Verdi: Don Carlos

(UA Paris 1867)

Als Gustav Gründgens am Schauspielhaus Hamburg Don Carlos von Friedrich Schiller inszenierte, spielte er selbst den König Philipp. Bei den Proben zu seinem nächtlichen Monolog saß er schweigend am Tisch, die Kerzen waren niedergebrannt, und er lauschte – lauschte dem langen, melancholischen Vorspiel zur Arie des Filippo aus Verdis Don Carlo, das von einer Schallplatte kam. In den Aufführungen hatte er die Musik verinnerlicht – erst nach zwei Minuten begann er zu sprechen ...

Anhand von Don Carlo(s) kann man Übereinstimmung und Unterschied zwischen Oper und Schauspiel gut erkennen: Schauspiel denkt, Oper fühlt. Oper kann Stimmungen suggerieren, kann Augenblicke dehnen, um den Figuren ins Herz zu schauen, kann Ungesagtes hörbar machen. Schauspiel glänzt mit geschliffenen Dialogen, bei denen Musik eher stört. Massenszenen wie das Autodafé (Ketzerverbrennung) sind Domäne der Oper.

Der erste Teil der Oper – Klosterhof, Garten der Königin und Platz vor der Kirche – ist in der Gesamtwirkung dem Schauspiel unterlegen. Der zweite Teil – Kabinett des Königs, Gefängnis und wieder Klosterhof, in dem alle großen Arien von Philipp, Eboli, Posa und Elisabeth, deren erschütterndes Quartett und das schon jenseitige Abschiedsduett von Don Carlos und Elisabeth erklingen – lässt das Schauspiel hinter sich.

Bei der grandiosen Dialogszene zwischen Philipp und dem Großinquisitor – Philipp will sich der Zustimmung der Kirche zur Hinrichtung seines Sohnes Don Carlos versichern, der Großinquisitor fordert dafür den Kopf des „Ketzers“ Marquis Posa – sind Schauspiel und Oper einander ebenbürtig. Es war Verdi eine Genugtuung, in Paris den scheußlichen Vertreter der unmenschlichen religiösen Dialektik auf die Bühne bringen zu dürfen – er lässt ihn zu einer abgrundbösen Musik regelrecht hereinschlurfen.

Verdi wollte seine Oper nicht auf die Dreiecksbeziehung Philipp/Carlos/Elisabeth reduziert wissen. Er liebte die Figur des Posa und identifizierte sich mit dessen – und damit Schillers Weltsicht. Dadurch wurde die Oper sehr lang, und er musste unmittelbar vor der Premiere kürzen, „damit das Publikum noch die letzten Bahnen in die Vororte erreichte“ (Barbara Meier).

Ob man das Vorspiel in Fontainebleau weglässt, muss bei jeder Inszenierung neu entschieden werden. Die Musik dieser ersten, unbefangen-glücklichen Begegnung zwischen Don Carlos und Prinzessin Elisabeth ist sehr schön, und sie klingt später immer wieder an. Verdis Don Carlo beginnt mit Hörnerschall – klingt es lustig, sind wir (noch) in Frankreich, klingt es ernst, sind wir (schon) in Spanien.

(Mathias Husmann)

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