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Opern-Feuilleton: Inszenieren in Bayreuth

Inszenierte Skandale

Zum 150. Jubiläum der Bayreuther Festspiele: Teil III der Reihe „Countdown für Bayreuth“ widmet sich der Historie des Inszenierens im Festspielhaus – von Richard Wagner als erstem Regisseur bis in die Gegenwart der Jubiläumssaison.

vonPeter Krause,

Noch Jahrzehnte nach Wagners Tod in Venedig 1883 galt als Maxime der szenischen Darstellung in Bayreuth etwas Einfaches: die buchstabengetreue Bewahrung von Inszenierungen, die der Komponist selbst als Gesamtkunstwerker verantwortet hatte. Oberste Wächterin über Wagners letztem Wort war Witwe Cosima. Die Herrscherin des Hügels avancierte zur Gralshüterin. Es herrschte Denkmalsschutz für Wagner. Theatralische Musealisierung war nun aber gerade nicht die Sache des Zukunftsmusikers. Wagner war höchst unzufrieden mit den theatralischen Bedingungen seiner Zeit, wollte die „ganze Theaterwirtschaft“ genauso umkrempeln wie die Gesellschaft als Ganzes. Sein Ruf nach Innovation will vergegenwärtigende Anverwandlung, der Cosimas Restaurations-Regie lange entgegenstand. Ihr Sohn Siegfried wagte Neuerungen, machte sich technische Innovationen zunutze, öffnete die Festspiele für die Moderne des frühen 20. Jahrhunderts. Der Öffnung folgte die Vereinnahmung Bayreuths durch Hitler im Zeitalter der Schwiegertochter Winifred und ihrer Nähe zum deutschen Diktator. Die dunkelste Zeit Bayreuths brach an – ein Skandal, der bis heute nachwirkt.

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Zwischen Neuanfang und Verdrängung

Dann aber kam Neubayreuth – die Wiedereröffnung anno 1951. Die Enkel Wieland und Wolfgang Wagner übernehmen die Führung an Bord von Bayreuth. Zum ästhetischen Signet wird die Weltenscheibe als Metapher des leeren Raums. Es herrschen Anti-Naturalismus, Stilisierung, Entrümpelung – und der Werkstattgedanke: Regisseure kehren für jede Wiederaufnahme zurück, feilen, überarbeiten. Inszenierungen verschwinden, machen Platz für neue. An die Stelle der Erfüllung von Wagners Bild- und Regievorschriften müsse „die nachschöpferische geistige Leistung treten, die den Gang zu den Müttern – also zum Ursprung des Werks – wagt.“, so Wieland Wagner 1958 mit Rückblick auf die Reformen der Nachkriegsjahre. Wieland und Wolfgang zitieren „Die Meistersinger von Nürnberg“ ihres Großvaters: „Hier gilt’s der Kunst.“ Und sie ergänzen einen Satz, den die Festspielbesucher gefälligst beherzigen sollten. Sie baten, „von Gesprächen und Debatten politischer Art auf dem Festspielhügel freundlichst Abstand nehmen zu wollen.“ Da scheint die Angst auf, von der braunen Vergangenheit eingeholt zu werden.

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Neu-Bayreuth gibt sich apolitisch, es verdrängt, postuliert die szenische „Stunde Null“, die es in der Kunst mit ihren vielgestaltigen Verweisen von Zeichen und Zeiten nie geben kann. Doch nach dem frühen Tod Wielands – die Bundesrepublik rückt seit 1968 nach links – wagt just der als Regisseur konservative Wolfgang Wagner die Repolitisierung des Werks seines Großvaters: Er lädt Götz Friedrich für „Tannhäuser“, Patrice Chéreau für den „Ring“, Heiner Müller für „Tristan und Isolde“ ein. Die Wagnerianer schäumen vor Wut. Doch nicht allein die Kapitalismuskritik vor bürgerlichem Publikum sorgt für Schockwellen, auch die Optik der Ausstattung, die Verfremdungseffekte sowie die kontrastierenden Zeit- und Stilebenen sind Steine des Anstoßes. Chéreaus Inszenierung aber wird alsbald zum „Jahrhundert-Ring“ stilisiert, gilt als signifikanteste Operninszenierung aller Zeiten. Bayreuth hat sich seine Relevanz als Ort der Referenzinterpretationen zurückerobert.

Bayreuther Festspiele im Schatten der Postmoderne

Doch mit dem von Flensburg bis Freiburg längst flächendeckend etablierten Regietheater der Postmoderne kämpfen auch die Bayreuther Festspiele unter Katharina Wagner heute gegen die Pest der Beliebigkeit. Wer auf dem Grünen Hügel Regie führt, muss alle bislang hier tätigen Teams darin übertrumpfen, neu und einmalig zu sein. Es herrscht Modernisierungs-, ja Skandalzwang, der nur immer häufiger ins Leere läuft. Die Gesten der Werkzertrümmerer von Frank Castorf bis Valentin Schwarz erwiesen sich in ihrem Zugriff auf den „Ring“ als wohlfeil. Da ist es eine verblüffende Pointe, dass ausgerechnet im Jubiläumsjahr zum 150. Bestehen der Bayreuther Festspiele die Neuproduktion „Der Ring des Nibelungen“ ganz ohne die Funktion „Regie“ auskommt. Vielmehr übernimmt im diesjährigen Experiment die Künstliche Intelligenz die bildgebende Macht, um die Rezeptionsgeschichte in all ihrer Diversität in den Mittelpunkt zu stellen. Fels in der Brandung der Bilder wird mit Christian Thielemann immerhin der größte Wagner-Dirigent der Gegenwart sein.

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