R. Strauss: Der Rosenkavalier

op. 59 (UA Dresden 1911)

Wenn der Vorhang aufgeht, strömt die Morgensonne ins Schlafgemach. Draußen zwitschern die Vögel, drinnen kniet der junge Octavian (eine „Hosenrolle“ für einen Mezzosopran wie Mozarts Cherubin) vor dem Bett der Marschallin, deren sehr schöne Hand herabhängt – dem Publikum dämmert, warum das Orchestervorspiel so stürmisch bewegt klang ... Stimmengewirr vor der Tür – ist es der Feldmarschall, der Ehemann der Marschallin? Octavian schlüpft schnell in die Kleider der Zofe. Nein – es ist ein Besuch: der (heruntergekommene) Vetter Baron Ochs. Dieser möchte von der Marschallin einen Verwandten empfohlen haben, der seiner jungen Braut (aus reichem Hause) die silberne (Verlobungs-)Rose überbringt nach der hochadeligen Gepflogenheit. Den Ochs wird man nicht so schnell wieder los – er redet unaufhörlich oberösterreichisch und scharmutziert sofort mit der Zofe ...

Auf Vorschlag der Marschallin überbringt Octavian der jungen Sophie Faninal die silberne Rose – und spannt sie gleich dem Ochs aus. Das gibt Ärger, der Baron muss verarztet werden...

Die „Zofe“ hat Ochs zum Scharmutzieren in ein Wiener Beisl bestellt. Dort erlebt er sein blaues Wunder. Wie ein rettender Engel erscheint die Marschallin, befreit ihn kraft ihres guten Rufes aus peinlicher Situation, erklärt seine Verlobung für geplatzt und verpflichtet ihn zum Stillschweigen betreffs der Zofe. Dann gibt sie Octavian und Sophie ihren Segen und geht Arm in Arm mit Sophiens Vater Faninal ab. Das junge Paar ist im siebten Himmel ...

Hinreißend:

der kammermusikalisch begleitete Monolog der Marschallin (im Wiener Dialekt) – sie erkennt, dass die Nacht mit Octavian ein Abschied war ...

die Rosenüberreichung – der Opernauftritt aller Opernauftritte (mit viel Celesta- und Harfen-Lametta) – zwei junge Menschen im Bann ihrer Liebe auf den ersten Blick ...

das tränenselige Terzett Sophie/Marschallin/Octavian: Hab’ mir’s gelobt/Mir ist wie in der Kirch’n/Es ist was kommen – alle drei in Gedanken.

Hugo von Hofmannsthal charakterisiert die Akteure dieser Komödie für Musik trefflich über ihre Sprache (Mundart, Wortschatz), seine dichterische Domäne war das gesellschaftliche Qui pro quo – der feine Betrug. Vielleicht hat er – als der sensiblere Partner dieser langjährigen fruchtbaren Künstlerbeziehung – dem unbedenklichen Geschmack des Musikers etwas zu sehr nachgegeben.

Richard Strauss wollte mit dem Rosenkavalier Mozart huldigen – durch Anspielungen auf Figaros Hochzeit : Die Zuneigung der Gräfin zu Cherubin wird zur Affäre zwischen der Marschallin und Octavian, der Flirt von Cherubin und Barbarina wird zur Verlobung von Octavian und Sophie, die Verkleidung Cherubins als Bauernmädchen wird zur Klamottenposse Octavians als Zofe, aus dem erotisch verirrten Grafen wird der geile Baron Ochs – eine brillante, leider recht lange und auf Dauer schwer sympathisch zu gestaltende Partie. Der Vergleich zwischen dem elegant tänzelnden Figaro-Orchester und dem verfetteten, plump walzernden Rosenkavalier-Apparat fällt nicht gut aus, zu sehr klingt Wien hier nach Münchener Oktoberfest, aber – siehe den kurzen Dialog zwischen der Marschallin und Faninal: Sind halt aso, die jungen Leut’! – Ja, ja!

(Mathias Husmann)

Opern-Kritik: Bayerische Staatsoper – Der Rosenkavalier

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