Beethoven: Sinfonie Nr. 9 d-Moll op. 125

(UA Wien 1824) mit Schlußchor über Schillers Ode „An die Freude“

Zehn Jahre liegen zwischen der Achten und der Neunten. Der Stil hat sich gewandelt, mit ihm das Bild der Partitur: alle Holzbläser haben ein eigenes System; die „Vereinzelung“ der Notenlinien spiegelt die Vielfalt der Linien in Beethovens Antlitz. Sein Wahlspruch „auch bei allen Schwächen des Körpers soll doch mein Geist herrschen“ muß sich bewähren – sein Geist sorgt für die Einheit des Werkes, doch der Ausdruck der Musik ist geprägt von physischer Erschöpfung und psychischer Bereitschaft zum Ende.

Damit ist das Thema des 1.Satzes gegeben: un poco maestoso – eine leidenschaftliche Auseinandersetzung – auf Augenhöhe – mit der Majestät des Todes. Vom ahnungsvollen Anfang (über leeren Quinten), der demütigen Bitte in der Durchführung (Kammermusik der Bläser mit „devotem“ ritardando), dem heftigen Ringen in der Reprise (über schaurigem Paukenwirbel) bis zum Eintritt durch das Tor des Todes in der Coda (über dem Ostinato der Bässe) - niemand kann sich diesem Satz und den Stationen seines Weges entziehen.

Das Scherzo setzt den Weg verwandelt und verwandelnd fort, deshalb steht es – zum ersten Mal in der Sinfonik – an zweiter Stelle. Ein nächtlicher Ritt zwischen Tod und Leben – Hufschlag und Schnauben der Mähre verwehen im Raum – wohin die Reise geht? Ins Licht des Trios: Elysium? Nirwana? Paradies? Geisterreich oder Reich des Geistes? Musik!

Vor dem Adagio molto e cantabile versagt die Sprache gern und überläßt das Wort den Tönen - „kein Sterblicher hat meinen Schleier aufgehoben“ stand gerahmt von Beethovens Hand auf seinem Schreibtisch. Das Geheimnis dieses singenden Adagios offenbart sich unmittelbar und ist unfaßbar. Besonders schön: das liebevolle Violinsolo, von der ganzen Gruppe wie „ein Herz und eine Seele“ vorgetragen, im Hintergrund des Satzes – vom Anfang bis zum Ende – ein frei phantasierendes Hornsolo „wie eine innere Stimme“...

Eine scharfe Dissonanz in Bläsern und Pauken eröffnet das Finale. Ein pathetisches Rezitativ der tiefen Streicher ruft die Anfänge der bisherigen drei Sätze auf, wendet sich ab – wie von überwundenem Leid, und eine neue Idee keimt: die Ode an die Freude – noch ohne Worte. Dann abermals die scharfe Dissonanz, diesmal im ganzen Orchester – und eine menschliche Stimme erklingt: O Freunde, nicht diese Töne! Mit der Vertonung der Schillerschen Ode erfüllte Beethoven sich einen Jugendwunsch – ein Lebenskreis schließt sich in der Neunten. Das hymnisch - theatralische Finale – denn der unerwartete Auftritt von Gesangssolisten und Chor in einer Symphonie ist ein theatralischer Moment – war sein Vermächtnis an die nachfolgenden Komponistengenerationen.

Bei der Uraufführung stand Beethoven mit dem Rücken zum Publikum und verfolgte die Musik mit den Augen. Nach dem letzten Ton verharrte er unbeweglich, da drehte die Sängerin Caroline Unger ihn an den Schultern herum, damit er den jubelnden Applaus wenigstens sähe...Heute gehört die Partitur der Neunten zum Weltkulturerbe, denn „sie versinnbildlicht die Werte, die alle teilen, sowie Einheit in der Vielfalt“. Beethoven hat seine Botschaft nur innerlich gehört – möge sie von uns erhört und verinnerlicht werden!

(Mathias Husmann)

Freitag, 27. April 2018, 20:00 Uhr
Konzerthaus Berlin (Berlin)

Beethoven: Sinfonie Nr. 9

Christiane Karg (Sopran) Nathalie Stutzmann (Alt) Klaus Florian Vogt (Tenor) Hanno Müller-Brachmann (Bann) Rundfunkchor Berlin… weiter