Wie lange arbeiten sie schon als Maskenbildnerin an der Oper Köln?
Johanna Nagel: Ich habe meine Ausbildung an der Oper Köln im August 1977 begonnen und im Juni 1980 abgeschlossen. Seitdem bin ich ununterbrochen dort beschäftigt. Damit bin ich wahrscheinlich die Dienstälteste im Haus.
Wie sind Sie zur Maskenbildnerei gekommen? Gab es einen Schlüsselmoment, der Ihren Berufsweg geprägt hat?
Nagel: Ich wollte eigentlich einen technischen Beruf erlernen, aber das war in den 1970er-Jahren für ein Mädchen nicht so einfach. Also habe ich mich für Maskenbildnerin entschieden. Das ist dann mein Beruf und die Musik mein Hobby geworden. Deswegen bin ich so lange dabeigeblieben.
Hat sich Ihr Beruf in den letzten Jahrzehnten verändert?
Nagel: Die Techniken sind natürlich die gleichen geblieben, aber die Arbeitsmaterialien haben sich verändert. Außerdem unterliegt unser Beruf natürlich dem Zeitgeschmack. In den 1970er-Jahren wollte man lange Haare und Koteletten auf der Bühne sehen, heute bevorzugt man Kurzhaarfrisuren. Unser Sehen auf die Menschen verändert sich. Heute legt man viel mehr Wert auf Natürlichkeit und möchte die Menschen so zeigen, wie sie sind.
Wie arbeiten Sie mit Regie, Kostümbild und Bühnenbild zusammen?
Nagel: Der Kostümbildner oder die Kostümbildnerin entwirft auch die Figurinen für die Köpfe und die Maske, von daher gibt es hier eine sehr enge Zusammenarbeit. Mit den Regisseuren verhält es sich unterschiedlich. Einige pflegen sehr engen Kontakt zur Maske, andere überlassen das der Ausstattung. Ich finde es schöner, wenn es da auch einen direkten Austausch gibt.
Viele Inszenierungen halten sich Jahrzehnte im Repertoire, wobei es in den einzelnen Partien immer wieder Neubesetzungen gibt. Was bedeutet das für Sie als Maskenbildnerin, wenn die gleiche Figur von verschiedenen Sängern verkörpert wird?
Nagel: Wenn wir merken, dass etwas gar nicht passt, weil die neue Sängerin ein ganz anderer Typ ist, werden in Absprache mit der Abendspielleitung natürlich Änderungen an der Maske vorgenommen. Schwierig wird es, wenn für eine Produktion ein Film gedreht wird und vor der Aufführung eine Sängerin oder ein Sänger krank wird. Dann sieht man im Film eine andere Person als auf der Bühne, was man mit der Maske dann zu kaschieren versucht.
Wie lange dauert es, eine aufwendige Maske anzufertigen?
Nagel: Im Solobereich kann das eine bis anderthalb Stunden dauern. Aber eine Chordame muss in 20 Minuten fertig sein. Wir können ja nicht fünf Stunden vorher mit der Maske anfangen.
Sind Sie auch für die Herstellung der Perücken zuständig?
Nagel: Ja, natürlich. Wir sind eine der wenigen Abteilungen, die sowohl produziert als auch im Abenddienst tätig ist.
Wie viele Personen arbeiten in der Maskenabteilung der Oper Köln zusammen?
Nagel: Ohne Auszubildende arbeiten bei uns 18 Personen. Das sind aber fast alles Teilzeitkräfte. Bei einer Chorstärke von 70 Personen und einem Stück mit viel Maskenaufwand ist das schon mehr als sportlich.
Während einer Vorstellung muss ja auch nach- oder umgeschminkt werden. Ist Ihnen vor oder während der Aufführung schon einmal etwas Unerwartetes passiert?
Nagel: Bei einem schnellen Ballettumzug – da hat man in der Regel nur anderthalb Minuten Zeit – habe ich einem Tänzer einmal die Perücke festgeklebt, während der Garderobier ihm die Schnürschuhe zubinden wollte. Da ist mir der Klebstoff umgekippt und dem Ankleider komplett über die Hände gelaufen. Der konnte nichts mehr machen, weil die Finger augenblicklich zusammenklebten.
Was haben Sie dann getan?
Nagel: Man denkt zuerst an Lösungsmittel, aber gegen Mastix-Kleber hilft nur Puder. Das stoppt sofort die Klebefunktion.
Was war die größte Herausforderung Ihrer bisherigen Laufbahn?
Nagel: Einmal haben wir den ganzen Damenchor mit Altmasken ausgestattet. Das war sehr aufwendig. Eine riesige Herausforderung war außerdem Valentin Schwarz’ Inszenierung von „Der Meister und Margarita“. Sieben Sänger sollten völlig überdimensionierte Köpfe mit Gesichtszügen berühmter Künstler wie Salvador Dalí oder Vincent van Gogh haben, und durch diese Masken hindurchsingen können.
Die Sanierung der Oper Köln war ursprünglich auf drei Jahre angesetzt und hat nun aufgrund baulicher Probleme und Fehlplanungen vierzehn Jahre gedauert. Wie haben Sie die Zeit in den verschiedenen Ausweichspielstätten erlebt?
Nagel: Sowas kann ganz toll sein, weil es ein bisschen Gastspielatmosphäre mit sich bringt und man mehr zusammenwächst. Wir waren an Orten, wo normalerweise kein Theater gespielt wird: im Treppenhaus des Gerichts, in Firmen- und Bankgebäuden, in Kirchen … Das bot uns ganz neue Möglichkeiten, aber auch Schwierigkeiten, denn die Grundvoraussetzungen, die ein Theater bietet, sind dort natürlich nicht gegeben: Die Verwaltung oder Haustechnik sind nicht vor Ort, man muss alles mitnehmen – jeden Stuhl, jeden Spiegel –, und es fehlen oft einfach die Räume zum Schminken, Umziehen und Einsingen. Im Treppenhaus des Gerichtsgebäudes gab es ein zusätzliches Problem: Während der Vorstellung konnte man das Haus zwar verlassen, aber aus Sicherheitsgründen kam man nicht wieder hinein. Das betraf das Publikum, aber auch die Künstler und das Personal.
Hatten Sie irgendwann die Hoffnung aufgegeben, noch einmal an den Offenbachplatz zurückzukehren?
Nagel: Wenn man eine Sanierung schon so weit vorangetrieben hat, kann man am Ende aus einem Opernhaus keine Mäuserennbahn machen. Es war aber in der Tat nicht ganz klar, ob ich die Neueröffnung noch während meiner beruflichen Laufbahn erleben würde. Jetzt bin ich Rentnerin und habe meinen Arbeitsvertrag noch einmal verlängert, weil ich bei der Eröffnungspremiere auf jeden Fall mitmachen wollte.
Dann kehren Sie also mit positiven Erwartungen zurück ins Opernhaus?
Nagel: Ich freue mich riesig auf das sanierte Haus, trotz aller Schwierigkeiten, die vielleicht auf uns zukommen, weil man sich so ein Haus ja auch erst wieder zurückerobern muss. Ich kenne das alte Haus und trage den Grundriss des Gebäudes – auch wenn er verändert wurde – ja noch in meiner DNA. Aber die Hälfte meiner Kolleginnen und Kollegen hat noch nie dort gearbeitet.
Haben Sie die neuen Räume schon in Augenschein genommen?
Nagel: Wir räumen dort schon fleißig ein.
Gibt es in Ihrem direkten Arbeitsumfeld Vorteile gegenüber den alten Räumen?
Nagel: Unsere Schminkräume sind besser. In unserer Ausweichspielstätte im StaatenHaus hatten wir eine Maske für alle: für Damen und Herren, Solo und Chor, Statisterie und Kinder. In einem so großen Raum kann man sich zwar schnell gegenseitig helfen, man bekommt aber auch alles von allen mit. Gerade im Solobereich ist ja durchaus auch mal Ruhe erwünscht. Insofern freuen wir uns, dass alles wieder ein bisschen ruhiger und übersichtlicher wird.





