Klassik meets Jazz: Paul Whitemanns Symphonic Jazz

Gefällig und erfolgreich

Der Sound des amerikanischen Bandleaders Paul Whiteman ging als Symphonic Jazz in die Musikgeschichte ein. Mit seiner Einspielung „Whispering“ landete er den ersten Millionenhit der Tonträgerindustrie

Paul Whiteman © Wikimedia Commons

Paul Whiteman

Nachdem sich zunächst nur klassische Komponisten für den aufkeimenden Jazz interessierten und seitens der Jazzmusiker wenig Anteilnahme an der Kunstmusik bestand, wendete sich das Blatt zu Beginn der 1920er-Jahre mit dem Symphonic Jazz. Ort des Geschehens waren jedoch nicht die Südstaaten der USA, sondern das legendäre Fairmont Hotel in San Francisco. Hier arbeitete seit 1918 der aus Colorado stammende Bandleader Paul Whiteman als Leiter des Hausorchesters, der als selbsternannter „King of Jazz“ erstmals klassische Elemente in seinen Arrangements verwendete.

Whiteman, 1890 in Denver geboren, war ursprünglich als Geiger in verschiedenen Sinfonieorchestern tätig, also mit dem klassischen Repertoire durchaus vertraut, als er begann, als Leiter von Revue- und Jazzorchestern zu arbeiten. Nachdem er das Orchester des Fairmont Hotels innerhalb kurzer Zeit auf kommerziellen Erfolgskurs brachte, gelang es ihm, vermehrt weiße Jazzmusiker zu verpflichten, darunter auch legendäre Bandleader wie Bix Beiderbecke und Bing Crosby. Fortan entwickelten sie gemeinsam einen Sound, der sich von den führenden Jazzorchestern der Zeit, aufgrund der komplexen Arrangements, deutlich unterschied. Die fast symphonische Größe des Klangkörpers, machte es ihm möglich, seine Orchestererfahrung einfließen zu lassen – da lag es fast auf der Hand, sich bei den klassischen Meistern zu bedienen. Das Ziel war ein gefälliger Jazz durch Anlehnung an die Kunstmusik.

Paul Whiteman mit seinem Orchester, 1921

Paul Whiteman mit seinem Orchester, 1921 © gemeinfrei

Erster Millionenhit der Geschichte

Als sich Paul Whiteman & His Ambassador Orchestra am 23. August 1920 zu ihrer ersten Aufnahmesession trafen, ahnte noch niemand, wie erfolgreich ihr Symphonic Jazz wirklich werden würde. Die nur 32-taktige Komposition mit dem Titel „Whispering“, geschrieben von John Schonberg und Richard Coburn und von Whiteman in dem neuen Stil arrangiert, verkaufte sich ab September desselben Jahres innerhalb kürzester Zeit fast zwei Millionen Mal – was ungefähr der Anzahl aller in den USA verfügbaren Plattenspieler entsprach. Die Nachfolge-Single „Three O’Clock in the Morning“ traf den Zeitgeschmack ebenso und brach den eigenen Rekord wenig später nochmals um 1,4 Millionen Exemplare.

Symphonic Jazz

Musikgeschichtlich blieb der sinfonische Jazz jedoch eine Randerscheinung – diente er doch hauptsächlich Unterhaltungszwecken, zumal Whitemans Ensemble aus der heutigen Perspektive eher als Showorchester wahrgenommen werden würde. Dennoch, der Symphonic Jazz, der sich an der abendländischen Musizierpraxis orientiert und dessen Arrangements gleichzeitig auf Jazzelemente beruhen, blieb einzigartig. Dass gerade dieses Genre den ersten Millionenhit der Musikgeschichte lieferte, tröstet sicher ein wenig über nicht lange anhaltenden Erfolg hinweg.

Paul Whitemans Erfolgssingle „Whispering“ von 1920:

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