Klangbrücken-Festival Hannover

Ihm fehlte der Glaube an einfache Gegensätze

Das Klangbrücken-Festival blickt auf das vielfältige Werk von Luciano Berio

Luciano Berio © Universal Edition

Luciano Berio

Es ist eine bezeichnende Geschichte über Luciano Berio (1925–2003): Als er in den 1960er Jahren am Mills College im kalifornischen Oakland lehrte, war unter seinen Schülern der junge Steve Reich, der spätere Pionier der Minimal Music. Reich versuchte sich damals in der Zwölftontechnik, verzichtete aber auf die schulgemäßen Umformungen der Grundreihe. Was Berio zu der erfrischenden Frage veranlasste: „Wenn Sie tonale Musik schreiben wollen, wieso schreiben Sie dann keine tonale Musik?“

Der aus der ligurischen Hafenstadt Oneglia stammende Berio war ein wunderbar undogmatischer Komponist. Ihm fehlte der Glaube an einfache Gegensätze, an Schwarz­weiß, an richtige und falsche Perspektiven. Zwar nahm er regen Anteil an der seriellen Avantgarde der 1950er Jahre, schuf experimentelle Werke und beschäftigte sich mit elektroakustischer Musik. Einer ästhetischen Doktrin ordnete er sich jedoch nie unter, denn er war ein Musikerfinder, dessen Schaffen um die Idee des Multiplen und Mannigfaltigen kreiste.

Eben dieser freie Geist steht im Mittelpunkt des diesjährigen Klangbrücken­-Festivals in Hannover, einer Kooperation der Staatsoper mit der Hochschule für Musik, Theater und Medien sowie dem Netzwerkprojekt „Musik 21 Niedersachsen“. Vom 19. bis 23. April kann das Publikum in Berios facettenreiche Welt eintauchen – zum Beispiel, wenn es heißt „Tutte le sequenze“. In einem Solomarathon erklingen alle Stücke des zwischen 1958 und 2002 entstandenen Werkzyklus, von der „Sequenza I“ für Flöte bis zur „Sequenza XIV“ für Violoncello. Das verspricht viel avantgardistische Virtuosität.

Als Berios wohl populärstes Werk gibt es die „Folk Songs“ mit raffinierten Bearbeitungen traditioneller Melodien. Selbstverständlich kommt auch die spektakuläre „Sinfonia“ zur Aufführung. Sie ist beispielhaft für den stilistischen Pluralismus des Meisters. Berühmt wurde nicht zuletzt der dritte Satz mit einer abenteuerlichen Collage: Das Scherzo aus Gustav Mahlers zweiter Sinfonie bildet die Basis, darüber ist eine Fülle an musikalischen und literarischen Zitaten montiert. Die Bandbreite reicht von Bach bis Boulez und Stockhausen, von Samuel Beckett bis zu Parolen, die Studenten im Mai 1968 an die Mauern der Sorbonne schrieben.

Luciano Berios „Folk Songs“:

concerti-Tipp:

Klangbrücken 2018
19.-23.4.2018
Mit: Elisabeth Kufferath, Juri Schmahl, Ania Vegry, Stefan Adam, Ensemble Oktoplus, Kammerorchester Hannover u. a.
Ort: Hannover

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *