Verdi: Falstaff

(UA Mailand 1893)

Schon 1880, sieben Jahre vor der Otello-Premiere, hatte Giuseppina Verdi ihrem Mann geschrieben: „In Deiner Kunst kannst Du – abgesehen von einer opera comique – nicht höher steigen.“ Nach Otello kümmerte sich Verdi erst einmal um das Krankenhaus für seine Bauern und die Casa di riposo – das Altersheim für Musiker, das er als sein „schönstes Werk“ ansah. Aber Arrigo Boito, Librettist des Otello, ließ nicht locker. 1890 köderte er ihn mit dem Entwurf zu Falstaff. Verdi reagierte unsicher: „Haben Sie an die enorme Zahl meiner Jahre gedacht?“ Boito stärkte ihn: „Ich glaube nicht, dass das Schreiben einer komischen Oper Sie anstrengen würde. Die Tragödie macht den leiden, der sie schreibt. Aber Humor und Lachen der Komödie erfrischen Körper und Seele – es gibt nur eine Möglichkeit, noch besser zu enden als mit Otello, und das ist mit Falstaff.“ Verdi antwortete: „Lieber Boito, Amen, es sei! Machen wir den Falstaff!“

Boito befasste sich mit dem Libretto. Kurz darauf schrieb ihm Verdi: „Ich hoffe, Sie arbeiten? Das merkwürdige ist, dass auch ich arbeite! ... ich unterhalte mich damit, eine Fuge zu schreiben, eine komische, die gut in den Falstaff passen könnte ...“

Die Schlussfuge stand also am Anfang – auf sie läuft die ganze Oper hinaus. Der freie, fantasierende dramatische Otello-Stil wird nun auf den komischen Shakespeare-Stoff angewandt: „Wort hascht nach Wort, die Musik sprudelt und poltert, aus flatternden Floskeln wird ein vibrierendes Ganzes gewoben“ (Hans Swarowsky).

In Otto Nicolais Oper Die lustigen Weiber von Windsor (1849) ist der heruntergekommene Ritter John Falstaff eine lächerliche Figur, in Boitos/Verdis Falstaff ist er ein Souverän – er behält meistens recht – und immer das letzte Wort.

Besonders komisch: sein Vortrag über die Fragwürdigkeit des Begriffs „Ehre“, sein Lamento über die Schlechtigkeit der Welt, nachdem man ihn in einem Korb mit schmutziger Wäsche in den Graben gekippt hat, sein musikalischer Vergleich der Wirkung des Weins mit einem anschwellenden Triller ...

Bei Falstaff sitzt das Orchester auf der vorderen Stuhlkante – die Musiker sollten den Alten in guter Erinnerung behalten! Keine seiner Partituren ist so mit Fingersätzen gespickt. Selbst bei der armseligen Bratschenpassage, als in Falstaffs Börse (vergeblich) nach Geld gesucht wird, steht über jeder Note eine Hilfestellung.

Fenton und Nannetta huschen durch die Szenen wie Eichhörnchen – Boitos entzückende Verse dürften den greisen Verdi in die Tage seiner Jugend zurückversetzt haben; die Musik für das junge Liebespaar ist von bezaubernder Anmut ...

Falstaff ist eine Ensembleoper – schon das Studium der Partien geschieht am besten zusammen. Die Arbeit an dieser Oper macht Spaß, das Vergnügen an der Sprache und der Musik überträgt sich von den Ausführenden auf das Publikum. Angesichts des ernsten Weltgeschehens tun wir uns schwer, die Worte der Schlussfuge (Alles ist Spaß auf Erden/Wir sind alle nur Narren, geborene Narren) zu glauben, aber für die kostbare, kurze Zeit der Aufführung dürfen wir sie gelten lassen. Nach über 25 tragischen Opern Verdis lacht seine letzte – und wer zuletzt lacht ...

(Mathias Husmann)

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