Werk der Woche – Bruckner: Sinfonie Nr. 5

Eine Melodie für Millionen

Ob nun Klassikkenner oder Klassikverachter – wirklich jeder kennt die ersten sieben Töne aus Bruckners Sinfonie Nr. 5

Anton Bruckner, Gemälde von Ferry Bératon © gemeinfrei

Anton Bruckner, Gemälde von Ferry Bératon

Die Berührungsängste mit dem Werk Bruckners mögen dahingehend begründet sein, als die Kompositionen des tiefgläubigen Katholiken von überbordender harmonischer, kontrapunktischer wie auch handwerklicher Intelligenz sind. Das erste Thema seiner fünften Sinfonie indes mischte sich nachgerade subversiv in das Standardrepertoire der westlichen Zivilisation, und zwar als Hymne für Fußballfans und Ballermann-Touristen, wenn auch dafür nur jene ersten sieben Töne herhalten, die vor fünfzehn Jahren vom Gitarristen Jack White für seinen Song „Seven Nation Army“ verwendet wurden.

Bruckner für alle

Ob diese eigentümliche Folklorisierung des sinfonischen Themas dem österreichischen Komponisten gerecht wird oder nicht, sei dahingestellt. Doch sie ist ein schöner, fast schon plakativer Beleg dafür, wie sehr Bruckners fünfte Sinfonie auch klassikferne Hörer sofort in ihren Bann zieht – was angesichts der gewaltigen zeitlichen Ausmaße des Werkes (ihre Aufführungsdauer beträgt um die achtzig Minuten) und komplexen Harmonien verwundert.

Die sanglichen Melodien begründen nicht allein die Zugänglichkeit der Sinfonie: die sakralen, bisweilen mystischen Anklänge (weshalb Mathias Husmann in seinen „99 Präludien fürs Publikum“ dem Werk den Beinamen „Pfingstsinfonie“ verleiht), die wirkungsmächtigen Extreme hinsichtlich der Dynamik – all das setzte Bruckner in eine für jedermann verständliche musikalische Sprache um, die stellenweise fast schon lautmalerisch ausgestaltet ist.

Missglückte Uraufführung

Franz Schalk

Franz Schalk © gemeinfrei

Allein der Verantwortliche der Uraufführung dieses monumentalen Werks schien die Klangsprache Bruckners weder verstanden noch geschätzt zu haben: Als die Sinfonie 1894 in Graz aus der Taufe gehoben werden sollte, bearbeitete sie der Dirigent Franz Schalk recht grobschlächtig mit umfangreichen Kürzungen sowie Veränderungen und Erweiterungen in der Instrumentierung.

Vielleicht war es also ein Glück, dass der Komponist aus gesundheitlichen Gründen der Uraufführung nicht beiwohnen konnte. Zweifelsohne ein Unglück war jedoch, dass Bruckner sein Werk auch im restlichen Verlauf seines Lebens nie zu Gehör bekam. Immerhin verpasste er aber auch die gut hundert Jahre später einsetzenden Stadiongesänge, die Fußballspiel für Fußballspiel jenes Thema aus dem ersten Satz seiner Sinfonie verhunzen.

Die wichtigsten Fakten zu Anton Bruckners Sinfonie Nr. 5:

Orchesterbesetzung

2 Flöten, 2 Oboen, 2 Klarinetten, 2 Fagotte, 4 Hörner, 3 Trompeten, 3 Posaunen, 1 Tuba, Pauken, Streicher

Aufführungsdauer

80 Minuten

Die Uraufführung fand am 9. April 1894 in Graz statt.

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Referenzeinspielung

Bruckner: 5. Sinfonie
(Volume 3 der CD-Box „Münchner Philharmoniker – Günter Wand“)
Günter Wand
Münchner Philharmonika

Günter Wands Aufstieg als international renommierter Dirigent begann in Köln, wo er über dreißig Jahre lang Erster Kapellmeister der Oper sowie Generalmusikdirektor und Leiter der Gürzenich-Konzerte war. Mit dem dortigen Rundfunk-Sinfonie-Orchester wagte er sich erstmals an Bruckners Fünfte und avancierte unmittelbar nach der umjubelten Aufführung zu einem der wichtigsten Bruckner-Interpreten. Seine Aufnahme der fünften Sinfonie mit den Münchner Philharmonikern aus dem Jahr 1995 nimmt unter den anderen Einspielungen dieses Werkes eine herausragende Bedeutung ein, trafen doch in München die unvergleichliche Bruckner-Expertise des Orchesters mit jener des Dirigenten zusammen.

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Rezensionen

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Zu Günter Wands Konzerten in der in der stets bis zum letzten Hörplatz ausverkauften Hamburger Musikhalle ist man gepilgert. Die legendäre „Ära Wand“ der 80er und 90er Jahre war voller Sternstunden der Bruckner-, Brahms- und Beethovendeutung, Aufführungen mithin, denen in… weiter

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