Mozart: Die Entführung aus dem Serail

KV 384 (UA Wien 1782)

„Die Ouverture ist ganz kurz, wechselt immer mit forte und piano ab, wobey beim forte allzeit die Türkische musick einfällt“, schrieb Mozart seinem Vater. Türkische Musik heißt: Triangel, Becken und Trommel – Tschingderassabumm! Seit Prinz Eugens Taten war „Tschingderassa“ in Wien beliebt; heute bleibt – angesichts des „Bumm“ in aller Welt – nicht nur den Wienern der Spott im Halse stecken.

Joseph II. hatte angeordnet, dass „das Theater nächst der Burg hinfort das Deutsche Nationaltheater heißen soll“. Mozart bewarb sich, dafür das erste „Teutsche“ Singspiel zu schreiben, „wenn mir der Kaiser Tausend gulden giebt“. Ganz so viel bekam er nicht – er war zu „neu“, und ganz die erste „teutsche Oper“ wurde es auch nicht, aber sie setzte Maßstäbe: „Die Entführung schlug alles nieder“, bekannte Goethe, der sich selbst auch um einen Singspielstil bemühte. Singspiel meint ein (heiteres) Stück mit Dialogen zwischen den Musiknummern.

Mozart standen die damals besten Sänger zur Verfügung: Catarina Cavallieri (Konstanze) mit ihrer „geläufigen Gurgel“, der Tenor Johann Adamberger, die Soubrette Therese Teyber, der Buffo Joseph Dauer und der Bassist Johann Fischer, „welcher die tiefsten Töne mit Fülle, Leichtigkeit und Annehmlichkeit hervorbringt“. Aufgrund dieser Starbesetzung und des geschickten Textbuchs von Bretzner/Stephanie zog Mozart alle Register: lyrische Arien für den träumerischen Belmonte, beschwingte für die selbstbewusste Blonde, komische Arien für den Hasenfuß Pedrillo und den aufbrausenden Osmin, Bravourarien für die charaktervolle Konstanze – vorsorglich hat der Orchesterwart vorn zusätzliche Pulte bereitgestellt, damit in der berühmten „Martern aller Arten“-Arie Flöte, Oboe, Violine und Violoncello sich gut hören, wenn sie mit Konstanze um die Wette konzertieren! Es gibt lustige Janitscharenchöre, ausgesprochene Klamauknummern wie das Saufduett (Vivat Bacchus), ein abwechslungsreiches Quartett mit einer schallenden Ohrfeige als Höhepunkt, aber es gibt auch ein sehr ernstes Duett: Als Belmonte und Konstanze annehmen müssen, dass Bassa Selim beide hinrichten lassen wird ...

Bassa Selim, der Herr des Serail, wandelt sich von einer tragischen zu einer erhabenen Figur. Er singt nicht – eine Musik für ihn würde den Singspielrahmen gesprengt haben, er wird von einem Schauspieler dargestellt. Bassa Selim verzichtet auf Konstanze (mögen Sie nie bereuen, meine Hand ausgeschlagen zu haben), und er verzichtet darauf, sich an Belmonte zu rächen, obwohl er Grund dazu hätte ...

Ein heiteres Vaudeville (Rundgesang) mit Dacapo des größten Lacherfolgs der Oper: Osmins wild um sich schlagenden Abgang mit Tschingderassabumm beschließt die Oper, nach der schon bald alle Leute „närrisch“ wurden.

Jedem muss auffallen, wie oft und wie zärtlich der Name Konstanze erklingt – schließlich wandelte der junge Mozart auf Freiersfüßen ...

(Mathias Husmann)