Wagner: Tannhäuser

und der Sängerkrieg auf Wartburg (UA Dresden 1845)

Andante maestoso: Aus der Ferne naht ein Pilgerzug. Wagner instrumentiert den Choral bewusst asketisch – in der Klarinette allein oder im Horn allein klänge die Melodie sinnlich, von beiden zusammen klingt sie gequält. Wenn die Büßenden vorüberziehen, peitscht eine heftige Streicherfigur wie eine „Sündengeißel“ auf den Choral ein.

Allegro: Aus der Tiefe steigen Dämpfe und Dämonen: Der satanisch verminderte Septakkord fegt durch die Oktaven, aus der Höhe fallen Nebel und Gespenster. Chromatisch sinkende Harmonien, schwirrende Tremoli und Triller, es bilden sich zuckende Rhythmen wie tanzende Satyrn und Nymphen, beschleunigende Melodiefetzen werden zu orgiastischem Lustgestöhn ... so weit die fansastische Ouvertüre .

Die strenge Welt des (mittelalterlichen) Glaubens und die Welt der (männlich) schweifenden Sinne, die gesellschaftliche Norm des Minnesangs und die persönliche (auch die künstlerische) Freiheit – Tannhäuser gerät in viele Konflikte. Den tiefsten Konflikt löst der Landgraf aus, als er die Aufgabe für den Sängerkrieg stellt: Könnt ihr der Liebe Wesen mir ergründen?

Wolfram von Eschenbach besingt die reine Liebe, Tannhäuser preist die wahre Liebe – wahr ist: Die irdische Venus und die himmlische Elisabeth lieben Tannhäuser, um seinetwillen verzichten beide; Tannhäuser liebt nur sich selbst – um seinetwillen begehrt er beide. Der Papst verdammt ihn, Gott vergibt ihm.

Viele Konflikte bleiben angedeutet – „Ich bin der Welt noch einen Tannhäuser schuldig“, bekannte Wagner später. Vielleicht meinte er die sehr anstrengende Hauptpartie oder den die Harfe(n) überfordernden, etwas faden Sängerkrieg – trotzdem gibt es viele überwältigende Momente:

- die sich öffnende blaue Grotte in der Venusbergszene – Ludwig II. ließ sie für sich nachbauen,

- das Lied des Hirten – auf seiner Schalmei die Pilger begleitend,

- die Arie der Elisabeth – voller Vorfreude auf das Wiedersehen mit Tannhäuser,

- der Einzug der Gäste in den Festsaal der Wartburg – Stolz aller Opernchöre (ursprünglich eine Huldigungsmusik für den sächsischen König – wie zu Zeiten Bachs),

- Elisabeths Gebet – nur von ruhigen Akkorden begleitet,

- ihr Abschied ... das erste und zugleich schönste Bassklarinettensolo mit dämmernder Überleitung zu

- Wolframs entsagungsvollem Lied an den Abendstern – dichterisch und musikalisch eine Perle, mit dunkelnder Überleitung der Violoncelli zu

- Tannhäusers Rom-Erzählung als nächtlich abgründigem Tiefpunkt der Oper.

Der Pilgerchor – orchestral in der Ouvertüre, vokal im dritten Akt – wölbt sich wie eine Kuppel über dieses vielschichtige, ungleichwertige, unfertige und vielleicht eben darum so faszinierende hochromantische Werk.

(Mathias Husmann)

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