Lahav Shani zählt zu den herausragenden Dirigenten seiner Generation. Im Interview spricht er über seine Kindheit in Israel, die prägenden Erfahrungen von Gewalt und Unsicherheit, seinen ungewöhnlich frühen Karriereweg und den Anspruch, jeder Partitur unvoreingenommen zu begegnen. Außerdem erklärt er, warum Demut für ihn wichtiger ist als Selbstgewissheit.
Ein „Sabra der Musik“ werden Sie in der Zeitung Jüdische Allgemeine genannt …
Shani: Ja, Sabra werden wir Juden genannt, die in Israel geboren wurden, wie ich, der aus Tel Aviv stammt.
Wörtlich heißt Sabra auch „Feigenkaktus“. Also äußerlich rau und stachelig und im Inneren weich und süß? Oder anders formuliert: nach außen hin tough und widerstandsfähig, aber im Herzen warmherzig?
Shani: (Lacht) Muss ich mir da jetzt etwas aussuchen? Ich hoffe, beides stimmt! In jede Richtung.
Als Jude, erzählte mir Ihr Kollege Omer Meir Wellber im Interview, lebe man seit 3 000 Jahren in dem Bewusstsein, dass das Leben auch sehr kurz sein kann, weshalb man etwas Besonderes aus ihm machen müsse. Egal wo man lebt.
Shani: Das stimmt. Ich bin in Israel aufgewachsen in Zeiten der zweiten Intifada nach dem Tod von Jitzchak Rabin 1995. Das war eine ganz schlimme und gefährliche Zeit. Ich dürfte so acht oder zehn Jahre alt gewesen sein. Jede Woche gab es einen Sprenganschlag auf einen Bus, ein Restaurant, eine Polizeistation. Wenn man das als Kind erlebt, dann denkt man – und es ist wirklich schlimm, dass ich das sage – aber man denkt, das sei normal. Weil dies die Realität ist, die man erlebt. Das Leben kann von einem Moment auf den anderen einfach weg sein. Oder die Menschen, die man liebt. Es ist nicht so, dass man dann mehr an den Tod denkt. Es ist eher so, dass man das Leben, das man hat, mehr feiert. Tel Aviv ist extrem lebendig und fühlt sich auch nicht unsicher an. Trotzdem wünsche ich mir optimistischere Zeichen seitens unserer Regierung. Und für meine kleine zweijährige Tochter, dass sie eine sichere Kindheit hat. Die Gewalt muss endlich aufhören! Die Lage ist sehr komplex, es muss eine Vision entwickelt werden.
Welche Rolle hat der Glaube in Ihrer Kindheit gespielt?
Shani: Religiös waren wir nicht. Ich habe auch bisher nie das Gefühl gehabt, dass ich eine Religion brauche. Meine Oma, die in Bratislava geboren wurde und den Krieg in Budapest überlebte, hat mir alles erzählt, was sie vor über 80 Jahren erlebte. Die Tatsache, dass sie nach allem, was geschah, trotzdem überlebte und nach Israel kam und eine große Familie gründete, gibt einem Zuversicht und Hoffnung auf das Leben. Vor einer Woche haben wir ihren 96. Geburtstag gefeiert. Mit ungefähr 20 Urenkeln!
Mit 14 Jahren hatten Sie bereits in zwei Wochen Strawinskys hochkomplizierte Partitur von „Le Sacre du printemps“ auswendig gelernt! Mit Verlaub: Das klingt nach einem Nerd.
Shani: Es klingt nicht nur danach. Es war auch so! Ich war wie besessen, wollte die Musik einfach verstehen. Mit 20, als Assistent von Zubin Mehta beim Israel Philharmonic, gab er mir, dem absoluten Anfänger, die Chance, das Werk in einer Anspielprobe zu dirigieren. Zubin warnte mich. Es sei ein sehr, sehr schweres Stück. Ich sah damals keine Probleme. Heute bin ich viel demütiger.

„Je mehr ich weiß, desto mehr erkenne ich, dass ich nichts weiß“, sagte Sokrates.
Shani: Das stimmt. Wenn man so jung ist, ist man übermütig und völlig unbefangen.
Ihr Sieg 2013 beim Gustav-Mahler-Wettbewerb reichte, um mit Anfang Zwanzig die Staatskapelle Berlin und das Los Angeles Philharmonic zu dirigieren …
Shani: Ich habe mir damals gewünscht, dass sich alles viel langsamer entwickelt. Damit man nicht gleich so im Fokus steht.
2018 wurden Sie zum jüngsten Chefdirigenten in der Geschichte des Rotterdam Philharmonic Orchestra berufen, 2020 mit gerade einmal 30 Jahren zum Nachfolger von Mehta beim Israel Philharmonic Orchestra. Mit 37 Jahren sind Sie nun Chef der Münchner Philharmoniker geworden.
Shani: Ich bin sehr dankbar für das entgegengebrachte Vertrauen. Ich dachte aber oft: Das ist alles viel zu früh für mich. Ich war kaum 25 Jahre alt, da kamen Anfragen wie etwa, Brahms Dritte und Vierte mit berühmten Orchestern zu dirigieren. Ich lehnte dies ab. Man muss erst einmal etwas zu sagen haben, bevor man diese Musik dirigiert.
Immerhin kennen Sie ein Orchester von mehreren Seiten. Als Kontrabassist kennen Sie das Fundament. Als Pianist haben Sie alle Stimmen vor sich …
Shani:… es gibt tatsächlich Kolleginnen und Kollegen, die kein Instrument spielen. Ich verstehe nicht, wie das überhaupt möglich ist.

Als Dirigent könne man schnell zum Scharlatan werden … sagen Sie. Können Sie das erläutern?
Shani: Man kann sehr enthusiastisch und melodramatisch auftreten und so tun als ob. Leute, die nicht viel von Musik verstehen, glauben dann, man sei ein guter Dirigent.
Sie dirigieren mit den Händen. Ohne Taktstock. Kommt das noch von Ihrem Vater, der Chordirigent ist?
Shani: Ich glaube nicht. Anfangs habe ich immer mit Taktstock dirigiert. Irgendwann hatte ich keinen mehr zur Hand, zum Beispiel als ich den Sacre mit den Rotterdamern probte.
Im Interview sagten Sie, dass Sie bei häufig aufgeführten Werken „die Bürste nehmen, um den Staub zu entfernen“. Ist das denn immer Staub oder Dreck, der auf alten Interpretationen liegt?
Shani: Ich meinte natürlich nicht, dass ich jetzt alles weiß und die anderen Dirigenten vor mir nicht. Nur manchmal habe ich das Gefühl, dass Orchester die Werke so spielen, wie sie es gewöhnt sind und schon immer gespielt haben. Mir ist sehr wichtig, dass man die Partitur noch einmal genau anschaut, um Details und Zusammenhänge neu zu entdecken.
Was kann man als Dirigent falsch machen?
Shani: (Lacht) Alles! Musikerinnen und Musiker haben ja bereits die Partitur einstudiert, wenn man vor ihnen steht. Der Dirigent darf vor allem am Anfang nicht stören.
Wie gehen Sie damit um, dass Sie ungeachtet Ihrer persönlichen und musikalischen Qualitäten niemals nur als fähiger Musiker und Dirigent, sondern stets auch als Israeli und Jude wahrgenommen werden?
Shani: Für mich ist Musik das Allerwichtigste. Orchester wie die Münchner Philharmoniker oder das Israel Philharmonic Orchestra haben auch eine gesellschaftliche Funktion. Meine Funktion ist es, die Menschen zu verbinden.
Was erwartet uns in Ihrer Antrittssaison bei den Münchner Philharmonikern?
Shani: Ich dirigiere mehrere Werke, die für mich prägend sind: Strawinskys Sacre, Leonard Bernsteins hebräische „Chichester Psalms“, im Mai machen wir Paul Ben-Haims Concerto grosso, dessen Uraufführung am 7. März 1933 mit den Münchner Philharmonikern von den Nationalsozialisten verhindert wurde. Außerdem wollen wir jede Saison eine konzertante Oper machen – wir beginnen mit „Herzog Blaubarts Burg“. Und gemeinsam mit wunderbaren Solistinnen wie Martha Argerich, Janine Jansen und Anne-Sophie Mutter spielen wir in München und auch an über 30 Tourneeorten. Ich freue mich wirklich sehr darauf, all das gemeinsam mit den Münchner Philharmonikern und unserem Publikum zu erleben.





