Werk der Woche – Weber: Der Freischütz

Geister der Vergangenheit

Die Geburtsstunde der deutschen romantischen Oper: Kein anderes Werk der Zeit artikuliert die Ängste und Sehnsüchte einer ganzen Generation so wie „Der Freischütz“

Der Freischütz, 2. Akt: Geisterheer in der Wolfsschlucht. Bühnenbildentwurf, Weimar 1822 © gemeinfrei

Der Freischütz, 2. Akt: Geisterheer in der Wolfsschlucht. Bühnenbildentwurf, Weimar 1822

1821 bekam die italienische Oper erstmals ernsthafte Konkurrenz: Carl Maria von Webers „Freischütz“ wurde uraufgeführt. Damit wurde die Epoche der Romantik für die Opernbühne eingeläutet und bedeutete ebenso die Anfangsstunde der deutschen Nationaloper. Nun sang man nicht nur in einem Singspiel auf deutsch, sondern in einer Oper mit noch dazu typisch romantischen Elementen: Wald, Jäger, Natur. „Nie hat ein deutscherer Musiker gelebt als du“, gestand Richard Wagner am Grab von Carl Maria von Weber.

Mehr noch, für ihn sei Webers „Freischütz”-Ouvertüre sogar das Beste, das er je komponiert habe. Die Ouvertüre stellt beide Sphären vor, die volkstümlich heitere Oberwelt ebenso wie die tiefen Abgründe der Wolfsschlucht. Trügerisch sind die idyllischen Hörnermelodien, denn im Wald geht es unheimlich zu.

Keine Geschichte ohne Happy-End

Bereits 1810 war Weber das nach dem Geschmack der Zeit als Gothic Novel gestaltete „Gespensterbuch“ von Johann August Apel und Friedrich Laun in die Hände gefallen. An einer Erzählung fand er besonders großen Gefallen: „Der Freischütz“. Die Sage schildert einen Fall aus der böhmischen Stadt Taus, in dem ein Schütze, der im Bund mit den dunklen Mächten gestanden haben soll, drei Kugeln gießt, die jedes gewünschte Ziel treffen.

Sogleich arbeitete Weber einen Entwurf aus, den er jedoch nicht weiter verfolgte. Erst 1817 griff Weber, zusammen mit dem deutschen Schriftsteller Johann Friedrich Kind, diese Idee wieder auf. Sie lief zunächst unter dem Titel „Die Jägerbraut“. Außerdem wurden einige Änderungen vorgenommen: Die Geschichte spielte nun in der Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg und wurde darüber hinaus mit einem Happy-End versehen.

Carl Maria von Weber

Carl Maria von Weber © gemeinfrei

„Gelt möchtest gern die Geschichte wissen?“

An seine Braut Caroline Brandt schrieb Weber am 3. März 1817: „Gelt möchtest gern die Geschichte wissen? […] Ein alter fürstl. Förster will seinem braven Jägerburschen Max seine Tochter und Dienst geben, und der Fürst ist es zufrieden, nur besteht ein altes Gesetz, dass jeder einen schweren Probeschuss ausführen muss. Ein boshafter liederlicher Jägerbursche, Kasper, hatte auch ein Auge auf das Mädel und ist aber dem Teufel halb und halb ergeben.

Max sonst ein trefflicher Schütze, fehlt in der letzten Zeit vor dem Probeschuss alles, ist in Verzweifelung darüber und wird dadurch endlich von Kasper dahin verführt, so genannte Freykugeln zu gießen, wovon 6 unfehlbar treffen, dafür aber die 7. dem Teufel gehört. Diese soll das arme Mädchen treffen, dadurch Max zur Verzweifelung und Selbstmord geleitet werden etc. Der Himmel beschließt es aber anders. Beim Probeschuss fällt zwar Agathe, aber auch Kasper, und zwar letzterer wirklich als Opfer Satans, erstere nur aus Schrecken, warum ist im Stück entwickelt. Das Ganze schließt freudig…“

Eine neue nationale Identität

Weber vollendete die Partitur zwischen 1817 und 1821, etwa zur gleichen Zeit als Beethoven an seiner neunten Sinfonie gearbeitet hat. „Der Freischütz“ kombiniert bekannte Elemente mit weniger bekannten. Fantasie und Realität verschwimmen miteinander. Das Individuum ist der Gunst des Schicksals hilflos ausgeliefert. Auf das Verlangen nach Gott antwortet Weber mit dem Erscheinen des Teufels.

Auch sind viele politische wie auch historische Ereignisse der damaligen Zeit in den „Freischütz“ mit eingeflossen: So ruft beispielsweise die vergangene Nachkriegszeit von 1648 bewusst die noch unmittelbar gegenwärtige Nachkriegszeit der Napoleonischen Kriege in Erinnerung. Aus diesem Grund wurde die Berliner Uraufführung schließlich auf den 18. Juni verlegt, das festliche Jubiläumsdatum der Schlacht von Waterloo 1815. „Ins Schwarze getroffen“ jubelte Weber nach der Uraufführung der Oper. Ein Werk, das wie kein anderes seiner Zeit die Ängste und Sehnsüchte einer ganzen Generation artikuliert und nach der napoleonischen Fremdherrschaft zu einer neue nationalen Identität beigetragen hat.

Der Freischütz. Lithografie um 1822

Der Freischütz. Lithografie um 1822 © gemeinfrei

Die wichtigsten Fakten zu Carl Maria von Webers „Freischütz“:

Besetzung
Ottokar, böhmischer Fürst (Bariton), Kuno, fürstlicher Erbförster (Bass), Agathe, die Tochter des Erbförsters (Sopran), Ännchen, Agathes Cousine (Sopran), Kaspar, erster Jägerbursche (Bass), Max, zweiter Jägerbursche (Tenor), Ein Eremit (Bass), Kilian, ein reicher Bauer (Bariton), Vier Brautjungfern (Sopran), Samiel, der schwarze Jäger (Sprechrolle), Erster, zweiter und dritter fürstlicher Jäger (Sprechrollen)

Aufführungsdauer
ca. 2 1/2 Stunden

Die Uraufführung fand am 18. Juni 1821 im Königlichen Schauspielhaus Berlin statt.

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Referenzeinspielung

Weber: Freischütz
Karl Paul, Werner Faulhaber, Elfride Trötschel, Kurt Böhme, Chor der Staatsoper Dresden, Staatskapelle Dresden, Rudolf Kempe (Leitung)
Profil

Diese Aufnahme stammt aus dem Jahr 1951 und ist eine Jubiläumsaufführung im Gedenken an den 125. Todestag von Carl Maria von Weber und zugleich die 1000. Aufführung des „Freischütz“ in Dresden. Rudolf Kempe dirigiert diese gelungene Produktion, bei der Werktreue an oberster Stelle steht. Die Staatskapelle Dresden spielt voller Elan, wodurch die Solisten frei agieren können und so ein unvergessliches Tondokument geschaffen wurde.

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