Mozart: Die Hochzeit des Figaro

KV 492 (UA Wien 1786)

Figaro-Aufführungen gelingen immer! Die Arien fordern den ganzen Sänger, die Ensembles den ganzen Darsteller, die lebhaften Rezitative den ganzen Kopf; das Orchester muss ganz auf der vordersten Stuhlkante sitzen, der Dirigent muss Tempi, Übergänge und viele Einsätze ganz sauber angeben. Niemand darf – und niemand will sich bei diesem Meisterwerk gehen lassen, deshalb gelingen Figaro-Aufführungen immer: drei Stunden freudige Hochleistung!

Ein flüsterndes, sausendes „tolles“ Motiv, ein Takt, zwei Takte, vier Takte – ohne Betonungen, ohne Crescendo hinauf und hinab, dann ein Augenzwinkern der Bläser und ein Tutti wie ein schallendes Lachen – ein toller Tag beginnt! Schon die Ouvertüre weckt Schmetterlinge im Bauch ...

Alle sind toll an diesem Tag, alle fühlen Schmetterlinge: nicht nur Figaro und Susanna (Bedienstete), deren Hochzeit bevorsteht, auch der Graf, der noch schnell vorher ... auch die Gräfin, die endlich wieder ..., Marzelline (Gouvernante), die entweder oder ..., Bartholo (Anwalt), der wenigstens ..., Barbarina (Gärtnerstochter), die zum ersten Mal ..., und vor allem Cherubino, der am liebsten alle ...

Der kleine Cherubin ist der personifizierte Amor. Gesungen von einem Mezzo, verströmt er knabenhaft frühpubertären Charme – Vorbild für Hänsel, Octavian und andere Hosenrollen.

Beaumarchais’ Theaterstück Der tolle Tag wird noch heute – neben Mozart – gespielt. Es erschien am Vorabend der französischen Revolution und war hochaktuell. Mozarts genialer Librettist Lorenzo Da Ponte milderte die politischen Schärfen und profilierte die menschlichen Schwächen. Im Figaro stehen keine Buffoschablonen auf der Bühne, sondern Menschen, deren Tun, auch wenn es fragwürdig ist, nachvollziehbar bleibt.

Das große Finale des zweiten Aktes ist beispiellos in seiner dramatischen Steigerung bis zur Pause. Höfischer Tanz (Fandango) und Bauerntanz sind in die intrigenreiche Handlung einbezogen. Ein duckmäuserisch gewitzter Musiklehrer (Basilio) und ein betrunken grölender Gärtner (Antonio) sorgen für Komik.

Die alle Standesgrenzen aufhebende, aus Herzensnot entstandene Freundschaft zwischen der Gräfin und Susanna – bis zum Rollen- und Stimmtausch im Briefduett – berührt tief.

Dass der Graf im nächtlichen Parkpavillon die Gräfin (sie kommt zum Rendezvous in Susannas Kleidern) mit ihr selbst betrügt, ist ein erotisches Detail von Hofmannsthal’scher Finesse.

Der schönste Moment der Oper ist, wenn der Graf vor der Gräfin niederkniet und um Verzeihung bittet. Eine bange Generalpause lang weiß niemand, ob sie ...; was sie dann sagt und singt, vom ergriffenen Ensemble leise nachempfunden, ist unvergesslich.

Figaro ist im Laufe des Abends ehereif geohrfeigt worden: dreizehnmal – wenn das kein gutes Omen ist! Nun steht Figaros Hochzeit nichts (und niemand) mehr im Wege. Vielleicht sollte man dies als Sitte einführen?

(Mathias Husmann)

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