Wagner: Parsifal

(UA Bayreuth 1882)

Aus der Stille, unbegleitet – abgestimmt in changierender Klangmischung von tiefen Klarinetten, hohen Fagotten, tiefen Violinen und hohen Violoncelli – steigt das Abendmahl-Motiv wie eine segnende Geste langsam auf und nieder. Dann beginnt ein As-Dur Akkord sanft zu leuchten und unbestimmbar zu pulsieren. Vor diesem Goldgrund erhebt sich das Motiv noch einmal – jetzt mit unsagbar leidendem, klagendem, schmerzverzerrtem Ausdruck, vorgetragen von der hohen Trompete, dann sinkt es wie ohnmächtig zurück in die Stille des Anfangs.

Feierliche Blechbläserklänge von der Gralsburg rufen zum Gebet. Abendmahl? Gebet? Wo sind wir? Nach der Zeit der Aufklärung wurde in der Romantik Kunst zum Religionsersatz, der Künstler wurde zum Priester (wie Wagners Schwiegervater Liszt), und Wagner baute als Musikpapst in Bayreuth den nationalen Kunsttempel. Mit Parsifal weihte er seine Festspielbühne. Nach seinem Willen durfte sein letztes Werk 30 Jahre lang nur hier erklingen, andächtig, ohne Applaus bitte.

Parsifal ist ein Passionsspiel. Wie ein Evangelist erzählt der alte Waldhüter Gurnemanz die verklausulierte Geschichte – eine der längsten Basspartien. Dass man dabei nicht einschläft, liegt an der überlegenen Diktion der Gesangslinie, dem differenzierten, diskreten Orchesterpart und dem farbigen, oft kauzigen Sprachstil, mit dem Wagner Gurnemanz charakterisiert.

Das Theatralische religiöser Rituale macht Wagner seinen Zwecken dienstbar: Wenn der sündensieche Gralskönig Amfortas vor der Enthüllung des Grals singt Die Stunde naht: ein Lichtstrahl senkt sich auf das heilige Werk, so ist dies technisch eine Beleuchtungsanweisung.

Was wäre das Abendland ohne die Verteufelung des Sexuellen? Wie viel Leid, aber auch wie viele sublime Kunstwerke hat dieser Terror verursacht! Der nächtliche Zaubergarten, in welchen Klingsor die keuschen Gralsritter mittels seiner Blumenmädchen lockt – etwas Hieronymus Bosch, etwas Rotlichtmilieu – ist als anspruchsvolles 18-stimmiges Ensemble eine traumhaft schöne Hölle ...

Und erst deren Chefin Kundry! Sie führt ein schweres Doppelleben: In Klingsors Macht ist sie die verführerische Höllenrose (Wagner stellte sie sich vor wie Goyas Nackte Maya), auf dem Gralsgebiet büßt sie als hässliche Gralsbotin. Sie nähert sich Parsifal in Gestalt seiner Mutter (Siegmund Freud hätte seine Freude daran), muss ihn auf Befehl Klingsors verführen, will aber, dass es ihr nicht gelinge, damit Parsifal sie aus dem Banne Klingsors und von ihrem Fluch erlösen möge. Als aber Parsifal ihr tatsächlich widersteht, wird sie rasend und verwünscht ihn. Kundry ist Wagners faszinierendste Frauengestalt – nur eine perverse Fantasie konnte eine solche Figur ersinnen.

Der Antisemitismus des Werkes ist himmelschreiend: Klingsor, der beschnittene Weltverderber – an sich legt er die Frevlerhand – ist der Jude, den Parsifal, der reine (arische) Tor, mit dem Speer Christi in der Hand vernichtet.

Höhepunkt: Der Karfreitagszauber im dritten Akt – vorbereitet durch eine wunderbare Modulation, macht eine lang gezogene, wiegende Oboenmelodie das ganze Theater lächeln. Diesem Moment können sich auch Atheisten und Antiwagnerianer nicht entziehen.

(Mathias Husmann)

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