Anders als seine expressiven, bisweilen ins Wahnhafte kippenden Paraderollen wirkt Bo Skovhus im Gespräch bodenständig und geerdet. Bei schönstem Sonnenschein radelt der Däne durch die Altstadt zur „Wozzeck“-Probe, wo wir ihn im sogenannten Landschaftszimmer des Theater Lübeck treffen – mit herrlichem Blick über die seit Monaten baustellenbedingt autofreie Beckergrube.
Mahler: Des Knaben Wunderhorn – Revelge
Christian Gerhaher, Cleveland Orchestra, Pierre Boulez (Leitung). DG 2010
Ah, ja klar. Das ist natürlich Christian Gerhaher, man merkt es an dem Vibrieren in der Stimme. Das ist ein tolles Stück, ich habe das damals in Dänemark mit Ádám Fischer und dem Radio-Sinfonieorchester aufgenommen. Es stammt aus Mahlers früher Phase, in der er bereits so großartige Musik schreibt, die seine Sinfonik teilweise vorwegnimmt. Viele dieser Lieder werden auch in seinen Sinfonien direkt zitiert. Die Kaserne neben seiner Wohnung hat ihn zu diesem Militärklang inspiriert.
Mozart: Don Giovanni – Fin ch’han dal vino
Ildebrando d’Arcangelo, Mahler Chamber Orchestra, Yannick Nézet-Séguin (Leitung). DG 2012
Das ist die „Champagner-Arie“, aber ich weiß wirklich nicht, wer da singt. Das muss ein Italiener sein? Die Aufnahme ist schon etwas älter, nicht? 2012? Also doch noch nicht so alt. Könnte es Harnoncourt sein? Yannick!? Mit seinem Orchester? Ach so, das Mahler Chamber Orchestra. Und der Sänger? Ildebrando d’Arcangelo? Ich kenne ihn ja sehr gut, ich habe ihn zunächst nur nicht erkannt. Wir haben damals im Mozartjahr 2006 gemeinsam in Salzburg den Figaro aufgenommen.
Schönberg: Gurre-Lieder – Klage der Waldtaube
Brigitte Fassbaender, Rundfunk-Sinfnoieorchester Berlin, Riccardo Chailly (Leitung). Decca 1990
(hört geduldig zu) Da kommt jetzt aber kein Bariton, oder? Ich erkenne die Stimme: Brigitte Fassbaender. Sie singt Wagners Isolde, richtig? Nein, später? Was hat sie denn da noch …? Das kenne ich doch. Schreker? Das kommt dem schon näher. Berg, Webern – könnte das sein? Schönberg also. Allerdings noch nicht atonal und dann dieses Riesenorchester – das war dann alles relativ früh.
Schumann: Liederkreis – In der Fremde
Dietrich Fischer-Dieskau, Christoph Eschenbach (Klavier). DG 1979
Und das ist Fischer-Dieskau, ganz klar. Am Klavier sitzt Eschenbach, richtig? Sie interpretieren Schumanns ‚In der Fremde‘, den Anfang seiner Eichendorff-Lieder. Ich hatte immer eine gute Beziehung zu Dieskau. Ich habe ihn natürlich über alle Maße geschätzt. Aber er kann auch nur ein Vorbild für jeden Sänger sein – mit seiner Sprachbehandlung, seiner Phrasierung, die ganzen Aufnahmen. Das ist Wahnsinn. Ich habe leider nie bei ihm studiert, da waren unsere Generationen ein bisschen zu weit auseinander. Ich habe ihn ein paar Mal getroffen. Die Gespräche mit ihm waren eigentlich immer sehr interessant. Und ich glaube, ich war bei einem seiner letzten Liederabende live dabei – ich kann nicht ganz genau sagen, wann, aber ich habe ihn in Garmisch gehört. Da hat er den „Krämerspiegel“ von Richard Strauss gesungen. So was von brillant!
Berg: Wozzeck – Was erleb’ ich, Wozzeck
Bo Skovhus, Philharmonisches Staatsorchester Hamburg, Ingo Metzmacher (Leitung). Warner 1999
1998 habe ich den „Wozzeck“ zum ersten Mal gemacht. Es war damals ein Riesenbrocken. Ich hatte zuvor noch nie solche Musik gesungen, von Zwölftonmusik war überhaupt keine Rede. Ich fand das wahnsinnig kompliziert zu lernen. Wenn ich daran denke, wie viel moderne Musik ich später noch interpretiert habe, in der es weder Anfang noch Ende gibt und man überhaupt keine Hilfe hat. Man muss bedenken: Das ist über hundert Jahre alt. Zeitgenössische Komponisten schreiben viel gefälliger als das. Die Hamburger Inszenierung war großartig, denn Konwitschny hat wirklich die Musik inszeniert. Es gab keine Statussymbole, alle waren gleich: Männer im Frack, Frauen im schwarzen Kleid. Das einzige Requisit war Geld. Und sofort hat man es verstanden. Wozzeck hat das Geld nie angerührt. Vom Geld kommt alles Schlechte. Da ist der alte Linke Konwitschny sich ganz treu geblieben. (schmunzelt)
Schubert: Der Wanderer an den Mond D 870
Andrè Schuen, Daniel Heide (Klavier). CAvi 2017
Wie heißt das noch gleich … „Der Wanderer …“, aber nicht „an den Mond“, oder? Es gibt noch einen anderen Schubert, so ähnlich, aber das klingt sehr gut. Das ist ein junger Kollege, ich kenne ihn. Er singt wirklich gut, aber das Klavier, diese Arpeggien, das hätte ich nicht so gemacht. Aber wie heißt nun der Sänger? Ich habe mit ihm gesungen … Das ist doch der Südtiroler … Andrè Schuen!
Korngold: Die tote Stadt – Mein Sehnen, mein Wähnen
Samuel Hasselhorn, Poznań Philharmonic Orchestra, Lukasz Borowicz (Leitung). Harmonia Mundi 2024
Sehr gesund gesungen. Es klingt fast so wie Christian Gerhaher, aber das ist er nicht. Mit den Höhen im „Pierrot-Lied“ ist es nicht immer so leicht. Mir fällt niemand ein, der das so macht. Ich denke, es ist vielleicht etwas älter. Was, das ist auch neu? Ein Konzeptalbum? Dann kenne ich den Bariton vermutlich wieder nicht. Na ja, so viele Gesamtaufnahmen gibt es von der „Toten Stadt“ auch nicht. Wir haben das Stück in Salzburg mal gemacht. Samuel Hasselhorn? Nie gehört. Ist das ein Amerikaner?
Kurtág: Hölderlin-Gesänge – Der Spaziergang
Benjamin Appl. Alpha Classics 2025
Ich weiß nicht, ob Aribert Reimann solche Vokalisen hat. Könnte Wolfgang Rihm sein? … Das ist Kurtág!? Aber auf Deutsch? „Hölderlin-Gesänge“ – dass er so etwas gemacht hat, wusste ich wirklich nicht. Den Sänger kenne ich wahrscheinlich auch nicht. Das ist auch ein Jüngerer, oder? Älter als vierzig – naja, das ist ja kein Alter für uns. Aber exzellent gesungen. Da braucht man ein absolutes Gehör, das ist sonst fast nicht zu schaffen. Bei Aufnahmen kann man ja stoppen, neu ansetzen, aber das Ganze einmal durchzusingen, ist eine andere Sache. Ich sollte ja damals bei der Uraufführung seiner ersten Oper „Fin de Partie“ an der Scala singen, aber das wurde so oft verschoben – er hatte am Ende fünfzehn Jahre dafür gebraucht –, dass ich irgendwann keine Termine mehr freihalten konnte.
Lehár: Die lustige Witwe – O Vaterland
Thomas Hampson, Londoon Philharmonic Orchestra, Franz Welser-Möst (Leitung). Warner 1993
Mein Gott, wer macht das so langsam? Wer dirigiert denn da, Alfred Eschwé? Nein, aber ein Österreicher? Franz Welser-Möst!? Da hätte ich draufkommen müssen. Wieso? Weil es so langsam ist. Ein Spaziergang. Thomas hat das aufgenommen. Ich bin ein riesiger Operetten-Fan. Ich habe die „Lustige Witwe“ sicher zweihundertmal gemacht und die „Fledermaus“ ungefähr genauso oft. Ich bin an der Volksoper in Wien musikalisch groß geworden, mit heute völlig unbekannten Stücken wie „Polenblut“ oder „Der Zarewitsch“. Wenn man gute Operette spielen kann, dann kann man eigentlich alles.
Reimann: Lear – Weint! Weint! Weint!
Wolfgang Koch, Frankfurter Opern- und Museumsorchester, Sebastian Weigle (Leitung). Oehms 2008
Reimanns „Lear“. Wahrlich ein Klassiker der Avantgarde. Ich kenne das sehr gut. Die Partitur habe ich anfangs fünfmal am Tag in die Ecke geworfen, weil es kaum erlernbar ist. Hundert Prozent die richtigen Töne zu singen, das geht sowieso gar nicht. Reimann ging es hier um den Ausdruck, nicht um exakte Tonhöhen. Er schreibt vor jede Hauptnote ganz viele kleine Vorschlagsnoten, Melismen, alles Mögliche. Und wenn man versucht, das alles exakt zu treffen, verliert man den Ausdruck. Hat man es verstanden, ist alles plötzlich logisch. Der Reimann war ein unglaublich kluger Mensch, wirklich blitzgescheit. Und es war immer sehr interessant, mit ihm zu sprechen. Aber wer macht das hier? Das ist sehr ungewöhnlich. Das ist doch aus Frankfurt, nicht? Sebastian Weigle. Dann singt hier Wolfgang Koch. Ja, das hört man. Der hat es nie gelernt – nur Spaß, das stimmt natürlich nicht –, aber er interpretiert es außergewöhnlich.
Zemlinsky: Eine florentinische Tragödie – In einem Kerker
Christopher Maltman, Münchner Rundfunkorchester, Patrick Hahn (Leitung). BRKlassik 2024
Keine Ahnung, was das ist. Aber es singt auf jeden Fall entweder ein Engländer oder ein Amerikaner. Deutsch ist das nicht. Was ist das für ein Stück? Das klingt so wie Schrekers „Der ferne Klang“. Nein, Zemlinsky? Dann „König Kandaules“? „Eine florentinische Tragödie“, ja richtig! Aber wer singt so etwas? Das ist Christopher? Shit! (lacht) Ich hätte ihn eigentlich erkennen müssen. Aber wir singen ja auch nicht zusammen, wir trinken eher Wein, und das ist auch nett.
Langgaard: Antikrist – Antikrist! Stig op!
Sten Byriel, Danish National Symphony Orchestra, Thomas Dausgaard (Leitung). Dacapo 2006
Was bitte soll das sein? Ist das Deutsch oder Englisch? Ach, Dänisch! Dann müsste das Langgaards „Antikrist“ sein. Aber wer singt denn so schlecht Dänisch? Man versteht kein Wort. Sten Byriel?! Der ist ja sogar Däne … Das ist ein tolles Stück, monumental, wird leider aber viel zu selten aufgeführt. Da braucht man wahnsinnig viele Solisten und unglaublich viele Leute auf der Bühne. Ich habe schon gedacht, das kommt mir irgendwie bekannt vor – aber bei so einer Aussprache … lieber Gott …
Aktuelles Album:
Henze: Das verratene Meer
Josh Lovell (Noboru), Vera-Lotte Boecker (Fusako Kuroda), Bo Skovhus (Ryuji Tsukazaki), Orchester der Wiener Staatsoper, Simone Young (Leitung)
Capriccio




