Verdi: Otello

(UA Mailand 1887)

Seit Jahren versuchten der Verleger Giulio Ricordi und Arrigo Boito, Komponist und Schriftsteller, über Giuseppina Verdi eine günstige Gelegenheit zu finden, um Verdi das „Schokoladenprojekt“ – dies war die geheime Chiffre für Otello – anzutragen. Nach einer von Verdi geleiteten Aufführung seines Requiems zugunsten der Opfer einer Überschwemmung des Po (1879) brachte Ricordi das Gespräch auf Shakespeare und Boito – Verdi erbat sich dessen Libretto, kaufte es und schloss es weg. Seitdem schickte Ricordi ihm zu jedem Weihnachtsfest einen Panettone-Kuchen, den ein kleiner Schokoladenmohr zierte, aber Verdi zögerte: „Zuviel Zeit ist vergangen. Zuviel der Jahre meines Alters. Und zuviel meiner JAHRE IM DIENST!!!“ Dennoch war er, wie Giuseppina Ricordi anvertraute, schon ins Netz geraten. Den Ausschlag gab ein Brief Boitos mit dem neu gestalteten Credo des Jago. Dieses fanatische Glaubensbekenntnis eines Nihilisten – im Mittelpunkt der Oper – faszinierte Verdi: „Da Sie es nicht wünschen, bedanke ich mich nicht, sondern sage Bravo! Das Credo ist wunderbar, kraftvoll und richtig shakespearisch!“

Otello ist phänomenal! Aber das eigentliche Phänomen ist, dass ein über 70-jähriger Komponist nach einem Lebenswerk von über 25 Opern noch einen neuen Stil entwickelt: In dieser Oper gibt es keine abgeschlossenen Formen mehr, sie ist eine durchgehende, freie, gewaltige Fantasie.

- Die Sturmszene zu Beginn malt das Antlitz Otellos: dunkel und wild.

- Das Trinklied Jagos – mit dem er seine Intrige gegen Otello beginnt – steigert sich von der Versuchung bis zum Exzess.

- Ein intimes Cellosolo eröffnet das Liebesduett eines Ehepaares – Desdemona verströmt Vertrauen, Otello hat nur Angst, sie zu verlieren.

- Die Musik des Credo ist abgrundböse – Verdi denunziert das Böse nicht (wie Wagner es mittels seiner Leitmotive tut), er steht dazu. Jagos Frage: Was aber folgt nach allem Spott? Der Tod. Und dann? wird mit dem schmerzhaften Aufschrei beantwortet: Das Nichts – der Himmel ist Betrug!

- Ein Taschentuch führt zum Erwachen der Eifersucht Otellos, diese steigert sich – als riesige Analogie zum Trinklied – vom leisen Verdacht über Ironie und Zynismus bis zu rasender Wut und öffentlicher Misshandlung.

- Desdemonas „Lied von der Weide“ – während sie ihr Nachtkleid anlegt – spiegelt ihre Trauer über die Ausweglosigkeit des hereinbrechenden Wahnsinns.

- Die Mordszene – mit dem berühmten und gefürchteten Solo der Kontrabässe – wirkt nach Desdemonas jenseitig hellem Ave Maria doppelt finster.

Ein einziges, einzigartiges musikalisches Thema hält die ganze Oper wie eine Klammer zusammen: der Kuss. Otello küsst Desdemona zu Anfang, wenn er in ihre Arme sinkt, und er küsst sie am Ende, wenn er über ihrer Leiche stirbt. Dieses Thema ist unvergesslich schön und tut sehr weh.

(Mathias Husmann)

Kino: „Otello“ in Covent Garden

Später Triumph

Am 28. Juni wird ab 20:15 Uhr die Premiere von… weiter