Im Interview spricht Rakitina über ihr Faible für Zeit und Wahrnehmung, ihre Kindheit im Moskau der Perestroika, den Einfluss ihrer Mutter und die Frage, was es bedeutet, ein Werk wirklich zu verstehen.
Als Dirigentin und zugleich Wissenschaftlerin sind Sie eine Ausnahmeerscheinung …
Anna Rakitina: Ich habe mich tatsächlich in meiner PhD-Arbeit mit Rachmaninows Liedschaffen beschäftigt und einige seiner Romanzen musikwissenschaftlich analysiert. Eigentlich wollte ich immer Sängerin werden.
Es heißt, Sie hätten die musikalischen Zeitstrukturen Rachmaninows analysiert, seine Tempi und das subjektive Zeitempfinden in seinen Kompositionen. Welche waren Ihre Erkenntnisse?
Rakitina: Da einiges bereits untersucht wurde, beschränkte ich mich auf eine Auswahl. Lange habe ich mich mit der Dichtung beschäftigt, mit Rhythmus, Syntax, Grammatik und mit den Poeten. Rachmaninow gibt den ersten Verszeilen gerne einen sehr breiten Raum. Seine Kompositionen beginnen oft mit der dynamischen Klimax. Es gibt so gesehen keine lineare Entwicklung auf einen Höhepunkt hin.
Können Sie diese Erkenntnisse auf Ihre Interpretation als Dirigentin übertragen?
Rakitina: Die symphonischen Werke von Rachmaninow sind zwar von dem Vokalschaffen und besonders dem Klavierwerk inspiriert. Die dynamischen Kontraste, wie ich sie in den Romanzen erlebte, sind allerdings nicht so scharf ausgeprägt. In einem Lied spielt sich vieles konzentrierter ab.
Es gibt das schöne Zitat von Hugo von Hofmannsthal: „Malerei verwandelt den Raum in Zeit, Musik die Zeit in Raum.“
Rakitina: Beides stimmt. Malerei und Musik entwickeln im Raum Magie. Und diese beeinflusst wiederum unser Zeitgefühl.

In der Physik und Philosophie diskutieren Forscher, ob die Zeit eine grundlegende Eigenschaft des Universums ist oder nur eine menschliche Wahrnehmung. Was meinen Sie?
Rakitina: Auf der einen Seite können wir die Zeit sehr genau anhand der Zeitzonen prüfen. Für die einen ist es dann Nacht, für die anderen Tag. Dennoch bleibt die Zeit eine persönliche Wahrnehmung, die mal schneller, mal langsamer abläuft, manchmal sogar stillsteht. Thomas Mann hat sich damit sehr beschäftigt.
In den Sanatorium-Szenen des „Zauberbergs“ dehnt er das Erzähltempo. Das langsame Verrinnen der Zeit wird dadurch greifbar.
Rakitina: Wahrnehmung kann sich ändern. Auch in der Musik. Wenn ich mich mit ihr beschäftige, rast die Zeit geradezu vorbei. Ich habe in letzter Zeit sehr viel erlebt, weil ich ein kleines Baby habe. Da entwickelt man ein ganz anderes Zeitgefühl.
Als Dirigentin analysieren Sie die Partitur bis ins kleinste Detail. Wie gelingt es, diese Details wieder zu einem großen Ganzen zurückzuführen?
Rakitina: Ein Meisterwerk ist aus jeder Perspektive perfekt. Jeder Takt ist Kunst. Als Musikologin bin ich darauf trainiert, Strukturen, Phrasen und Harmonien zu analysieren. Ich schaue, wie sich alles verbindet. Wenn ich dann das Stück dirigiere, erinnere ich mich an all dies, weiß, auf welcher Partiturseite der Übergang, das neue Thema einsetzt bzw. sich entwickelt. Gleichzeitig muss ich vorausdenken und vorausschauend agieren …
„Vorausdirigieren“ sozusagen, ein „inneres Timing“ entwickeln?
Rakitina: Absolut. Der Dirigent ist gedanklich und gestisch meist schon einen halben bis ganzen Takt dem Orchester voraus. Ansonsten würde er die Orientierung verlieren.

Stimmt also der Satz: Was der Dirigent, die Dirigentin nicht weiß, bringt er, sie, auch nicht zum Erklingen?
Rakitina: Ich kann nur eine Verbindung zu einem Werk entstehen lassen, wenn mein Herz und mein Verstand es verstehen. Es muss bei mir ankommen, und das braucht oft Zeit.
Stichwort Persimfans-Orchester: Es existierte zwischen 1922 und 1932 in der Sowjetunion. Ein Orchester ohne Dirigenten, der als ein absolutistisches Herrschaftssymbol galt. Warum ist das Experiment gescheitert?
Rakitina: Otto Klemperer bewunderte das Persimfans-Orchester und machte nach einer Aufführung von Tschaikowskys „Pathétique“ den Scherz, dass sich Dirigenten bald einen neuen Job suchen müssten. Ein Orchester ohne Führung kann bei den Tempi nicht so frei sein, weil ein großer Orchesterapparat auch koordiniert werden muss.
Sie wurden 1989 in Moskau geboren, eine Zeit des Umbruchs, geprägt von der Perestroika (Umbau) und Glasnost (Transparenz) unter Gorbatschow. Wie hat sich das auf Ihre Kindheit ausgewirkt?
Rakitina: Das war eine sehr gefährliche Zeit, besonders für meinen Vater, der Detektiv war. Einmal wurde er mit einer Waffe bedroht. Als ich etwa acht Jahre alt war, wechselte er den Beruf und wurde Anwalt. Dennoch erinnere ich mich an eine sehr glückliche Kindheit und verstehe erst jetzt, durch welchen Horror meine Eltern manchmal gehen mussten. Sie haben ein Haus selbst gebaut, Stein für Stein.

Ihre Mutter war Chorleiterin?
Rakitina: Sie hat sich sehr für meine musikalische Ausbildung eingesetzt. Sie brachte mich zum Geigenunterricht. Ich erinnere mich immer noch an die kleinen musikalischen Wettkämpfe. 29-mal musste ich etwas vorspielen auf der Geige. Wenn ich mich verspielte, musste ich wieder anfangen, von 1 bis 29. Dennoch liebte ich den Musikunterricht und bedaure, dass ich nicht mehr Zeit habe für die Geige.
Dennoch wurden Sie Dirigentin.
Rakitina: Ich glaube manchmal, dass dies der geheime Plan meiner Mutter war, weil sie mich bekannt machte mit den Interpretationen großer Dirigenten. Als junges Mädchen sah ich mich nicht in dieser Rolle. Da ich ja nicht Sängerin wurde, habe ich es dennoch mal versucht: just for fun.
Können Sie sich an Ihren ersten Auftritt erinnern?
Rakitina: Ja, natürlich! Es war noch in der Dirigentenklasse am Moskauer Konservatorium. Wir probten Prokofjews „Klassische Symphonie“. Zunächst fühlte ich mich sehr gut. Kein Stress, nichts. Doch dann änderten sie das Tempo. Ich wollte an dieser Stelle kein Ritenuto, keine Verlangsamung. Doch sie haben immer weiter gemacht. Plötzlich hatte ich das Gefühl, dass die Musik auf mich zukommt wie ein schwerer Lastwagen, der mich erdrücken wird …
Sie haben den Vorteil, dass Frauen am Pult mittlerweile die Regel geworden sind. Sie dirigieren jetzt beim Opus Klassik 2026 und werden bald bei den Hamburger Symphonikern debütieren.
Rakitina: Ich habe meine schöne Zeit in Hamburg – seit meinem Abschluss 2018 an der Musikhochschule bei Ulrich Windfuhr mit dem Konzertexamen – nie vergessen!
Als Absolventin des Moskauer Tschaikowsky-Konservatoriums dürfte Ihnen das Repertoire des Abends, Tschaikowskys „Rokoko-Variationen“, besonders liegen …
Rakitina: (Lacht) Dabei habe ich, glaube ich, mehr als Assistentin von Andris Nelsons in Boston über die Tschaikowsky-Interpretation gelernt. Ich freue mich auch auf die anderen Werke: Ralph Vaughan Williams’ „Fantasie über eine Melodie von Thomas Tallis“. Und Dvořák Symphonie Nr. 7.
Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?
Rakitina: Am Leben natürlich. Gerne würde ich wieder mehr komponieren. Aber dazu braucht es Zeit.



