Er sitzt im Sessel vor dem Fernseher in seinem Eigenheim mit der kleinkarierten Tapete, trinkt wie jeden Abend sein Bier (wobei es bei nur einem Bier in der Regel nicht bleibt) und betrachtet die Welt so misanthropisch, wie er das auch gestern und schon seit vielen Jahren getan hat. Ein sympathischer Zeitgenosse ist dieser Herr Brouček, der auch ein paar Zimmer seines Hauses vermietet, mitnichten. Aber ein echtes Ekel ist der Herr in der gräulichen Strickjacke, wie ihn Yuval Sharon in seiner Neuinszenierung der Bregenzer Festspiele zeichnet, eben auch nicht. Vielleicht ist er eher ein tschechischer Jedermann, ja, so ein höchst gewöhnlicher Spießer. Also weder ein Held noch ein Anti-Held und als Charakter nicht unbedingt eine klassische Steilvorlage für die Hauptfigur einer Oper. Doch Leoš Janáček macht ihn genau dazu und erzählt mit den titelgebenden Ausflügen dieses Herrn absolut Unglaubliches. Denn um ein gewöhnliches Picknick im Naherholungsgebiet geht es hier nicht: Herr Brouček reist im ersten Teil der Oper auf den Mond und damit in die Zukunft, in Teil 2 macht er eine Zeitreise rückwärts ins Mittelalter der Hussitenkriege, als seine damaligen Landsleute einen legendären Kampf gegen das Heilige Römische Reich und Kaiser Sigismund führten.

Erdling trifft Mondwesen
Mit genau dieser Geschichte erfindet Janáček dann eben doch eine höchst operntaugliche Angelegenheit. Denn welche Kunstform böte nach dem Film mit seinen Techniken der Rückblicke und der Vorausschau die idealen Mittel, um die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen mit musikalischer Magie auf die Bühne zu zaubern? Der Komponist von „Jenufa“ und „Katja Kabanova“, der sich einen mährischen Realismus auf die Fahnen schrieb, kann in seiner so selten gespielten, zu Beginn des 20. Jahrhunderts ersonnenen Oper auf die zu seiner Zeit in Mode kommende Science-Fiction-Begeisterung in Literatur und Film bauen. Jules Vernes lässt grüßen. Und so greift sein Ausstatter Jon Bausor in Bühnenbild und Kostümen nun auch dezidiert in die Trickkiste des Films. Broučeks puppenspielniedliches Häuschen dreht sich dazu vom Fundament auf die Dachspitze und schwebt wie ein Kinderspielzeug in den Himmel.
In einer Bruchlandung kommt es so auf dem Mond und dessen flacher Oberfläche an, wie sie der Film „Le Voyage dans la Lune“ von Georges Mèliés anno 1902 imaginierte. Dort steigt der Erdling also aus und trifft nun auf Mondwesen, die kubistischen Skulpturen gleichen: All diese tanzenden geometrischen Figuren, in denen die Sängerinnen und Sänger wie in Stelen verborgen sind, aber als Individuen nie sichtbar werden, tragen ihre eigene Farbe. Sie tänzeln (Bewegungschoreografie: Crispin Lord) kurios um das einzige Erdenwesen herum, treten in Interaktion und zeigen sich durchweg interessiert für die seltsamen Wunder jenes fernen Planeten, den sie mangels passender Flugobjekte nie betreten haben und die der fremde Herr repräsentiert. Psychologisch ist das hochinteressant, wird in der Begegnung der Mondwesen mit dem Erdenmenschen doch die Frage nach dem Fremdsein in satirischer Zuspitzung thematisiert. Der Einzelgängerspießbürger, der zu Hause weitgehend isoliert ist, wird auf einmal zum Objekt der echten Anteilnahme, begegnet Künstlern, Dichtern und Idealisten, wird sogar in eine Liebesbeziehung verstrickt. Und doch denkt er am allerliebsten an die Annehmlichkeiten im heimischen Prag: Bier und ausreichend deftige Nahrung.

Hörtheater vom Feinsten
Durch die zu Skulpturen geeisten, gesichtslosen Mondlinge bleiben all diese sonderbaren Treffen zwar weitgehend abstrakt, dafür sorgt die feingliedrig farbige Partitur in der subtilen Lesart von Robert Jindra und den Wiener Symphonikern sowie des exzellenten sängerischen Ensembles für ein anregendes Hörtheater. Theatralisch ergiebiger und plastischer wird der Abend nach der Pause, wenn die Zeitreise des immer interessanter werdenden netten Ekels ins Jahr 1420 führt. Als Erfinder historischer Mittelalterkleidung hat nicht nur Jon Bausor ganze Arbeit geleistet, sondern auch die Kostümabteilung der Bregenzer Festspiele in der detailverliebten Umsetzung. Gleich einem Archäologen steigt Brouček nun in die Tiefen der Vergangenheit seines Volks, kämpft mit babylonischer Sprachverwirrung (in einem halben Jahrtausend ändert sich natürlich auch das Tschechische) und wird in die kriegerischen Auseinandersetzungen hineingezogen, die er bislang nur aus den Schulbüchern kannte. Da wird dieser Jedermann notgedrungen zum Großmaul, um sich aus kniffligen Situationen herauszuwinden. Das gegenseitige Nicht-Verstehen ist mehr als lustig. Und Yuval Sharon zeigt sein Können als Regisseur zumal darin, niemanden zu desavouieren, sondern allen Figuren ihre Würde zu bewahren. Die bewusste Naivität, Unbedarftheit und Deutungsdemut des Erzählens verbinden sich mit einem ausgeprägten Vertrauen auf die Musik und bieten so ein erstaunliches Identifikationspotenzial mit den Figuren, die in ihrer Beschränktheit vielleicht ein wenig so sind wie wir selbst, wenn wir denn in hellen ehrlichen Momenten des eigenen Daseins bereit sind, unsere Grenzen selbsterkennend zuzugeben.

Gesungen und musiziert wird fürwahr festspielwürdig. An der Spitze des tschechisch dominierten Ensembles (viele Sänger übernehmen gleich mehrere Partien) steht Peter Hoare als Brouček. Der britische Charaktertenor wirkt so ungemein authentisch, macht seine Figur zu jenem Jedermann-Spießer, der in seiner Beharrung auf das einmal als richtig erkannte Eigene womöglich mehr von uns preisgibt, als uns gemeinhin lieb ist. Ein Extralob verdient der Prager Philharmonische Chor, der so idiomatisch und klangprächtig die Hymen aus alter Zeit beisteuert.
Bregenzer Festspiele
Janáček: Die Ausflüge des Herrn Brouček
Robert Jindra (Leitung), Yuval Sharon (Regie), Jon Bausor (Bühne & Kostüme), Yi Zhao (Licht), Hannah Wasileski (Video), Crispin Lord (Choreografie), Anke Rauthmann (Dramaturgie), Lukáš Vasilek(Chöre), Peter Hoare (Matěj Brouček), Mihails Culpajevs (Mazal, Blankytný), Károly Szemerédy (Sakristan, Lunobor) , Tatev Baroyan (Málinka, Etherea), Jan Stava (Würfl, Čaroskvoucí), Prager Philharmonischer Chor, Wiener Symphoniker





