Sondheims Musical „Ab in den Wald“ in Hildesheim

Wo das Rotkäppchen seine Neurosen auslebt

In Stephen Sondheims Musical „Ab in den Wald“ wird die Märchenwelt der bitteren Realität ausgesetzt

Ab in den Wald/Theater für Niedersachsen. Märchen-Erzähler Jens Krause © Theater für Niedersachsen

© Theater für Niedersachsen

Ab in den Wald/Theater für Niedersachsen. Märchen-Erzähler Jens Krause © Theater für Niedersachsen

Seit Rob Marshall „Into the Woods“ 2014 mit Meryl Streep als Hexe verfilmte, erlebt das Musical von Stephen Sondheim hierzulande unter dem deutschen Titel „Ab in den Wald“ eine kleine Aufführungsrenaissance. Wobei die Inszenierungsfülle zusätzlich durch das 20-jährige Uraufführungsjubiläum des Broadway-Hits befeuert wird. Nun heißt es also auch am Theater für Niedersachsen für Aschenputtel, Rotkäppchen, Rapunzel und Jack mit dessen Bohnenranke „Ab in den Wald“, wo sie diverse Abenteuer bestehen müssen und nebenbei auch noch auf den Bäcker und seine Frau, die beiden einzigen Figuren, die originär nicht einem Märchen entsprungen sind, nebst der Hexe und diversen schmachtenden Prinzen treffen – Wortwitz und Situationskomik inklusive.

Was zunächst anmutet, als würde man die Gebrüder Grimm einer Überdosis Lachgas aussetzen, entpuppt sich aber schnell als raffiniertes Bühnenstück mit einer musicaluntypischen großen stilistischen Vielfalt, bei der jeder Charakter in dem fast komplett durchkomponierten Stück ein eigenes Leitmotiv bekommt. Ob nun der Sprechgesang der Hexe, der fast schon wie ein Rap erklingt, oder das sehnsuchtsschmachtende Duett der beiden Traumprinzen – Stephen Sondheim beweist, wie breit er aufgestellt ist – und was Musical musikalisch kann.

Bitterböse Märchenpersiflage: „Ab in den Wald“

Als Montage im Stil mittelalterlicher Aventüren lassen Sondheim und Autor James Lapine die beliebten Grimmschen Märchenfiguren, zu denen sich noch die englische Kindergeschichte um Jack und die Riesen gesellt, aufeinander treffen, die dann nach einem trügerischen Happy End am Ende des ersten Aktes im zweiten Teil an der Realität, in die sie hineinkatapultiert werden, nahezu zerschellen. Zugleich müssen sie sich dann aber auch noch den Rachegelüsten der trauernden Riesenwitwe stellen. Nach diesem Märchenmarathon lebt garantiert niemand mehr glücklich bis an sein Lebensende.

„Ab in den Wald“ ist eine ebenso bitterböse wie gelungene Märchenpersiflage, in der die Figuren eben nicht nur gut oder böse, sondern höchst ambivalent und damit komplex sind. Unter der Regie von Craig Simmons, dem neuen Direktor der MusicalCompany in Hildesheim, tummeln sich die verzweifelt-menschelnden Märchenfiguren ab Januar nun auch am Theater für Niedersachsen.

concerti-Tipp:

Sondheim: Ab in den Wald
Theater für Niedersachsen Hildesheim
Mit: MusicalCompany Hildesheim, Craig Simmons (Regie), Achim Falkenhausen (Leitung)
20.1. (Premiere), 23.1., 6., 11., 28.2., 12.3., 4., 5., 6.4.

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