Brahms: Klavierkonzert Nr. 1 d-moll op. 15

(UA 1859 Hannover/Leipzig)

Im Herbst 1853 klopfte der 21jährige, blonde und bartlose „Herr Brahms aus Hamburg“ bei den Schumanns in Düsseldorf an die Tür. Joseph Joachim – ebenfalls jung und bartlos, aber als Geiger schon berühmt, hatte seinen Freund Johannes empfohlen. Er wurde zu Tisch gebeten und saß inmitten der zahlreichen Familie. Dann spielte er dem Hausherrn vor, der nach ein paar Takten unterbrach: “das muß Clara hören“. Ein begeisterter Aufsatz Schumanns in der von ihm vor Jahren gegründeten (und noch heute maßgeblichen) Musikzeitschrift öffnete dem unbekannten Komponisten die Konzertsäle und verschaffte ihm einen Verleger.

Soweit – so glückhaft. Aber im Frühjahr 1854 sprang Robert Schumann in den eiskalten Rhein, wurde von Fischern herausgezogen und in die Irrenanstalt Bonn-Endenich eingeliefert.

Diese furchtbare Wendung führte bei Johannes Brahms zu einem vulkanartigen Ausbruch musikalischer Gesichte, die er nicht bewältigen konnte: grollende Paukenwirbel, Themen wie Drohgebärden, schaurige Trillerketten, abgründige Traurigkeit, aber auch liebevolle Zartheit und kraftvoller Trost. Welche Form sollte das Ganze erhalten? Eine Sonate für zwei Klaviere – zu klein für die Wucht der Ideen, eine Sinfonie – zu groß für den in der Behandlung des Orchesters unerfahrenen Komponisten. In langem Ringen – und nach vielen Bitten um Ratschläge bei dem erfahreneren Freund Joachim – nahm es die Gestalt eines Klavierkonzertes an, bis Brahms aufgab: „ich habe keine Gewalt mehr über das Stück“. Nichtsdestotrotz fügte er hinzu: „ein zweites soll schon anders lauten“.

Das d-moll Klavierkonzert ist nicht das Werk eines Meisters – es ist ein schmerzliches Erwachen aus Jünglingsträumen, ein qualvolles Lehrstück, voll bitterer Erkenntnis der eigenen Grenzen: „ich tappe ja noch“, unvollendet, mißglückt – aber wir lieben es, weil es Liebe verströmt: die Musik ist tief und wahr, nichts wird beschönigt, alles spricht zum Herzen. Die Welt ist nicht mehr heil in dieser Musik, und das trifft uns dort, wo wir selbst uns befinden.

(Mathias Husmann)