Wagner: Lohengrin

Romantische Oper (UA Weimar 1850)

Zwei unvollkommene (weil unvollständige) A-Dur-Akkorde übereinander: Der untere mit warmer, weicher Terz, doch ohne Quint, der obere mit kühler, fester Quint, doch ohne Terz, zusammen das vollkommene Bild des Lichts: Innen leuchtend, außen schimmernd – so beginnt das Vorspiel. Aus höchsten Regionen unnahbar euren Schritten steigt es langsam herab in die Welt des Mittelalters, wie Wagner sie 1848 erträumte. Seine Instrumentationskunst ist vollendet, die Dichtung inspiriert, die Musik blühend – Lohengrin ist Wagners populärste Oper.

Er selbst stieg nach Beendigung des Werkes aus höchsten Regionen der Kunst herab in die Welt der Politik und verwickelte sich in die Dresdner Aufstände. Als Franz Liszt – ihm ist die Partitur gewidmet – die Oper 1850 in Weimar uraufführte, befand sich Wagner im Züricher Exil, denn er wurde in deutschen Landen steckbrieflich gesucht.

Das Vorspiel ist keine Ouvertüre, sondern eine Vision der Gralswelt. Ein hymnisch-weihnachtlicher Ton ist unüberhörbar, wie auch der Gralsritter Lohengrin eine Heilandsfigur darstellt: Er wirkt Wunder, bringt Gerechtigkeit – und wird verraten.

Nie sollst du mich befragen! schärft Lohengrin seiner Braut Elsa ein. Zwar war er ihr schon früher im Traum erschienen, aber leibhaftig kennt sie ihren Retter aus falscher Anklage erst seit einer Stunde. Dass sie Namen und Herkunft ihres Bräutigams nicht wissen darf, ist eine Zumutung, die den Keim des Scheiterns der Ehe schon in sich trägt ...

Höhepunkte dieser reichen und bereits bedenklich langen Oper:

- Elsas Auftritt – können träumende Edeldamen schuldig sein?,

- Lohengrins Ankunft – hoffentlich erscheint das Schwanenboot von vorn, damit die Choristen den Dirigenten sehen können,

- der Gotteskampf – mit dem Gebet des Königs (einziger Dreivierteltakt der gradlinigen Partitur),

- der Zusammenbruch des unterlegenen Telramund – seine dämonische Gattin Ortrud hilft ihm auf,

- der feierliche Zug zum Münster – bitte ganz langsam schreiten!,

- der Streit vor dem Münster – mit dem düsteren Ensemble: Welch ein Geheimnis muss der Held bewahren? – grausige Momentaufnahme menschlicher Abgründe,

- das Vorspiel zum Hochzeitsbild – beschwingt eilt der Dirigent ans Pult, die Posaunen lauern,

- der harfenbegleitete Brautchor und die Liebesszene – anfangs fast erotisch, aber die verbotene Frage wird immer dringlicher,

- der Reitermarsch – mit seinen unregelmäßigen Triolenketten Albtraum aller Streicher,

- Lohengrins Gralserzählung – wunderbar deklamiert,

- Ortruds böser Triumph, als das Schwanenboot leer wiederkehrt.

Die Solopartien sind groß und dankbar, aber die vielfach aufgefächerte Chorpartie (Brabanter und Sachsen, Edle und Volk) ist riesig – und vor allem müssen die Choristen lange, lange stehen. Wenn sie dem entschwindenden Lohengrin ein Weh! nachrufen, könnten auch ihre schmerzenden Füße gemeint sein.

(Mathias Husmann)

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