Opern-Kritik: Staatsoper Berlin – Luci mie traditrici

Hochgespannter Stillstand

(Berlin, 10.7.2016) Das Festival „Infektion!“ für neues Musiktheater huldigt mit Salvatore Sciarrino und Jürgen Flimm schönster überzeitlicher Tradition

© Clärchen und Matthias Baus

Katharina Kammerloher (La Malaspina) und Lena Haselmann (L'Ospite)

Als Salvatore Sciarrino im Jahr 1998 für das Schlosstheater Schwetzingen Luci mie traditrici – zu deutsch etwa „Verräterische Augenlichter“ – schrieb, steckte er den Rahmen für sein Musiktheater durch Traditionen ab: Man sieht ein klassisches Eifersuchtsdrama um ein adeliges Ehepaar, insgesamt stehen lediglich vier Personen auf der Bühne, der Graf Malaspina, die Gräfin Malaspina, der Diener und der Gast. Sciarrino hält sich an das Theaterstück eines Dichters des frühen 17. Jahrhunderts, der den bekannten Mord des Komponisten Carlo Gesualdo da Venosa an seiner Ehefrau und ihrem Geliebten im Jahr 1590 zum Thema hat.

Bürgerliches Trauerspiel à la Kabale und Liebe

Jürgen Flimm lässt das Ganze in der Staatsoper Berlin in einem Bühnenbild spielen, das den Rahmen der Theatertradition noch enger um das Geschehen zu schließen scheint. Vom Ambiente her sehen wir ein bürgerliches Trauerspiel à la Kabale und Liebe. Die Dämonie und Abgründigkeit, die Sciarrinos Werk mit dem ersten Hinzutreten der Musik hervorholt, klappt allerdings, bildlich gesprochen, die Wände dieses engen bürgerlichen Theaterrahmens sofort um (während die Wände des adeligen Esszimmers in Wahrheit erst beim Mord am Ende der Inszenierung explodieren dürfen). Der Zuschauer sieht und hört die grenzenlose Eifersucht, den grenzenlosen Hass, auch die grenzenlose Liebe, die den schrecklichen Geschehnissen zugrunde liegt. Die Wände, das Eingeschlossensein, sie sind eher Vorstellungen der handelnden Personen, insbesondere des Grafen Malaspina, der meint, in seiner Welt der Ehre keine Handlungsoptionen zu haben und töten zu müssen, sobald er von der Untreue seiner Gattin erfahren hat.

Bei Sciarrino treten die Personen mit ihren knappen Parlandi eigentlich hinter ihre Begierden und Affekthandlungen zurück, sie interessieren den Komponisten offenbar nicht als Charaktere, sondern nur in ihrem jeweiligen Überwältigtsein von den eigenen Leidenschaften – die Kürze des Abends, die Einfühlung kaum möglich macht, würde für dieses Desinteresse sprechen. Jürgen Flimm verstärkt die musikdramaturgische Anlage, indem er den Grafen körperlich und charakterlich als Schwächling zeichnet, der im zweiten Teil zwar als schwarzer Todesengel auftritt, aber eigentlich körperlich zu klein und unbeholfen für das Pathos des überdimensionierten Flügelkostüms erscheint.

Schwirrend nervöse Geigentöne

Die Staatskapelle unter der Leitung von David Robert Coleman bietet eine idealtypische Einstudierung dieser maximal sinnlichen Musik auf. Der mit nur rund zwanzig Musikern besetzte Graben schwirrt vor allem von den nervösen hohen Geigentönen, die dabei stets in einer völlig transparenten und durchhörbaren Interaktion mit dem Geschehen auf der Bühne stehen. Die Handlung mit Liebe, Eifersucht und Mord mag an Theaterklischees reich sein, doch jeder einzelne dieser Augenblicke wird durch die Musik für den Zuschauer aus einer schrägen, fahlen, aber eben doch nicht ironischen Perspektive erfahrbar, die Musik in ihrem gespannten Stillstand lässt das Geschehen scheinbar in jedem Moment implodieren.

Tradition schlägt Experiment

Flimms szenische Idee des Todesengels wird durch das vor der Mordszene obsessiv wiederholte Rauschen tonlos geblasener Blechinstrumente musikalisch begründet. Beim Festival für neues Musiktheater an der Staatsoper, das seit Jahren unter Flimms Intendanz unter dem Titel „Infektion!“ läuft, weist der äußere Traditionalismus dieser Produktion dann doch fast Ironie auf, weil er den ansonsten beim diesjährigen Festival oft weniger geglückten experimentellen Musiktheater-Versuchen durch seine originäre Kraft ihre Grenzen aufzeigt – während Sciarrino die durch das Eifersuchts-Sujet behauptete Überzeitlichkeit seines Stückes allein durch die musikdramatische Gestaltung spielend untermauert.

Staatsoper Berlin

Sciarrino: Luci mie traditrici (Meine verräterischen Augen)

David Robert Coleman (Leitung), Jürgen Flimm (Regie), Annette Murschetz (Bühne), Birgit Wentsch (Kostüm), Irene Selka (Licht), Detlef Giese (Dramaturgie), Katharina Kammerloher (La Malaspina), Otto Katzameier (Il Malaspina), Lena Haselmann (L’Opite), Christian Oldenburg (Un servo della casa), Staatskapelle Berlin, Mitglieder des Kinderchors der Staatsoper Unter den Linden (Voce dietro il sipario)

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