Musikfest Berlin 2017

Ein bewegtes Leben als Festival-Mittelpunkt

Das Musikfest Berlin nimmt den 100. Geburtstag von Isang Yun zum Anlass, den Komponisten in seiner Wahlheimat mit diversen Programmen zu würdigen

Isang Yun, 1989 © Ingrid von Kruse/Boosey & Hawkes, Bote & Bock, Berlin, Archiv

Isang Yun, 1989

Seine Musik habe gar nichts mit Politik zu tun, nur sei seine Person immer wieder in Politik involviert gewesen, so der Japaner Toshio Hosokawa über seinen Lehrer, den Komponisten Isang Yun. Tatsächlich ist der aus Südkorea stammende Yun in Politik verstrickt gewesen. Unfreiwillig, voller Gewalt und grausam. Die Geschichte seiner Entführung im Jahr 1967 liest sich wie ein politischer Thriller: Isang Yun (laut koreanischer Konvention auch Yun I-sang) der in Südkorea aufwuchs, in Paris und Berlin Komposition studierte und in Deutschland schließlich eine zweite Heimat fand, bekam nach einem Besuch in Nordkorea einen Anruf in seiner Westberliner Wohnung. Zwei koreanische Herren erbaten ein Treffen, danach war Yun verschwunden. Wochen später fand man sein verlassenes Auto am Flughafen Tempelhof. Was war passiert?

Yun, seine Frau und weitere in Europa lebende Koreaner wurden vom südkoreanischen Geheimdienst verschleppt, nach Seoul gebracht und ob ihrer angeblichen Kontakte zum feindlichen Nordkorea des Landesverrats angeklagt. In einem Schauprozess, dessen prominentestes Opfer Yun war, wurde dieser zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt. Nach internationalen Protesten – auch Strawinsky, Stockhausen und Karajan unterstützen diese – kam Yun zwei Jahre später frei und erhielt nach Rückkehr in den Westen Berlins die deutsche Staatsbürgerschaft. Die Frage, wie es möglich gewesen sei, dass mitten aus einem freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat Menschen entführt werden, steht bis heute im Raum und ist nicht abschließend geklärt.

Yuns Musik schlägt Brücken

Trotz der rechtswidrigen Demütigung durch sein Heimatland hat Yun nie aufgegeben, Werke zu komponieren, die international gültig sind und zugleich koreanische Elemente in sich tragen. Yun, der Ende der fünfziger Jahre erstmals die Internationalen Ferienkurse für neue Musik in Darmstadt besuchte und auf John Cage traf, gilt als erster nicht-westlicher Komponist innerhalb der musikalischen Avantgarde. Er entwickelte eine individuelle Tonsprache, die sich stark mit Schönbergs Zwölftonmusik auseinandersetzt und gleichzeitig die ostasiatische Musikkultur integriert.

Dabei trieb ihn stets ein besonderes Anliegen an: durch seine Musik eine Brücke zwischen den zwei Hälften seines getrennten Heimatlandes zu schlagen. Wurde er in Südkorea zunächst noch als Spion verachtet, feierte Nordkorea ihn bereits als Superstar und erkannte schnell den propagandistischen Nutzen dieser Verehrung. Später zog auch Südkorea nach, und folglich reklamierten beide Seiten den Künstler entschlossen für sich. „Mein Mann ist der Einzige, der in Nord- und Südkorea anerkannt ist“, äußerte einmal Yuns Witwe Sooja Lee.

Musikfest Berlin 2017 würdigt Yun und Monteverdi

Musikfest Berlin in der Philharmonie

Musikfest Berlin in der Philharmonie

In diesem Jahr wäre Isang Yun 100 Jahre alt geworden. Für das Musikfest Berlin 2017, das die neue Saison eröffnet, ein willkommener Anlass, den Komponisten in seiner Wahlheimat Berlin mit diversen Programmen zu würdigen. Und noch ein Jubiläum wird auf dem Musikfest ausführlich begangen: Claudio Monteverdi, der Schöpfer der Gattung Oper, wurde vor 450 Jahren geboren. Auf hochkarätige, einen weiten Bogen spannende Konzerte mit Musik der zwei Geburtstagskinder darf man gespannt sein – und auf zahlreiche prominente Solisten, Ensembles, Orchester und Chöre.

Die Festivaldaten im Überblick:

Musikfest Berlin 2017
Zeitraum: 31.8. – 18.9.2017
Mitwirkende: Staatskapelle Berlin, Daniel Barenboim, Royal Concertgebouw Orchestra, Daniele Gatti, Deutsches Symphonie-Orchester Berlin, Christoph Eschenbach u.a.
Ort: Philharmonie Berlin

Termine

Montag, 17.12.2018 20:00 Uhr Philharmonie Berlin
Dienstag, 18.12.2018 13:00 Uhr Philharmonie Berlin
Dienstag, 18.12.2018 20:00 Uhr Philharmonie Berlin

Sol Gabetta, Orchestre Philharmonique de Radio France, Mikko Franck

Dukas: Der Zauberlehrling, Elgar: Cellokonzert e-Moll op. 85, R. Strauss: Tod und Verklärung op. 24
Mittwoch, 19.12.2018 20:00 Uhr Philharmonie Berlin

Joshua Bell, Deutsches Symphonie-Orchester Berlin, Cristian Macelaru

Saint-Saëns: Violinkonzert Nr. 3 h-Moll, Ravel: „Tzigane“, Bartók: Tanz-Suite, R. Strauss: Suite aus „Der Rosenkavalier“
Donnerstag, 20.12.2018 19:30 Uhr Staatsoper Unter den Linden

Verdi: Falstaff

Daniel Barenboim (Leitung), Mario Martone (Regie)

Auch interessant

Opern-Kritik: Staatsoper Berlin - Medea

Verpackt und verschoben

(Berlin, 7.10.2018) Andrea Breth inszeniert, Daniel Barenboim dirigiert Luigi Cherubinis vernachlässigte Mythenoper „Medea“. weiter

Nach Skandal: Daniel Barenboim gibt ECHO zurück

Rückgabewelle reißt nicht ab

Pianist Daniel Barenboim gibt als Reaktion auf den ECHO-Skandal seine Auszeichnung zurück. Auch die Staatskapelle Berlin und das West-Eastern Divan Orchestra schließen sich dem Protest gegen die Preisvergabe an Farid Bang und Kollegah an weiter

Opern-Kritik: Staatsoper unter den Linden – Tristan und Isolde

Tristans Trennungs-Traumata

(Berlin, 18.2.2018) Daniel Barenboim und Dmitri Tcherniakov lesen Wagner mit Schopenhauer-Brille – und triumphieren weiter

Rezensionen

CD-Rezension Elgar: The Dream of Gerontius

Klangmagie

Very British: Daniel Barenboim ist in erster Linie nicht dem Romantiker, sondern dem impressionistischen Klangmagier Edward Elgar auf der Spur weiter

CD-Rezension Daniel Barenboim – On My New Piano

Neuer Flügel, viele Farben

Daniel Barenboim präsentiert auf seinem neuen Flügel Sonaten von Scarlatti, Variationen von Beethoven, die erste Ballade von Chopin und Stücke von Liszt weiter

CD-Rezension Lisa Batiashvili & Daniel Barenboim

Grenznah

Lisa Batiashvili, die Staatskapelle Berlin und Daniel Barenboim überzeugen bei Sibelius weiter

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *