Jedes Jahr im Spätsommer wird das Ruhrgebiet zum Schauplatz eines internationalen Festivals der Künste: der Ruhrtriennale. Rund einen Monat lang bespielen Künstler aus aller Welt herausragende Bauwerke der Industriekultur, darunter Hallen, Kokereien und Maschinenhäuser des ehemaligen Bergbaus und der Stahlindustrie. Bei der Ruhrtriennale 2026 werden diese besonderen Orte erneut zu eindrucksvollen Bühnen für Musiktheater, Schauspiel, Tanz, Performance, Konzerte und Bildende Kunst.
Unter dem Motto „Longing for Tomorrow“ widmet sich das Festival den Fragen unserer Gegenwart und Zukunft: Wie wollen wir morgen leben? Was verbindet Menschen in einer zunehmend polarisierten Welt? Und wie kann Kunst Räume für Austausch, Verständnis und neue Perspektiven schaffen?
Diese Ausgabe markiert zugleich den Abschluss der dreijährigen Intendanz des belgischen Regisseurs Ivo Van Hove. Seine letzte Ruhrtriennale steht ganz im Zeichen von Begegnung, Offenheit und dem Dialog zwischen unterschiedlichen Lebensrealitäten. Dabei kreist das Programm um Freiheit und Verantwortung, um Identität und Zugehörigkeit, um Erinnerung und Hoffnung – Themen, die aktueller kaum sein könnten.

Spiegel der Gegenwart
Die Frage nach dem Zusammenleben in einer Welt voller Unsicherheiten zieht sich wie ein roter Faden durch das Festivalprogramm. Bereits die Eröffnungsproduktion „Rebel Rebel“ (20.8.-2.9.) greift diese Fragen auf. Für die Ruhrtriennale kreiert Ivo Van Hove ein neues Musiktheater mit Songs von David Bowie. In einer verrohten Gesellschaft, in der gewalttätige Jugendgangs die Städte terrorisieren und zwischenmenschliche Beziehungen verboten sind, leistet ein junges Paar Widerstand, allein dadurch, dass es an Liebe, Nähe und eine eigene Utopie glaubt. Bowies Musik wird dabei zum Soundtrack einer Welt am Abgrund. Die musikalische Leitung übernimmt Henry Hey, der bereits an Bowies Album „The Next Day“ und am Musical „Lazarus“ mitwirkte. Die Choreografie stammt von Sidi Larbi Cherkaoui.
Doch die Ruhrtriennale blickt nicht nur auf gesellschaftliche Konflikte, sondern ebenso auf die Sehnsucht nach Identität, Spiritualität und Verbundenheit. Marina Abramović eröffnet mit „Balkan Erotic Epic“ (3.-11.9.) einen begehbaren Kosmos aus Mythologie, Ritual und Körperlichkeit. In dieser groß angelegten Arbeit bewegt sich das Publikum frei durch verschiedene Szenen und entdeckt die spirituellen und kulturellen Traditionen des Balkans aus ungewohnten Perspektiven.
Die Suche nach dem eigenen Platz in der Welt findet sich auch in „Emily – No Prisoner Be“ (21.-23.8.) wieder. Mit Joyce DiDonato kommt eine der großen Stimmen unserer Zeit zur Ruhrtriennale. Gemeinsam mit dem genreübergreifend arbeitenden Trio Time for Three widmet sie sich der amerikanischen Dichterin Emily Dickinson. Die von Kevin Puts vertonten Texte öffnen einen Abend zwischen klassischer Musik, szenischer Erzählung und überraschenden klanglichen Kontrasten.

Weit über musikalische Grenzen hinaus
Dass die Ruhrtriennale musikalische Grenzen bewusst überschreitet, zeigt zudem „Evergreen & Beyond“ (19.-20.9.). Die Pulitzer-Preisträgerin Caroline Shaw zählt zu den spannendsten Stimmen der zeitgenössischen Musik. Gemeinsam mit dem Attacca Quartet verbindet sie in diesem Programm Komposition, Gesang und Kammermusik auf außergewöhnliche Weise. Shaw selbst steht dabei nicht nur als Komponistin, sondern auch als Sängerin und Bratschistin auf der Bühne und eröffnet neue Perspektiven auf das Zusammenspiel von Stimme und Instrument.
Einen ganz anderen Zugang zur Musikgeschichte eröffnet die Produktion „Vorhang!“ (27.-30.8.). Ausgangspunkt ist die legendäre Uraufführung von Erik Saties Ballett „Parade“, die einst einen handfesten Skandal auslöste und deren Bühnenbild von Pablo Picasso gestaltet wurde. Das Ensemble Les Apaches ! entwickelt daraus eine interdisziplinäre Performance zwischen Konzert, Theater und Bewegungskunst. Dabei trifft die verspielte Experimentierfreude von Erik Satie auf die radikale Reduktion seines geistigen Nachfolgers John Cage. Aus kreativem Chaos entsteht nach und nach kontemplative Stille.

Ort der Begegnung und des Austauschs
Herzstück des Festivals bleibt das Bochumer Wunderland. Mit Konzerten, Spoken-Word-Formaten, Workshops und Partys entsteht hier ein Ort der Begegnung, an dem Künstlerinnen und Künstler mit dem Publikum ins Gespräch kommen können. Die Ruhrtriennale versteht sich schließlich nicht nur als Festival zum Zuschauen und Zuhören, sondern als gemeinsames Erlebnis.
Mit rund 600 Künstlerinnen und Künstlern aus 43 Ländern, 31 Produktionen und Projekten sowie 114 Veranstaltungen in Bochum, Duisburg, Dortmund, Essen und Gladbeck unterstreicht die Ruhrtriennale einmal mehr ihren internationalen Anspruch. Vor allem aber macht sie erfahrbar, wie Kunst Menschen zusammenbringen kann: als Ort der Begegnung, des Austauschs und der gemeinsamen Suche nach Antworten auf die Fragen von morgen.

Mit außergewöhnlichen Spielorten der Industriekultur und dem Motto „Longing for Tomorrow“ lädt die Ruhrtriennale vom 20.8. bis 20.9. zu einem Festival ein, das Kunst als Raum für Begegnung, Austausch und neue Perspektiven versteht.