Beethoven: Fidelio

op.72 (UA Wien 1805/06 als Leonore, 1814 als Fidelio)

Ein forderndes rhythmisches Motiv: Du musst! Eine zögernde Geste: Kann ich? Dann ein allmähliches, riesiges Crescendo – wie wachsender Mut.

Nach der Ouvertüre beginnt es wie ein Singspiel – nur eine gewisse Unruhe (Akzente, Dynamik) deutet an, dass Wäschelegen und Eifersüchteleien nicht Thema dieser Oper sein werden.

Eine Momentaufnahme in Form eines vierstimmigen Kanons Mir ist so wunderbar lässt uns Ängste und Sehnsüchte der Anwesenden erahnen – dieses Quartett begeistert seit der Uraufführung.

Scharfe, schneidende Klänge für den Gouverneur dieses politischen Gefängnisses, Don Pizarro – Urbild aller Bestien in Staatsdiensten.

Leonores Arie Komm Hoffnung – sie sucht als Gehilfe Fidelio im Gefängnis ihren verschwundenen Gatten Florestan.

Der Auftritt der Gefangenen aus den Verließen: ein bleiches, bewegungsloses Vorspiel, dann ein Bläserthema wie ein schmerzhaftes sich Aufrichten – in der Zeit des Nationalsozialismus wurde dieser Chor sehr langsam gesungen und mit langem Applaus bedacht.

Das abgründige Vorspiel zur Kerkerszene (mit im Tritonus „verstimmten“ Pauken) – aus dem Dunkel die Stimme des angeketteten Florestan Meine Pflicht hab ich getan.

Das schaurige Grabduett mit dem vielleicht wichtigsten Satzes der Oper Wer du auch seist, ich will dich retten.

Das entfesselte Mordquartett mit dem rettenden Trompetensignal – schönstes Signal der Musik!

Im Finale darf Leonore ihrem Florestan die Ketten abnehmen O Gott, welch ein Augenblick! Es ist, als verschwänden alle Gefängnisse der Welt.

Beethovens utopische Oper Fidelio hat eine bewegte Entstehungsgeschichte. Noch bewegender wird ihre Zukunft sein – die Gefängnisse sind nicht verschwunden, und es wird noch vieler pflichttreuer Florestanen und liebender und mutiger Leonoren bedürfen.

(Mathias Husmann)

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