Verdi: La traviata

(UA Venedig 1853)

Betroffen saßen Verdi und Giuseppina Strepponi im Pariser Vaudeville-Theater und sahen „Die Kameliendame“ von Alexandre Dumas – was sich auf der Bühne abspielte, war nicht nur ein moderner Stoff, sie erlebten es gerade selbst: Antonio Barezzi, der Vater von Verdis früh verstorbener Frau Margherita, den er sehr verehrte, machte ihm brieflich Vorwürfe wegen seiner ungesetzlichen Beziehung zu einer Frau „mit Vergangenheit“. Der Sohn auf der Bühne knickte gerade vor seinem Vater ein, Verdi aber verwahrte sich gegen die Einmischung seines Schwiegervaters und der spießbürgerlichen Gesellschaft seiner Heimatstadt Busseto. Aus diesem Widerstand, dieser Entschlossenheit zu einem freien Leben erwuchs der harte Stil der Oper La Traviata – die Gefallene.

Es beginnt mit einem Adagio-Vorspiel (geteilte hohe Streicher), leise, eisig und mit schneidend scharfen Akzenten, dann folgt eine glühende „melodia lunga“ – und wir spüren: Wir sind gemeint.

Erster Akt: Rauschendes Fest bei Violetta Valery, einer kränklich blassen Schönheit der Pariser Halbwelt – Salonlöwen, Lebedamen, Klatsch und Tratsch. Alfredo, jüngster Partygast, soll ein Trinklied anstimmen – Verdis Trinklieder (brindisi) haben es in sich! Alfredo gesteht Violetta seine Liebe, sie aber weiß nicht, was Liebe ist – verwirrt schenkt sie ihm eine Kamelie aus ihrem Haar: Wenn diese verblüht sei, dürfe er sie besuchen ...

Zweiter Akt: Violetta hat sich mit Alfredo in ihr Landhaus zurückgezogen, doch sein Vater Germont spürt das Liebesnest auf. Um der Familienehre willen verlangt er von Violetta, Alfredo einen Abschiedsbrief zu schreiben. Alfredo glaubt sich betrogen, weiß sie auf einem Pariser Fest ausfindig zu machen und wirft ihr vor allen Gästen Geld vor die Füße. Sein ihm nachgeeilter Vater kanzelt ihn heuchlerisch ab – der Skandal ist perfekt!

Dritter Akt: Abermals das eisige Adagio – diesmal bei geöffnetem Vorhang und hoffnungslos: Die melodia lunga der Liebe schweigt. Die kranke Violetta liegt im Sterben. Im letzten Moment erscheint Alfredo, um sie um Verzeihung zu bitten – ein berührendes, illusionäres Duett, dann steht die Gefallene vom Lager auf und geht in die Freiheit ...

Faszinierend:

- die Arie der von Alfredos Liebe verwirrten Violetta,

- das emotionale Duett des Vaters Germont mit Violetta, das mit ihrem Verzicht endet,

- ihr Abschiedsbrief (Klarinettensolo!),

- die gereizte Kartenspielszene – der Eklat liegt in der Luft,

- das erbarmungslose Skandalensemble – gesellschaftliches Mobbing als concertato-Finale.

Bei der Premiere fiel La Traviata durch, weil die Hauptdarstellerin für eine schwindsüchtige Kurtisane zu dick war – auch als Publikum ist die Gesellschaft erbarmungslos!

(Mathias Husmann)

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