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Interview Marie Jacquot

„Hierarchie kann etwas Positives sein“

Die neue WDR-Chefdirigentin Marie Jacquot versteht Musik als Vorbild für eine offene und solidarische Gesellschaft.

vonSusanne Bánhidai,

Mit Marie Jacquot übernimmt eine international gefragte Dirigentin die Leitung des WDR Sinfonieorchesters. Die Französin, die bereits an führenden Opern- und Konzerthäusern Europas erfolgreich arbeitet, verbindet musikalische Präzision mit Teamgeist. Im Interview spricht sie über ihren Weg ans Dirigentenpult, ihre neue Aufgabe in Köln und ihre Vorstellungen von gemeinschaftlichem Musizieren.

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Bald ist es soweit: Sie treten Ihren Posten als Chefdirigentin beim WDR Sinfonieorchester an. Der Klangkörper schätzt Sie, Sie schätzen ihn. Was kann jetzt noch schiefgehen?

Jacquot: Alles. Natürlich gibt es große Erwartungen auf allen Seiten.

Was sind denn Ihre?

Jacquot: Ich wünsche mir, möglichst lange mit dem WDR Sinfonieorchester zu arbeiten, denn das ist der Grund, Chefdirigentin zu sein: eine Ära zu prägen. Und das kann nicht an einem Abend passieren. Ich möchte die Freude am Musizieren und das gemeinsame Spielen – im besten Wortsinn – pflegen und beleben. Wir spielen Musik, da klingt für manche Ohren vielleicht etwas Oberflächliches mit, aber für das Gegenteil stehe ich.

Sie sprechen oft Ihre Tennis-Karriere an, die Sie gelehrt hat, mit Druck umzugehen.

Jacquot: Wenn man erfolgreich ist, steigen die Erwartungen, auch von außen – im Sport wie in der Musik. Ob ich den Druck an mich heranlasse, entscheide ich letztlich selbst. Wenn es mir nicht sofort gelingt, ihn abzuschütteln, erinnere ich mich daran, dass ich gut vorbereitet bin. Ich nehme jedes Engagement sehr ernst und investiere viel Energie und Freude. Alles Weitere liegt nicht in meinen Händen.

Das WDR Sinfonieorchester, das Sie ja schon länger kennen, bezeichnen Sie als eines der besten Orchester der Welt. Wie kommen Sie zu dieser Einschätzung?

Jacquot: Selbstverständlich spielt es eine große Rolle, dass die Chemie zwischen uns stimmt. Meine musikalische Ausbildung und mein Karrierestart haben in Österreich und Deutschland stattgefunden, daher spricht mich der warme, dunkle Klang eines deutschen Orchesters tief in meiner Seele sehr an. Hier gibt es technisch und musikalisch fantastische Musiker, die selbstständig die Essenz des Werkes erfassen. Zudem beherrscht das Orchester ein außergewöhnlich breites Repertoire – vom Barock über die Romantik bis zur zeitgenössischen Musik.

Seit der Spielzeit 2023/24 ist Marie Jacquot auch Erste Gastdirigentin der Wiener Symphoniker
Seit der Spielzeit 2023/24 ist Marie Jacquot auch Erste Gastdirigentin der Wiener Symphoniker

Mit Ihrem beruflichen Bekenntnis zu Köln ist diese Frage unumgänglich: Wie halten Sie es mit der „fünften Jahreszeit“?

Jacquot: Erst mal freue ich mich auf das Phänomen Karneval, denn ich bin eine lebenslustige Person. Solange alles respektvoll abläuft, wird es sicher lustig.

Köln ist auch eine Hochburg des Katholizismus. Welche Beziehung haben Sie zum Glauben?

Jacquot: Ich bin in Chartres aufgewachsen, einer kleinen Stadt in Frankreich mit der schönsten Kirche der Welt. Es gibt dort einen berühmten Orgelwettbewerb, den Grand Prix de Chartres. Auf diese Weise lernte ich die faszinierenden Möglichkeiten dieses Instrumentes zu lieben. Ich glaube nicht wirklich an Gott, erlebe aber eine Spiritualität in sakralen Räumen. Ich wurde katholisch erzogen, Dankbarkeit und Demut sind dadurch wichtige Werte für mich geworden.

Welche Wirkung hat der Kölner Dom auf Sie?

Jacquot: Er ist ebenfalls beeindruckend, weil er massiv und doch so organisch in die Stadt eingefügt ist. Ich bin froh, jetzt wieder in einer Stadt mit so einer Kirche zu leben und möchte dort auch spielen, zum Beispiel die achte Sinfonie von Anton Bruckner.

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Wie stehen Sie zu Johann Sebastian Bach, der auch ein tief religiöser Komponist war? Oder ist Ihnen der Katholik Bruckner näher?

Jacquot: Ich glaube nicht, dass man einer Musik anhört, welcher Konfession sie entspringt. Das hat eher etwas mit unseren Hörerwartungen zu tun. Musik bringt Menschen zusammen und kann sie spirituell vereinen – unabhängig von einer Religion.

2024 wurde Marie Jacquot bei den 31. Victoires de la Musique Classique  in der Kategorie „Révélation/Chef d’orchestre“ ausgezeichnet
2024 wurde Marie Jacquot bei den 31. Victoires de la Musique Classique in der Kategorie „Révélation/Chef d’orchestre“ ausgezeichnet

Ist das auch die Botschaft, die Sie in Ihrer Rolle als Dirigentin vermitteln wollen?

Jacquot: Ja, absolut. Dass Menschen unterschiedlicher Herkunft, verschiedenen Alters, aus verschiedenen Kulturen und mit unterschiedlichen politischen Meinungen an einem Abend dieselbe Sehnsucht haben, ist ein Wunder. Ich würde mir wünschen, dass die Welt so funktioniert.

Das Orchester als Spiegel der idealen Gesellschaft?

Jacquot: Unser Musizieren kann der Gesellschaft ein Beispiel sein. Mehr Gemeinsinn wäre wünschenswert. Schauen Sie sich eine Opernaufführung an. Jede Abteilung trägt dazu bei, dass ein Abend gelingt. Das beginnt an der Pforte, reicht über die Gewerke, die Regie, das Ensemble, das Orchester und die Dirigentin bis hin zum Publikum.

Wie würden Sie Ihren Führungsstil beschreiben?

Jacquot: Ich bin Chefdirigentin an der Oper in Kopenhagen. Dort ist das Wort „Hierarchie“ praktisch verboten. Das liegt daran, dass Hierarchien oft schlecht umgesetzt werden und Macht missbraucht wird. Ein Orchester ohne diese Strukturen der Aufgabenverteilung funktioniert jedoch nicht. Neben mir übernehmen noch weitere Menschen Führungsaufgaben – etwa der Konzertmeister, die Stimmführer oder der Orchestervorstand. Meine Rolle ist nicht wichtiger als die der anderen. Ich versuche zu vermitteln, dass Hierarchie etwas Positives sein kann. Dirigenten verkürzen die Probezeit. Obwohl ich bestimmend bin, arbeite ich als Teamplayer.

Sie sind nicht zufällig Dirigentin geworden – haben aber auch nicht zielstrebig darauf hingearbeitet. Schicksal, Fügung – oder eine gute Entscheidung?

Jacquot: Es ist alles Fügung. Meine Aufnahmeprüfung für Posaune in Wien habe ich nicht bestanden. Es gibt nämlich fundamentale Unterschiede, wie man in Frankreich und im deutschsprachigen Raum dieses Instrument spielt. Zwei Wochen später wurde ich zum Dirigierstudium zugelassen. Beides hat mich immer gleichermaßen interessiert. In Chartres gab es einen inspirierenden Lehrer, der mich an diese Kunst heranführte und mich ermutigte, nach Wien zu gehen. Rückblickend war das eine gute Entscheidung, weil ich die französische Mentalität – im Sport wie in der Musik – als zu wettbewerbsorientiert erlebt habe.

Haben oder hatten Sie Vorbilder?

Jacquot: Man braucht Vorbilder, wenn man anfängt. Meine fand ich auf YouTube, wo die großen Maestri zu sehen waren: Bernstein, Karajan, Kleiber. Weibliche Vorbilder in dieser Rolle habe ich nicht gebraucht.

Sehen Sie sich selbst als Vorbild für junge Musikerinnen?

Jacquot: Beruf hat kein Geschlecht. Unsere Gesellschaft denkt zu viel in Kategorien und Schubladen. Ob Mann oder Frau, hetero- oder homosexuell, cis oder trans – für mich spielt das keine Rolle. Ich begegne Menschen als Menschen. Mein eigener Weg entsprach nicht immer klassischen Rollenbildern. Aber solange es diese Art des Denkens gibt, bleibt mein Geschlecht – außerhalb des Pultes – ein Thema. Ich kann daran nichts ändern, außer in Interviews immer wieder zu betonen, wie unwichtig es für mich ist.

Ihr Leben ist erfüllt von Musik, von Reisen und Begegnungen. Gibt es auch etwas, das Sie vermissen?

Jacquot: Vor kurzem hatte ich Geburtstag. Ich mag Geburtstage nicht besonders, weil sie mich an die Endlichkeit des Lebens erinnern. Und wenn ich sehe, dass meine Mutter inzwischen 70 Jahre alt ist, macht mich das etwas melancholisch – auch weil ich im Moment so wenig Zeit für meine Familie habe. Sport, Kochen oder einfach Zeit in der Natur verbringen – das alles kommt oft zu kurz. Gleichzeitig empfinde ich es als großes Glück, dass Musik mein Leben so sehr erfüllt.

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