht locker. Kurzerhand setzte er das abgelehnte Werk ohne Gershwins Wissen auf das Konzertprogramm und flunkerte in einem Presseartikel, dass selbiger bereits mit Hochdruck an dem neuen Jazzstück, einem „Experiment in Modern Music“, arbeiten würde. Da es mittlerweile nur noch fünf Wochen bis zum Konzerttermin waren, rief Whiteman Gershwin an und teilte ihm mit, dass es keinen weiteren Grund zur Diskussionen geben würde. Er müsse liefern. Gershwin blieb nichts anderes übrig, als sich an die Arbeit zu machen. Immerhin war die Musikwelt bereits im Glauben, dass er an einem Orchesterstück arbeiten würde.

Eine zündende Erkenntnis

Gershwin stand nun vor der Aufgabe, ein Werk zu komponieren, mit dessen vorgegebenen Eigenschaften er bisher weder praktische Erfahrung noch größere Bekanntschaft gemacht hatte. Schließlich war ihm der Jazz bisher nur in Form des „Symphonic Jazz“ von Whitemann bekannt. In einem Interview merkte er an: „Er ist wirklich ein Gemisch vieler Dinge. Er hat etwas vom Ragtime, vom Blues, vom Klassizismus und von den Spirituals, aber im Grunde ist er eine Sache des Rhythmus.“ Eine ernsthafte Definition des Jazz schien Gershwin folglich nicht besonders wichtig. Er war allerdings der erste Komponist, der im Jazz ein freiheitliches Lebensgefühl ausmachte, das sich über spezielle Instrumentierungen und Artikulationen vom Rest der Musikwelt abhob. Mit dieser Erkenntnis machte er sich an die Arbeit.

Vorreiter in Zeitnot

George Gershwin

George Gershwin © gemeinfrei

Während der Arbeit an dem Stück setzte sich Gershwin das Ziel keinen „echten“ Jazz mit improvisativen Elementen zu schaffen, sondern vielmehr die Stilhöhe zwischen beiden Genres zu überwinden, womit er indirekt den Grundstein für die erst dreißig Jahre später aufkeimende Idee des „Third Stream“ von Gunther Schuller legte. Nach mehreren Wochen intensiver Arbeit schickte Gershwin schließlich eine Fassung für zwei Klaviere des noch „American Rhapsody“ betitelten Werks Whitemanns Arrangeur Ferde Grofé. Dieser schnitt sein Orchesterarrangement auf das eigentlich dreiundzwanzig-köpfige und extra für das Stück um neun zusätzliche Musiker erweiterte Ensemble Whitemans zu, dennoch mussten einige Musiker bis zu vier Instrumente bei der Premiere übernehmen. Nur acht Tage vor dem geplanten Konzert war die Orchestrierung fertiggestellt.

„Rhapsody in Blue“

Die Komposition selbst ist geprägt von Merkmalen des Jazz mit getragenen Themen, synkopierter Rhythmik und jazztypischen Dissonanzen, eingebettet in die klassische Sonatenhauptsatzform. Gershwins Ziel, die Improvisation auszusparen und den Jazzausdruck mittel Artikulation zu vermitteln, gilt als eines der kommerziell erfolgreichsten Versuche den Jazz mit Kunstmusik zu verbinden. Und das, obgleich die Synthese beider Gattungen in der „Rhapsody in Blue“ bei einer differenziert-analytischen Betrachtung seinem Anspruch nicht gerecht wird – was dem Unterhaltungscharakter des Werk keinen Abbruch tut.

Improvisierte Uraufführung

Die Uraufführung des Werkes mit George Gershwin am Klavier fand schließlich am 12. Februar 1924 statt – als letztes von insgesamt sechsundzwanzig Stücken am Abend. Legendär ist bis heute die Einsatz-Angabe auf seinem in Zeitnot hergestelltem Behelfsexemplar des Klaviersatzes. Die Angabe lautete schlicht „Wait for nods!“, frei übersetzt, „Warte, bis dir einer zunickt!“. Trotz der widrigen Notensituation, einer ausgefallener Saalklimaanlage und eines ungeduldigen Publikums, war die Uraufführung ein großer Erfolg für Gershwin – zugleich auch das Ende der wohl fünf stressigsten Wochen seines Lebens.

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