Wagner: Der Ring des Nibelungen – Das Rheingold

(UA Bayreuth 1876)

Im Anfang war – ein auf- und abwogender Es-Dur-Akkord, denn die erste Szene spielt auf dem Grund des Rheins. Drei Rheintöchter – im Idealfall nackte Nixen – bewachen einen blinkenden Schatz: das Rheingold. Alberich, ein zwergenhafter Nibelung, beäugt die Szene. Hin und her gerissen zwischen Sexualtrieb und Goldgier entscheidet er sich für das Gold (Loriot). Dann werden Wogen zu Wolken, denn die zweite Szene spielt am Rheinufer unterhalb der soeben von Riesen erbauten Götterburg Walhall.

Wagners Ideen sind fantastisch – sie nehmen sogar schon Überblendtechniken des Films vorweg. Aber wie soll man sie realisieren? Ob die Rheintöchter auf katapultähnlichen Wagen hochgehoben werden, ob sie an Seilen vom Schnürboden herabgelassen werden, oder ob sie in einem Gummibecken planschen und dabei singen (ohne zu gurgeln, bitte!) – von Anfang an barg im Ring die Realisierung des Erhabenen die Gefahr des Lächerlichen.

Mit dieser Fortsetzungsoper in vier Abenden eröffneten 1876 die ersten Bayreuther Festspiele. Es gab viele Pannen – so waren Teile des in London gefertigten Lindwurms, da niemand dort das Provinznest Bayreuth kannte, versehentlich nach Beirut verschifft worden.

Die farbenprächtige Partitur fordert zusätzlich zur romantischen Großbesetzung 4 spezielle „Wagner-Tuben“ (von Hornisten zu spielen, im Klang düster und unheimlich), 6 Harfen (für die Rheinszenen) und 18 Ambosse (für die unterirdische Zwangsarbeitsszene in Nibelheim).

Kompositorisch entwickelte Wagner für den Ring eine spezielle Technik: das Leitmotiv. Für Personen (wie Gott Wotan), für Orte (wie der Rhein), für Dinge (wie der Ring, den Alberich aus dem von den Rheintöchtern schlecht bewachten Rheingold schmiedet), aber auch für Emotionen (wie sein Fluch, als Gott Wotan ihm den Ring entreißt), für alles gibt es Motive. Wer gut aufpasst, kann verfolgen, wie sie sich verhalten: Sie entwickeln sich, werden deformiert, erweisen sich als korrosionsbeständig oder korrumpierbar – die Biografien der Leitmotive sind spannend!

Das Rheingold ist der märchenähnliche Vorabend der Tetralogie: Hier geht es um Nixen, Zwerge und Riesen, Götter, Burgen und Höhlen, Ring und Speer, Lindwurm und Kröte, aber auch schon um Macht, Gier und Neid, Lug und Trug, Gewalt und Mord. Als Wotan den geraubten, verfluchten Ring des Nibelungen nicht hergeben will, warnt ihn die aus der Untermaschinerie auftauchende Urwala Erda vor dem Ende: der Götterdämmerung (der Feuergott Loge ahnt schon, dass er später Walhall anzünden wird). Widerstrebend bezahlt Wotan die Riesen mit dem Ring, welche sich sofort um ihn streiten, bis Fafner Fasolt erschlägt – der Fluch des Ringes bewährt sich. Nach einem reinigenden Gewitter des Donnergotts Froh schreiten die Götter über einen Regenbogen in ihre neue Burg (auch ein Realisierungsproblem ersten Ranges!). Dieser Regenbogen ist, wie sich an den folgenden Abenden erweisen wird, kein Friedenssymbol.

Zweieinhalb Stunden Spieldauer ohne Pause bedeuten für Publikum, Orchester und Dirigent einen ziemlichen Stresstest. Immerhin kann der Dirigent in Bayreuth, wo man ihn nicht sieht, sich auf dem Pult neben der Partitur einen Traubenzucker bereitlegen.

(Mathias Husmann)

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