Bizet: Carmen

(UA Paris 1875)

Das Vorspiel möchte man gleich im Schlagzeug mitspielen: Alle vier Sekunden kickt ein fetziges Zisch-Bumm die rassige Arenamusik in eine andere Tonart! Das hereinstolzierende Toreador-Lied möchte man gleich mitsingen! Zwar ist der Stierkampf heute in Spanien fast abgeschafft, aber in der Oper Carmen lebt er fort, zumal es eigentlich um den Geschlechterkampf geht, der keineswegs abgeschafft ist. In der Arena stirbt der Stier, vor der Arena stirbt Carmen. Ihre Lebensmelodie ist ein lang gezogener Valse in Zigeunermoll, leidenschaftlich in Violoncelli und Fagotten, düster in Trompeten und Klarinetten, mit sarkastischen Nachschlägen in Hörnern, Harfe, Pauke und Bässen, angerissen von einem wilden Streichertremolo auf leeren Saiten: kalt und rau. Unüberhörbar steuert die Melodie auf einen Eklat zu ... eine fantastische, sehr französische Partitur: hart und klar.

Während ihrer Zigarettenpause auf dem Platz vor einer Tabakfabrik fällt Carmen ein Wachsoldat auf, der sein Gewehr putzt. Er beachtet sie nicht, das reizt sie: Sie wirft ihm eine Blume zu und läuft ab. Damit beginnt Don Josés mörderische Karriere als Figur und als Tenor ... Mit dem Landmädchen Michaela, das ihm Geld und Kuss von seiner Mutter bringt, singt er zunächst – zartfühlend wie ein Operettentenor – ein heimatseliges Duett. Da hört man Schreie in der Fabrik: Carmen hat eine Messerstecherei inszeniert, damit José sie ins Gefängnis bringen muss. Er lässt sie entkommen. Dafür wird er selbst eingesperrt und degradiert. In einer Schmugglerspelunke wartet Carmen auf José, um sich für seinen Liebesdienst zu revanchieren. Ihre Kolleginnen und zwei Schmuggler verspotten sie wegen ihrer angeblichen Verliebtheit in einem brillanten Quintett. Der berühmte Toreador Don Escamillo zieht vorbei und macht Carmen Avancen. Sie lacht ihn aus. Als José – frisch aus dem Gefängnis – erscheint, tanzt sie für ihn zu Kastagnettenbegleitung. Er zeigt ihr ihre – verwelkte – Blume, und seine Stimme erblüht zu einem lyrischen Tenor. Darüber verpasst er den Zapfenstreich. Eine Auseinandersetzung mit seinem Vorgesetzten zwingt ihn zur Fahnenflucht. Mit den Schmugglern wird José nicht warm. Carmen verachtet ihn. Als Escamillo auftaucht, erwacht seine Eifersucht und damit der dramatische Tenor in ihm. Michaela hat das Schmugglernest ausfindig gemacht, um José zu seiner sterbenden Mutter heimzuholen. Carmen will Escamillo beim Stierkampf erleben, doch vor der Arena versperrt ihr José – mittlerweile zu einem haltlosen Heldentenor verkommen – den Weg.

Die Zigeunerin Carmen bleibt sich bis zuletzt treu – und José fremd. Sie geht ihren Weg, den ihr die Karten geweissagt haben. Der Soldat José ist die tragische Figur dieser vitalen Oper, in der es von Tanzliedern wie Habanera und Seguidilla und von fulminanten Chören nur so wimmelt: Kinder, Soldaten, rauchende und streitende Fabrikarbeiterinnen, Schmuggler, Händler, Polizisten, und die stierkampfbegeisterte Volksmenge. Die Chorist/inn/en der Opera comique hatten nichts zu lachen!

Die Entstehungs-, Aufführungs- und Editionsgeschichte dieser Oper ist kompliziert, doch – ob mit Dialogen oder mit Rezitativen, ob mit oder ohne Ballett – Carmen geht ihren Weg.

(Mathias Husmann)

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