Darf man auf dem Grünen Hügel den „Rienzi“ spielen? Soll man? Muss man sogar? Zumal zum 150. Jubiläum der Bayreuther Festspiele? Denn da gilt es ja, nicht nur der Feierfröhlichkeit zu frönen, sondern auch die dunklen Kapitel der Historie jenes Festivals aufzuschlagen, das stets auch ein Spiegel der deutschen Geschichte war. Ausblenden geht nicht mehr: die Vereinnahmung durch das nationalsozialistische Regime, die besondere politische Nähe Adolf Hitlers zu den Festspielen und seine persönliche Nähe zu dessen damaliger Leiterin Winifred Wagner, der gehorsame und überzeugte Antisemitismus, der jüdischen Künstlerinnen und Künstlern den Auftritt auf dem Grünen Hügel ab 1933 unmöglich machte. Katharina Wagner, die aktuelle Chefin der Festspiele, stellt sich der Vergangenheit und der Verantwortung ihrer Familie mit Verve. Bewegender Auftakt am Vormittag der Festspielpremiere war denn auch der Auftritt von Michel Friedman, der – nach kommunikativ unglücklicher Einladung, Ausladung und Wiedereinladung des jüdischen Intellektuellen – die Gedenkrede zur Veranstaltung „Verstummte Stimmen“ im Festspielhaus hielt. Wer die Musik des Antisemiten Wagner höre, müsse dies nicht mit schlechtem Gewissen tun, aber mit Wissen.

Volksführer, Verführer, Führer
Michel Friedman empfahl damit die Haltung, mit der dann wenige Stunden später der „Rienzi“ wahrzunehmen sei. Denn Wagners Frühwerk, das der spätere Bayreuther Meister mit 25 Jahren zu komponieren begann und mit 27 Jahren in Paris vollendete und das ausdrücklich nicht zum etablierten Bayreuther Kanon der zehn Hauptwerke des Komponisten gehört (ein Kanon, den Witwe Cosima zementierte), es scheint durch seine Rezeption kontaminiert. Die Oper erzählt die Geschichte des historisch belegten Cola di Rienzo, jenem Volkstribun, der das römische Volk gegen die Macht einzelner Adliger zu einen und zu befreien versucht, 1347 zu einem Aufstand inspiriert, dabei die Massen mit seinem Charisma und seiner Rhetorik begeistern kann, schließlich aber scheitert. Hitler scheint sich mit der Figur des Volksführers identifiziert zu haben, wenngleich die überlieferten Zitate des Diktators eher einer späteren Selbstinszenierung mit bewusst überhöhtem Erweckungserlebnis während des Besuchs einer Aufführung der Wagner-Oper in Linz entsprungen sein dürften.

Utopie trifft Dystopie
Ob es im Werk selbst sehr frühe, gleichsam antizipierende Spuren der Nazi-Ideologie gibt, lässt sich kaum belegen. Das jetzige Bayreuther Regie-Duo aus Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka, das auch Bühne und Kostüme entwarf, tappt denn auch nicht in die Falle allzu plumper Parallelen zur Vergangenheit. Es erforscht freilich in durchaus auch plakativen Bildern und den Videos von Joshua Higgason die Verführbarkeit gesellschaftlicher Kollektive in der Gegenwart, deren Anfälligkeit für zumal auch religiös überhöhte Versprechen auf eine utopische Zukunft, die sich in ihrem Hoffnungsüberschuss stets auch gefährlich dem Rand und dem Absturz der Dystopie nähern. Die in der Inszenierung gemeinten, sich selbst messianisch überhöhenden populistischen „Leader“ von heute, sie tragen, mögen sie sehr wohl demokratisch legitimiert sein, Züge der Stilisierung zum Erlöser, zum Messias, zum Gottgesandten. Sie könnten somit späte Brüder des Rienzi sein.

Wie das Politische ins Private einsickert
Da nun die Manipulierbarkeit der Massen, die Verbreitung von Fake News, Intrigen und Lügen heute und zukünftig im besonderen über Social Media und allgegenwärtige Bombardements von Breaking News funktioniert, flimmert es auf der Bühne von Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka ohne Unterlass auf diversen Bildschirmen. Konsequent zeigen die Regisseurinnen, wie die Einflussnahme des Politischen bis in die letzten Winkel des Privaten einsickert. Die drei Zimmerchen des Anfangs, in denen wir die Hauptfiguren kennenlernen, sind jedenfalls längst keine familiären, nicht-öffentlichen Rückzugsorte mehr. Sie sind nach Außen transparent. Und – Orwell lässt grüßen – überall, ob in pseudoprivaten oder dezidiert öffentlichen Räumen, laufen exakt dieselben, nachgerade gleichgeschalteten Nachrichten, denen sich niemand entziehen kann. Naheliegend, nur nicht wirklich subtil, ist die Assoziation des einstigen römischen Kapitols mit dem aktuellen amerikanischen Capitol, das der aufgestachelte Mob – vom Festspielchor szenisch und stimmlich mit Totaleinsatz verkörpert – in jüngster Vergangenheit zu stürmen suchte. Rienzi ist nicht Trump, aber die Inszenierung spielt natürlich mit der entsprechenden Erinnerung und Fantasie des Publikums.

Die Menschen hinter den Masken
Doch das Regieteam erschöpft sich eben nicht im Aufzeigen derartiger gedanklicher Verknüpfungen. Es interessiert sich sehr wohl auch für die Menschen hinter den Masken der öffentlichen Stilisierung. Präzise entwickelt sie die leidenschaftliche inzestiöse Beziehung von Rienzi zu seiner Schwester, die – mangels offizieller Gattin – auch mal die Rolle der First Lady spielen muss, was ihr indes sichtlich Unwohlsein verursacht. Ist der Knabe, dessen frühen Tod die Regisseurinnen im Vorspiel der Oper zeigen, der kleine Bruder des Geschwisterpaars oder doch gar ihr eigener Sohn? Nicht minder spannend die Beziehung zu Irenes Geliebtem Adriano, der kaum eine Chance hat, die offenbar toxische Geschwisterkonstellation aufzubrechen. Sehr spät erst emanzipiert sich Irene von der brav den Bruder unterstützenden unterwürfigen Frau: So viel, im jugendlichen Wagner-Werk nicht angelegter, Feminismus muss sein. Die Regisseurinnen geben Irene und Adriano mit dem Untergang Rienzis sogar eine zweite Chance. Durchaus auch Humor als Comic relief im Kontext der tragischen Oper beweisen die Regisseurinnen, wenn sie die Ballettszenen erst mit durch Statisten nachgespielten Einlagen aus allen späteren Wagner-Dramen spicken und dann den ganz normalen Wahnsinn eines Festspielbesuchs aufs Korn nehmen: Da gibt es den in den Pausen zu gewinnenden Kampf ums Klo und jenem um Bier und Bratwürste zu besichtigen.

Musikalische Aha-Effekte und eine umjubelte Besetzung
Die Besetzung des „Rienzi“ ist und bleibt eine Herausforderung. Die Sängerinnen und Sänger werden am Ende – seltsamerweise unterbleibt zur Premiere der Szenenapplaus in der ja noch nicht durchkomponierten Oper – festspielüblich umjubelt. Andreas Schager, der weltweit führende Siegfried und Tristan, verströmt in der Titelpartie ein extrem phonstarkes tenorales Stamina, das so verführerisch wie mitunter auch verstörend wirkt. Gabriela Scherers sanftes Sopranglühen als Irene setzt sich aufgrund der von Wagner selbst undankbar gebauten Partie erst spät, dann aber umso eindrucksvoller durch. Jennifer Holloway ist als Hosenroller-Adriano der dramatisch ausbrausende Sopran-Vulkan und die Applaus-Abräumerin. Ihre fulminante Stimmentwicklung weist in hochdramatische Gefilde. Am Pult des Orchesters der Bayreuther Festspiele will Nathalie Stutzmann die heterogenen Einflüsse im Frühwerk nicht glätten, sie schärft sie so genialisch und nutzt die Bayreuther Akustik, die Wagner für sein Spätwerk erdachte, mit traumwandlerischer Souveränität. Da wird in den sensibel ausgehörten Pianissimi des Vorspiels schon der spätere Klangmagier Wagner erkennbar, die effektvollen Chöre weisen auf „Lohengrin“ und „Tannhäuser“ voraus. Nicht minder präsent sind aber auch die italienischen und französischen Einflüsse, von Rossini und Verdi, von Meyerbeer. Den jungen Wagner als einen Suchenden erkennen zu können, gehört zu den wichtigen Aha-Effekten dieser Premiere. Der Meister ist eben nicht vom Himmel gefallen. Und: Ja, es ist richtig, den „Rienzi“ zu spielen – gerade hier und gerade zu diesem großen, nachgerade historischen Anlass.
Bayreuther Festspiele
Wagner: Rienzi
Nathalie Stutzmann (Leitung), Alexandra Szemerédy & Magdolna Parditka (Regie, Bühne & Kostüme), Rainer Casper (Licht), Joshua Higgason (Video), Marlene Schleicher (Dramaturgie), Thomas Eitler-de Lint (Chorleitung), Andreas Schager (Cola Rienzi), Gabriela Scherer (Irene), Andreas Bauer Kanabas (Steffano Colonna), Jennifer Holloway (Adriano), Michael Nagy (Paolo Orsini), Chor und Orchester der Bayreuther Festspiele
Sa., 08. August 2026 16:00 Uhr
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Fr., 14. August 2026 16:00 Uhr
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Mo., 17. August 2026 16:00 Uhr
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Mi., 19. August 2026 16:00 Uhr
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Sa., 22. August 2026 16:00 Uhr
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