Puccini: Turandot

Dramma lirico (UA Milano 1926)

Der Orchestergraben wird zur archäologischen Waffenkammer – allein zwölf bronzene chinesische Gongs glänzen in der Tiefe!
Das gewaltige Kopfthema wirkt wie ein riesiges chinesisches Schriftzeichen – vier breite Pinselstriche, dann ein zuckender Abschluß: ein Todesurteil – das wievielte?

Der Prinz von Persien konnte die Rätsel der Turandot nicht lösen – alles schreit nach dem Henker. Auch Prinz Kalaf ist ihr schon verfallen – sein alter Vater Timur und dessen junge Dienerin Liu vermögen ihn nicht davon abzuhalten, den großen Gong zu betätigen: auch er möchte Turandots Gemahl werden.

Prinzessin Turandot geht es nicht um den rätselkundigsten Bewerber, sie will jeden umbringen, um eine mißhandelte Urahnin zu rächen. Sie ist der pure Haß, Kalaf die pure Liebe. Er löst ihre Rätsel, deren drittes ihr Name, sie selber ist. Als sie sich dennoch weigert, ihn zum Gemahl zu nehmen, gibt er ihr seinerseits ein Rätsel auf: errät sie bis zum Morgen seinen Namen, darf sie über ihn verfügen.

Keiner schlafe! Ganz China muß den Namen suchen. Als man den alten Timur foltern will, lenkt Liu von ihm ab: sie allein wüßte den Namen. Dann ersticht sie sich. Kalaf selbst verrät Turandot seinen Namen und gibt sich ganz in ihre Hand. Da verkündet sie dem Volk: er heißt Gemahl!

Die Oper hat drei Ebenen: die dramatischen Volksszenen, die grotesk-scherzohaften Szenen der drei Minister Ping, Pang, Pong, und die lyrischen Szenen der Liu.

Ein chinesisches Märchen aus ferner Vergangenheit wird durch Puccinis glühendes Melos hautnahe Gegenwart – die kompositorischen Mittel weisen in die Zukunft: atonale Motive, bitonale Ostinati und wirbelnde Taktwechsel.

Puccini starb vor Beendigung der Partitur. In der Premiere brach Toscanini vor dem Schlußduett ab, erst seit der zweiten Aufführung wird die Oper mit der Ergänzung von Franco Alfano gespielt.

Mit der Prinzessin Turandot schuf Puccini eine eisige Kunstfigur, sein Herz schlug für die Dienerin Liu – auch Prinz Kalaf hatte einst ihr zugelächelt, vielleicht ist sein dramma lirico eigentlich ein Requiem für Liu...

(Mathias Husmann)