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Interview Andreas Schager

„Ich habe meine Opernkarriere als Soloschaf begonnen“

Verbissenheit und Authentizität haben Andreas Schager zu einem der gefragtesten Wagner-Interpreten seiner Generation gemacht. Im Interview spricht der Heldentenor über seinen Werdegang und die bevorstehende Bayreuther Erstaufführung des „Rienzi“.

vonPatrick Erb,

Ursprünglich wollte Andreas Schager in Wien Geschichte studieren. Nur durch Zufall fand der heutige Startenor den Weg in den Wiener Singverein, wo er über Oratorium und Opernchor schließlich zum Sologesang gelangte. Seine Faszination für Geschichte begleitet ihn dennoch bis heute: Sie hilft ihm, den Kern und Charakter historischer Figuren zu erfassen und auf der Bühne umso überzeugender zu gestalten.

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Sie sind in Österreich auf einem Bauernhof groß geworden. Wie und wo hatten Sie Ihren Erstkontakt mit klassischer Musik?

Andreas Schager: Das war in dem Jahr, als ich vierzehn war. Mein Vater ist sehr früh verstorben, und zu Weihnachten bekam ich Beethovens Neunte geschenkt – ich glaube, von meiner Schwägerin. Warum gerade diese Aufnahme, weiß ich nicht mehr. Es war die Karajan-Einspielung mit den Berliner Philharmonikern. Meine Eltern hatten eigentlich nichts mit klassischer Musik zu tun. Ich bin regelrecht hineingekippt in diese Welt. Diese Musik hat mir in dieser Situation unglaublich viel Kraft gegeben. Ich habe für mich eine ganz neue Welt entdeckt.

Gab es ein musikalisches Erweckungserlebnis, das Sie besonders geprägt hat?

Schager: Da gab es viele. Die klassische Musik ist ja ein unerschöpflicher Pool solcher Momente. Ich habe mir damals auf Flohmärkten verschiedenste Aufnahmen gekauft und bin eher zufällig auf Platten von Fritz Wunderlich gestoßen. Der hatte diese ganzen großen Opernarien auf Deutsch gesungen, etwa Puccinis „Nessun dorma“. Das hat mich tief beeindruckt und von da an eigentlich nicht mehr losgelassen. Die Oper war plötzlich immer präsent.

Wann merkten Sie, dass Opernsänger der richtige Beruf für Sie sein könnte?

Schager: Zunächst war Oper gar nicht das Ziel. Ich war im Stiftsgymnasium Melk, habe dort im Knabenchor gesungen und erste Soli übernommen. Ich weiß noch, wie wir Palestrinas „Tu es Petrus“ gemacht haben – diese Motettenwelt war für mich etwas vollkommen Neues und Wunderschönes. Nach der Matura und dem Zivildienst bin ich dann nach Wien gegangen, eigentlich, um Geschichte zu studieren. Ich wollte Lehrer werden.

Schlussendlich fand Andreas Schager über den Wiener Singverein zur Oper
Schlussendlich fand Andreas Schager über den Wiener Singverein zur Oper

Dann kam es aber doch anders …

Schager: Wie es halt ist, wenn man als junger Mensch in die große Stadt kommt und niemanden kennt: Man sucht Anschluss. Ein ehemaliger Schulkollege nahm mich in den Chor der Wiener Singakademie mit. Ich konnte damals nicht einmal richtig Noten lesen und habe mich mehr oder weniger am Nachbarn orientiert. Aber plötzlich stand ich mit über hundert Leuten auf der Bühne des Wiener Konzerthauses und sang unter Dirigenten wie Claudio Abbado oder später Simon Rattle. Da war mir ja noch gar nicht bewusst, welche Größen das eigentlich waren. Im Nachhinein denke ich oft: Ich hatte das unglaubliche Glück, von Anfang an auf allerhöchstem Niveau Musik machen zu dürfen – auch wenn es zunächst „nur“ im Chor war.

Große Konzertchöre singen ein sehr breitgefächertes Repertoire. Wie passt die Oper dazu?

Schager: Das ist richtig, dennoch haben wir als Chor gelegentlich in Opernaufführung mitgewirkt, etwa in Innsbruck bei einer „Jeanne d’Arc au bûcher“ von Honegger. Im Werk soll die Johanna in mittelalterlicher Tradition einem Tiergericht übergeben werden – mit Schwein als Vorsitz, Esel als Gerichtsschreiber und Schafen als Beisitzern. Ich war ein Schaf und habe damit wohl meine Opernkarriere als Soloschaf begonnen.

Gibt es einen Andreas Schager jenseits der Bühne?

Schager: Ja, natürlich. Der Apfel ist gar nicht so weit vom Stamm gefallen. Wir haben heute ein Haus in der Schneebergregion, etwa eine Stunde von Wien entfernt. Das ist eine ländliche Gegend, stark von Landwirtschaft geprägt. Im Grunde bin ich dorthin zurückgekehrt, wo meine Wurzeln liegen. Dort tanke ich Kraft.

Sie sind viel unterwegs. Was bedeutet für Sie „Zuhause“?

Schager: Zuhause ist dort, wo meine Familie ist. Das ist das Entscheidende. Interessant ist natürlich, dass meine Kinder völlig anders aufwachsen als ich damals. Mein Sohn hat seine ersten Schritte in New York gemacht, schwimmen gelernt hat er in Miami. Für ihn ist das ganz selbstverständlich. Aber der Bauernhof als Herkunft ist ein Teil von mir und hilft sogar bei vielen Rollen, etwa wenn ich Siegfried oder Parsifal singe. Das sind naturverbundene Figuren. Sie lernen nicht von Menschen, sondern aus der Beobachtung der Natur. Dieses unmittelbare Verhältnis ist mir durch mein Aufwachsen auf dem Bauernhof sehr nahe.

Wann wird Singen zur Belastung?

Schager: Wenn man nicht hundertprozentig fit ist. Wenn man eine Erkältung hat oder irgendein körperliches Problem. Dann denkt man von Phrase zu Phrase und hofft, irgendwie durchzukommen. Zum Glück passiert mir das sehr selten. Grundsätzlich ist das, was ich machen darf, aber ein riesiges Geschenk. Ich gebe dem Publikum nicht nur Energie – ich bekomme auch unglaublich viel zurück. Nach einem guten „Siegfried“ oder „Tristan“ bin ich oft völlig euphorisiert, obwohl man vier oder fünf Stunden auf der Bühne gestanden hat. Man könnte direkt noch einmal anfangen. Interessant war das während Corona: Wir haben oft vor leeren Häusern gespielt, und dieses Gefühl war plötzlich nicht mehr da. Da habe ich gemerkt, dass Musik allein nicht genügt. Es braucht dieses Wechselspiel zwischen Bühne und Publikum. Beide Seiten geben Energie. Erst dann entsteht wirklich ein Gesamtkunstwerk.

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Ihre frühe Karriere galt auch der Operette, später wechselten Sie mehrfach das Stimmfach. Wie entwickelt man eigentlich eine Stimme?

Schager: Man braucht die natürlichen Voraussetzungen. Ein Dirigent hat einmal gesagt: „Aus einem Spatz kann man keine Taube machen, auch wenn man ihn noch so sehr füttert.“ Das gilt auch für Sänger. Wenn die Voraussetzungen da sind, braucht es viel Training. Im Grunde ist es wie beim Leistungssport. Ich hatte nie einen großen Karriereplan. Ich habe viele Jahre Operette gesungen – Tourneetheater, Doppelvorstellungen, Dialoge, Tanz, Busfahrten quer durchs Land. Das war ein hartes Brot, aber eine fantastische Schule. Als mir dann mein erster „Siegfried“ angeboten wurde, kannte ich das Stück noch gar nicht. Ich habe mich hingesetzt, die Partitur angeschaut, die Seiten gezählt und die Tessitura geprüft. Dann dachte ich mir: Eigentlich ist das von der Lage her ähnlich wie der „Barinkay“, und von der Länge ungefähr wie eine Doppelvorstellung „Zigeunerbaron“. Also wusste ich: Das schaffe ich.

Der Heldentenor singt bei der Bayreuther Erstaufführung von „Rienzi“ die Titelrolle
Der Heldentenor singt bei der Bayreuther Erstaufführung von „Rienzi“ die Titelrolle

Was macht einen guten Heldentenor aus?

Schager: Zunächst einmal braucht man eine obertonreiche, durchschlagskräftige Stimme. Wagner verlangt riesige Orchesterapparate, da muss die Stimme strahlen können. Aber ebenso wichtig ist eine gewisse Grundruhe. Diese Partien sind so lang und fordernd – wenn man psychisch zu nervös wäre, würde man sehr schnell verbrennen.Ich habe das Glück, mit den größten Dirigenten, Regisseuren und Kollegen arbeiten zu dürfen. Und gerade in der Wagner-Welt erlebe ich oft eine große gegenseitige Anerkennung und Gelassenheit. Wenig Ellbogenmentalität.

Für das 150-jährige Jubiläum der Bayreuther Festspiele singen Sie die Titelrolle in „Rienzi“, der dort erstmals zu erleben sein wird. Wie haben Sie reagiert, als die Anfrage kam?

Schager: Mit großer Freude. Ich wollte ja Geschichte studieren, diese historische Dimension interessiert mich sehr. Dass „Rienzi“ nach 150 Jahren erstmals auf dem Grünen Hügel erklingt, ist ein bedeutender Moment. Man darf nicht vergessen: Zu Wagners Lebzeiten war „Rienzi“ sein mit Abstand erfolgreichstes Werk. Zugleich gibt es diese schwere historische Belastung. Hitler hat „Rienzi“ für seine Propagandazwecke missbraucht, und dadurch wurde das Werk fast zu einem Tabu. Viele Menschen verbanden die Musik unmittelbar mit dem Nationalsozialismus, übersehen dabei aber, dass Hitler noch gar nicht geboren war, als Wagner schon lange gestorben war.

Hans von Bülow nannte „Rienzi“ einmal „Meyerbeers beste Oper“. Wie viel Wagner steckt in diesem Werk, wie blicken Sie selbst auf den Stoff?

Schager: Sehr viel – aber natürlich noch ein anderer Wagner als später. Das Stück steht noch viel stärker in der Tradition der Grand Opéra. Gleichzeitig hört man bereits diesen einzigartigen orchestralen Zugriff, diese großen Bögen, die orchestralen Farben und diese überwältigenden Steigerungen. Man darf die Handlung und ihre Bedeutung in den 1930er-Jahren natürlich nicht ausblenden, aber dafür kann das Werk selbst nichts. Es wurde missbraucht. Deshalb muss man zurück zur Essenz der Musik und fragen: Was begeistert eigentlich daran? Gerade „Rienzi“ bietet da viel: große Chorszenen, Arien, Duette, monumentale Finali – diese unmittelbare Wirkung aufs Herz. Das ist faszinierend. Und dann gibt es das Gebet des Rienzi, diese unglaublich lyrische, beinahe traurige Musik. Nach dieser Szene wird fast immer applaudiert – was bei Wagner sonst eher unüblich ist. Das sagt schon etwas aus.

Sie singen die Rolle nicht zum ersten Mal. Worin unterscheidet sich Rienzi von anderen Wagner-Helden?

Schager: Da ist zunächst diese historische Figur. Rienzi ist kein klassischer Feldherr, sondern eigentlich ein päpstlicher Beamter. Seine Macht entsteht aus Worten, aus seiner Fähigkeit, Menschen zu begeistern. Wagner verstärkt das musikalisch enorm.

Das Regieteam Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka möchte dem Werk einen „Neustart“ ermöglichen. Wie kann das gelingen?

Schager: Die Proben haben noch nicht begonnen, deshalb kann ich dazu nicht allzu viel sagen. Aber natürlich wird genau das die spannende Aufgabe sein: die Rezeptionsgeschichte nicht zum alleinigen Blickwinkel zu machen.

Rienzi ist zugleich idealistischer Volkstribun und despotischer Herrscher. Was können wir von diesem Stoff lernen?

Schager: Leider ist das Stück heute fast erschreckend aktuell. Diese Figuren, die sich als Befreier präsentieren und dann in autoritäre Strukturen kippen – das erleben wir ja wieder. Vielleicht wäre schon viel gewonnen, wenn die Zuschauer nach dem Abend reflektieren und erkennen: Das alles gab es schon einmal. Und vielleicht müssen wir gerade jetzt aufpassen, nicht dieselben Fehler zu wiederholen.

Natur und Humor sind zentrale Pfeiler im Leben des Österreichers
Natur und Humor sind zentrale Pfeiler im Leben des Österreichers

Welche Rolle spielt Humor in Ihrem Leben, welche bei Wagner?

Schager: Eine sehr große. Gerade „Siegfried“ ist für mich fast die Operette unter Wagners Werken. Was da zwischen Mime und Siegfried passiert, ist oft hochkomisch. Ich habe kürzlich mit Barrie Kosky einen „Siegfried“ an der Royal Opera in London erarbeitet – Kosky ist ein Großmeister des Humors. Ich glaube, Wagner selbst war ein sehr humorvoller Mensch, trotz aller existenziellen Krisen. Wenn man sich seine Biografie ansieht, liest sich das sehr unterhaltsam, aber man muss sich das mal vorstellen: Geldprobleme, das ständige Fliehen, die gescheiterten Projekte, das ist fast tragikomisch. Und trotzdem ist er musikalisch nie Kompromisse eingegangen.

Zum Schluss: Wenn Sie Ihr eigener Intendant wären – was würden Sie gerne einmal verwirklichen – vielleicht etwas Italienisches?

Schager: Ich hatte das Glück, in Wien schon Verdis „Otello“ singen zu dürfen. Natürlich interessieren mich auch Richard Strauss oder ein „Palestrina“ von Pfitzner. Ein Stück weit ist man als freischaffender Sänger ohnehin sein eigener Intendant und zugleich auch vom Markt abhängig. Gerade als Heldentenor wird man natürlich stark mit bestimmten Rollen identifiziert. Die großen Häuser planen ihre Produktionen Jahre im Voraus, und zuerst werden oft die Sänger gesucht, weil es nur wenige gibt, die bestimmte Partien singen können. Ich empfinde das überhaupt nicht als Gefängnis, im Gegenteil. Wagner ist für mich ein unerschöpfliches Universum. Ich entdecke immer wieder Neues darin und fühle mich in diesem Repertoire sehr zuhause. Und ehrlich gesagt: Ich bin lieber einer der wenigen guten Siegfriede als der zwanzigste italienische Tenor.

concerti-Tipp:

Wagner: Tristan und Isolde

Andreas Schager (Tristan), Günther Groissböck (Marke), Camilla Nylund (Isolde), Christa Mayer (Brangäne), Olafur Sigurdarson (Kurwenal), Birger Radde (Melot), Chor der Bayreuther Festspiele, Orchester der Bayreuther Festspiele, Semyon Bychkov (Leitung). Deutsche Grammophon

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