Wer Café del Mundo auf Instagram folgt, merkt schnell: Alexander Kilian und Jan Pascal lieben nicht nur das Konzertieren, sondern auch die Begegnungen, die das Tourneeleben ermöglicht. Ob in Marrakesch oder Glasgow – überall nehmen sie sich Zeit, Menschen und Kulturen kennenzulernen und die Atmosphäre des jeweiligen Ortes aufzusaugen. So ist über die Jahre ein facettenreiches Reisetagebuch entstanden, das auch ihre künstlerische Arbeit für das Publikum greifbarer macht. Im Interview mit den beiden Gitarristen sprechen wir daher über…
… Heimat
Alexander Kilian: Wir sind beide sehr heimatverbunden und haben gerade wieder unser „Heimatsound Open Air“ in Buchen gespielt. Da probieren wir vieles erstmals aus, entwickeln Ideen und bringen sie anschließend international auf Tour. Wir sind wahnsinnig gern in aller Welt unterwegs, sammeln aber zu Hause unsere Kraft.
Jan Pascal: Wobei Heimat natürlich ein diskutabler Begriff ist, weil er politisch bisweilen zur Abgrenzung verwendet wird. Für uns bezeichnet er das Gegenteil: einen Ort der Weltoffenheit. Genau dafür steht auch das Café in unserem Namen – für einen Raum, in dem sich die unterschiedlichsten Menschen begegnen können. Wir sind beide aber auch bekennende Landeier. In Buchen, wo wir uns 2007 kennengelernt haben, komme ich jedenfalls unglaublich schnell zur Ruhe. Du läufst zwei Stunden durch den Odenwald, bist von viel Natur und guter Luft umgeben – und plötzlich ist alles weit weg.
… das Leben im Tourbus
Jan: Die erste Nacht im Nightliner ist meistens schlaflos: Die Matratzen sind hart, irgendwann schläft dir ein Arm ein, und über dir schnarchen womöglich acht oder zehn Menschen. Ab der zweiten Nacht bist du so müde, dass du trotzdem schläfst. Es fühlt sich ein bisschen wie eine Expedition an. Ein Fünf-Sterne-Hotel ist gelegentlich schön, aber ich mag dieses Authentische. Man ist ständig zusammen und entwickelt permanent neue Ideen.
Alex: Der Nightliner ist tatsächlich eine kreative Zelle. Wir reisen mit unserem Video-, Foto- und Audioteam. Nach dem Konzert sitzen wir bei einem Glas Rotwein zusammen, schauen uns die Bilder des Abends an, und schon hat jemand eine Idee für das nächste Video oder die nächste Show.
Jan: Für das Heimatgefühl haben wir inzwischen sogar Sauerkraut, vegane Bolognese oder Wildgulasch von einem Gastronomen aus dem Odenwald dabei. Dann fährst du quer durch London und wärmst dir im Bus dein Wildgulasch auf. Unser Busfahrer hat uns mit großen Augen angesehen – das ist einmalig!
Alex: Dennoch hat jeder mit seiner Koje einen Rückzugsort. Das ist angenehmer als ständige Hotelwechsel: Du steigst nach einer Show in Paris um Mitternacht in den Nightliner, wachst morgens zu Hause auf und kannst deiner Familie noch die Frühstücksbrötchen mitbringen.
… skurrile Begegnungen auf Reisen
Alex: Auf unserer Holland-Tour – daher der Gouda – hat mich die Herzlichkeit der Menschen beeindruckt. Als Musiker kommst du sehr schnell mit Einheimischen ins Gespräch. Ein Passant fragt dich: „Du siehst anders aus als die Leute, die hier sonst herumlaufen – wer bist du?“ Und am Abend sitzt er plötzlich im Konzert.
Jan: Manchmal hält der Nightliner irgendwo, du wachst auf, merkst, dass der Bus nicht mehr wackelt, und schaust erst einmal bei Google Maps nach, wo du eigentlich bist. Dann steigst du mit der Zahnbürste aus – und eine vorbeikommende Schulklasse nimmt dich sofort in ihren Selfiemodus auf. Wir ziehen oft mit unserem Fotografen durch die Stadt, während die Technik aufbaut: Wie sind die Menschen, wie schmeckt der Kaffee, welche Stimmung liegt in der Luft? Wir wollen den Ort zunächst inhalieren.
… Sehnsuchtsorte
Jan: Marokkos reiche Kultur steht auf meiner Liste weit oben. Auch der Oman und Indien reizen mich sehr. Sobald ich eine Woche zu Hause bin, stellt sich bei mir wieder Fernweh ein: Ich brauche neue Gerüche, Eindrücke und Perspektiven. Man muss in Bewegung bleiben.
Alex: Du kannst nicht am Reißbrett Musiker sein! Du musst fremde Luft einatmen. Ich bin musikalisch stark im Osten aufgewachsen: Mein Lehrer kam aus Georgien, seit meinem zwölften Lebensjahr war ich fast jedes Jahr dort. Diese Grenze zwischen Orient und Okzident fasziniert mich. Ich würde wahnsinnig gern in Istanbul spielen. Unser musikalischer Fixpunkt bleibt aber Andalusien.
Jan: Dort zu spielen ist besonders aufregend, weil die Flamencogitarre dort zu Hause ist und es unzählige hervorragende Gitarristen gibt. Wir lieben diese Tradition, erweitern ihre Klangfarbe aber um unser eigenes Repertoire. Deshalb ist bei Konzerten in Andalusien immer eine gehörige Portion Anspannung dabei.
Alex: Bei einer Einladung nach Granada hätten wir am liebsten die Flucht ergriffen. Wir spielten in einer berühmten Höhle, in der vor uns offenbar noch nie Nichtspanier aufgetreten waren. In der ersten Reihe saßen all die Musiker, die dort sonst spielen – mit all ihrer Erfahrung. Einen Fluchtweg gab es nicht, also mussten wir auf die Bühne und liefern.
… Angst und Respekt
Jan: Ich habe vor jeder Tour großen Respekt. Eine Produktion wächst aus vielen Elementen zusammen – Musik, Licht, Ton, Video und LED-Content. Vor 23 Konzerten am Stück muss ich mich körperlich, seelisch und mental so vorbereiten, dass ich am ersten Abend sagen kann: Jetzt habe ich Lust darauf.
Alex: Respekt gehört dazu, Angst habe ich aber nicht. Ich habe einen unglaublich starken Partner an meiner Seite, und wir haben in 19 Jahren viel gemeinsam erreicht. Und wir haben uns dabei regelmäßig überfordert. Aber du entwickelst dich nicht in der Komfortzone. Wenn einem auf den letzten Metern die Kraft ausgeht, ist der andere da.
… Alltag und Kreativität
Jan: Mein einfachster Ausgleich ist der tägliche Spaziergang mit dem Hund durch den Odenwald. Manchmal brauche ich allerdings einen wirklichen Ortswechsel. Dann fahre ich in unser Häuschen nach Spanien, ziehe mich eine Woche zurück und spiele dort bis zu sechs Stunden am Tag Gitarre.
Alex: Ein großer Teil des Kreativprozesses findet in Jans Tonstudio statt. Ich setze mich ins Auto und fahre die 20 Kilometer zu ihm. Wenn ich ankomme, empfängt mich Jan meistens mit etwas Süßem und einer Tasse Kaffee.
Jan: Eine Lehrerin von mir sagte einmal: „Es ist der Mensch, der klingt.“ Dieser Satz begleitet mich bis heute. Ich drücke mich in allem aus – an der Gitarre, am Klavier, in Worten, Bildern und Texten, aber ebenso im Zusammensein mit meiner Familie und meinen Freunden. Kunst ist für mich ein permanentes Kreieren.
Alex: Deshalb lässt sich Kreativität kaum vom Alltag trennen. Manchmal ruft Jan mich um elf Uhr abends an, weil er eine Idee hat. Oder es fällt über Nacht Schnee, und wir beschließen spontan, morgens um sechs ein Video zu Bachs „Air“ zu drehen. Du musst zulassen, dass die Kreativität zu dir kommt.
… Kunst im Zeitalter des Dauer-Contents
Jan: Heute wird ein endloses Marketing verlangt. Man muss sein künstlerisches Dasein mit einer hochdigitalisierten Realität voller kurzer Inhalte in Einklang bringen, ohne innerlich daran zu zerreiben. Dafür braucht es Haltung und Resilienz – und die bewusste Entscheidung, das Handy auch einmal wegzulegen.
Alex: Wir haben uns früh versprochen, niemals Musik nur deshalb zu machen, weil sie im Netz gut funktionieren könnte. Wir spielen ausschließlich Repertoire, das wir wirklich spüren.
Jan: Kunst lebt für mich von Authentizität. Dafür braucht es eine erkennbare Persönlichkeit mit Eigenheiten, Macken, Ecken und Kanten. Die Plattformen begünstigen dagegen eine Wiederkäuerkultur, in der weltweit dieselben Stücke nachgespielt werden.
Alex: Mit bekannten Melodien kannst du in den sozialen Medien schnell Reichweite gewinnen. Kurz darauf macht es jemand ähnlich und vielleicht noch etwas besser – und du bist verschwunden. Wir haben über viele Jahre eine tiefe Bindung zu unserem Publikum aufgebaut, das die Art sehr schätzt, wie wir Musik denken und unser Repertoire auswählen.
… Vorbilder
Jan: Otto war ein Idol meiner Jugend. Wir haben ihn zufällig an einer Raststätte getroffen, als wir auf dem Weg nach München zum BR waren. Weil er selbst ziemlich gut Gitarre spielt, haben wir uns sofort über Fingernägel und Spieltechnik unterhalten.
Alex: Rein gitarristisch hat uns vor allem Paco de Lucía geprägt. Er hat einen Instrumentalklang entwickelt, in dem so viel Wille und Leidenschaft stecken wie bei kaum einem anderen.
Jan: Für mich ist er der Gitarrist des Jahrhunderts, gerade weil er sich ebenso im Jazz und in der Klassik bewegte wie im Flamenco. Wir haben ihm ein Stück gewidmet und es ihm über einen Mittelsmann zukommen lassen. Persönlich begegnen konnten wir ihm leider nicht mehr; kurz darauf ist er gestorben.
… Crossover und seine Grenzen
Alex: Wir kommen aus sehr unterschiedlichen musikalischen Welten. Jan ist mit Klassik aufgewachsen, ich mit Punk und Metal. Uns beide hat jedoch früh die besondere Farbe der Flamencogitarre angesprochen. Dieser Sound ist der rote Faden durch alles, was wir spielen – ganz gleich, ob Rachmaninow oder Coldplay.
Jan: Zunächst haben wir uns mit rund 60 Eigenkompositionen und mehreren Alben einen eigenen Repertoirekorpus geschaffen. Darauf aufbauend begannen wir, Klassik, Jazz, Pop und sogar Techno zu interpretieren.
Alex: Dadurch ist unser Publikum wunderbar heterogen. Da singt am Ende ein achtzigjähriger Klassikliebhaber lautstark „Highway to Hell“ mit und zeigt die Pommesgabel. Genau das entspricht unserer Vision: Menschen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Herkunft durch Musik zusammenzubringen.
Jan: Experimentieren bedeutet allerdings auch, scheitern zu dürfen. Für ein Projekt über Musik und Mystik verarbeiteten wir Texte von Johannes vom Kreuz, Teresa von Ávila und Angelus Silesius und engagierten einen hervorragenden Rezitator. Wir spielten häufig in Kirchen und spirituellen Zentren. Trotzdem gingen die Menschen in der Pause reihenweise nach Hause und schrieben uns böse E-Mails. Künstlerisch war das Projekt für uns wertvoll, beim Publikum funktionierte es schlicht nicht.
Alex: Die Menschen kannten von uns eher leichte, sommerliche Abende; die Mystik widersprach ihrer Erwartung. Gerade deshalb müssen wir solche Erwartungen immer wieder herausfordern und das Publikum auch einmal an einen Ort führen, mit dem es nicht gerechnet hat.
Jan: Selbst für unseren „Erlkönig“ haben wir einen mittelschweren Shitstorm bekommen – und wir finden das Stück nach wie vor großartig. Das gehört dazu.
Aktuelles Album:
Guitarize The World
Café del Mundo. Sony
(VÖ: 9.10.2026)

