60 Jahre „West Side Story“

Romeo und Julia in der Großstadt

Heute vor genau sechzig Jahren wurde Leonard Bernsteins „West Side Story“ am Broadway uraufgeführt. Damals ahnte noch niemand, dass es zu einem der erfolgreichsten Musicals der Welt avancieren sollte

West Side Story/BB Promotions/Inszenierung, Regie und Choreografie von Joey McKneely © Susanne Brill

Szenenbild aus "West Side Story"

Es sind Songs wie „Tonight“, „Somewhere“ oder „Maria“, die Bernsteins „West Side Story“ unsterblich gemacht haben. Die Musical-Adaption von „Romeo und Julia“, in der das tragische Liebespaar Maria und Tony zwischen die Mühlen zweier miteinander verfeindeter New Yorker Gangs gerät, ist inzwischen fast ebenso bekannt und berühmt wie Shakespeares Original. Dabei wäre anfangs ja fast alles anders gekommen.

Ursprünglich sollte das Musical nämlich „East Side Story“ heißen und nicht von Straßenbanden, sondern von Juden und Christen handeln, die sich während der Osterzeit um die Vorherrschaft New Yorks streiten. So jedenfalls die Idee, mit der der Choreograf Jerome Robbins im Januar 1949 an Leonard Bernstein herantrat, der sich für dieses Projekt dann auch schnell als Komponist gewinnen ließ und auch dem Vorschlag Robbins folgte, das Buch von Arthur Laurents schreiben zu lassen, der unlängst mit seinem Schauspiel „The Time of the Cuckoo“ am Broadway große Erfolge feierte.

Aus „East Side Story“ wird „West Side Story“

Leonard Bernstein

Leonard Bernstein © gemeinfrei

Aufgrund anderweitiger beruflicher Verpflichtungen von Bernstein und Laurents musste das Projekt rund um die „East Side Story“ aber zunächst ruhen. Erst im August 1955 kontaktierte Arthur Laurents, der einfach nicht von der Musical-Idee lassen wollte, erneut Bernstein, der nun auch voll einstieg. Nachdem aus der „East Side Story“ die „West Side Story“ wurde und der Zwist zwischen Christen und Juden den New Yorker Straßenbanden weichen mussten, damit die Macher nicht in den Verdacht gerieten, das 1922 uraufgeführte Stück „Dreimal Hochzeit“ von Anne Nichols zu plagiieren, holte Bernstein im Januar 1956 Stephen Sondheim für die Gesangstexte mit ins Boot.

Bis zum ersten Probentag am 19. Juni 1957 wurde das Buch dann noch acht Mal umgearbeitet, bevor es ab dem 18. August 1957 für die Tryouts zuerst nach Washington DC und Philadelphia ging. Nicht nur an der Handlung wurde vorher gefeilt, sondern auch an der Musik. Bernstein tauschte – wie beim Musical durchaus üblich – emsig einige Nummern durch. So schrieb er etwa „One Hand, One Heart“ für sein Stück „Candide“, integrierte es letztlich aber in seiner „West Side Story“. Im Gegenzug flog „Oh, Happy We“ heraus und wurde später für „Candide“ verwendet. Was wie musikalische Beliebigkeit aussieht, kommt letztlich aber als ausgeklügelte Komposition daher. Für den Song „Somewhere“ nahm Bernstein etwa Anleihen bei Beethoven und Tschaikowsky, während er für „Cool“ und „A Boy Like That“ ausgiebigen Gebrauch der Zwölftonreihe machte. Als besonders wichtig erwies sich das Dreitonmotiv aus „Maria“, das sich wie ein roter Faden durch das Musical zieht und – mal umgekehrt, mal gespiegelt – dem Stück als musikalische Konstante dient.

Mäßiger Erfolg am Broadway

Broadway, Werbung für Musicals

Inzwischen gehört die „West Side Story“ am Broadway zu den Klassikern © Ludovic Bertron from New York City/Wikimedia Commons

Wovon kaum jemand etwas mitbekam, waren die Querelen, die den Proben vorausgingen: Im April stieg zunächst die Produzentin Cheryl Crawford aus, dafür aber, Sondheims Verbindungen sei Dank, die Produzentenlegende Harold Prince zusammen mit seinem Partner David Griffith ein. Hinzu kam dann noch, dass Jerome Robbins die Choreografie abgeben wollte und nur durch Drohungen Prices dazu gezwungen werden konnte, weiterzumachen. Robbins errang aber auch zwei kleine Siege im Machtgerangel: Zum einen wurde die Probenzeit auf unübliche acht Wochen verlängert, zum anderen durfte er einen Teil der Choreografiearbeit an Peter Gennaro abgeben.

Die Uraufführung der „West Side Story“ fand am 26. September 1957 im Winter Garden Theatre am New Yorker Broadway statt. Obwohl Bernsteins Stück das erste Musical überhaupt war, in dem Gesang, Schauspiel und Tanz quasi gleichberechtigt, weil allesamt sehr anspruchsvoll waren, und es sich als große Herausforderung entpuppte, einen Cast zusammenzustellen, der allen Ansprüchen gerecht wurde, war das Presseecho eher mäßig und ließ beileibe noch nicht auf den Welterfolg schließen, der das Musical einmal werden sollte. Im „Herald Tribune“ war gar ein Verriss zu lesen. So verwundert es nicht unbedingt, dass die „West Side Story“ auf nur 981 Vorstellungen am Broadway kam – ein mäßiger Erfolg.

Szenenbild aus "West Side Story"

West Side Story/BB Promotions/Inszenierung, Regie und Choreografie von Joey McKneely © Johan Persson

Von der Verfilmung zum Welthit

Auch der Umzug gen Londoner West End gestaltete sich schwierig: Es wollten sich zunächst keine Produzenten finden lassen. Niemand konnte sich dazu entschließen, in einem West-End-Theater drei Tote auf der Bühne zu verantworten. Ähnlich schleppend verliefen auch die Produktionen in anderen Ländern. Von einem Welterfolg konnte weit und breit keine Rede sein. Erst mit der Verfilmung durch Robert Wise und Jerome Robbins aus dem Jahr 1961 gelang der „West Side Story“ der legendäre Durchbruch. Der Musicalfilm mit Natalie Wood als Maria (der Gesang wurde von Marni Nixon synchronisiert) und Richard Beymer als Tony, dem Jim Bryant seine Gesangsstimme lieh, wurde mit zehn Oscars ausgezeichnet und eroberte nicht nur die Kinosäle, sondern anschließend auch die Bühnen dieser Welt.

Bernstein, der in seiner „West Side Story“ immer mehr sah als „bloß“ ein Musical, unternahm 1985 unter eigenem Dirigat den Versuch, der Welt zu beweisen, wie sehr er sich hier musikalisch der Oper angenähert hat, indem er mit Opernstars wie Kiri Te Kanawa und José Carreras eine Studioproduktion einspielte. Obwohl das musikalische Ergebnis durchaus respektabel ist, fehlt dieser Einspielung jegliche Frische und Spontanität, die die „West Side Story“ auf der Bühne nach wie vor zu einem zeitaktuellen Ereignis macht.

Shakespeares Balkonszene in New York:

Heutzutage ist die „West Side Story“ von den Bühnen nicht mehr wegzudenken:

Dokumentation über Bernsteins Studioaufnahme von 1985:

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