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Opern-Kritik: Bregenzer Festspiele – La traviata

Plansch-Party der Roaring Twenties

(Bregenz, 22.7.2026) Zum 80. Jubiläum der Bregenzer Festspiele kommt erstmals Verdis „La traviata“ auf die Seebühne. Doch die Inszenierung lässt das Publikum zur Premiere kalt.

vonPeter Krause,

Eine junge Frau im goldenen Glitzerkleid tritt auf die riesige Bühne. Sie ist allein, ganz allein, hält nur einen gerahmten Spiegel in Händen, wie er so oder ähnlich auf einem Schminktisch einer Theatergarderobe stehen könnte. Zu den irisierend melancholischen Streicherflächen des Preludio zu Giuseppe Verdis „La traviata“ betrachtet sie sich noch einmal darin, reflektiert ihr Leben – und wirft den Spiegel dann beherzt ins Wasser. Im Bühnenbild von Paolo Fantin ist dies ein mit warmem Wasser des Bodensees gefülltes Bassin, das bereits dem vom 30-jährigen Krieg verwüsteten Dorf der vorangegangenen Inszenierung von „Der Freischütz“ (die Philipp Stölz verantwortete) diente und darin für manch Überraschung einer im wahrsten Sinne des Wortes untergehenden Welt sorgte.

Zentrale Metapher der Jubiläumsinszenierung der diesjährigen Bregenzer Festspiele ist nun aber etwas anderes: eine gigantische Wand von 86 Spiegelsplittern, die als Installation schräg gen Himmel ragt. Auch auf dem Boden der Seebühne sind einzelne zerborstene Elemente zu finden und sehen wie Eisschollen aus, denen in etwa die gefühlte Temperatur der Inszenierung gleicht. Denn so mild und atmosphärisch einladend der herrliche Sommerabend der Premiere ausfällt, so unterkühlt wirkt die szenische Umsetzung des Regieteams um Damiano Michieletto, der in der Tat erstmals das Schicksal der Kurtisane Violetta Valéry in einer Regiearbeit deutet – und nun also gleich im XXL-Format der Seebühne von Bregenz.

Szenenbild aus „La traviata“ bei den Bregenzer Festspielen
Szenenbild aus „La traviata“ bei den Bregenzer Festspielen

Riesige Erwartungen – gelinde Enttäuschung

Die Erwartungen waren denn auch entsprechend riesig. Schließlich schlugen die Vorgängerinszenierungen – zumal Puccinis „Madama Butterfly“ und eben zuletzt Carl Maria von Webers „Der Freischütz“ – durch enorm imaginative und fesselnde Bildfindungen ein, wurden gleichsam ikonografisch als künstlerische Installationen, die nur hier bei den Bregenzer Festspielen ihre enorme Wirkungsmacht entfalten konnten. Und objektiv monumental gerät auch die von Paolo Fantin erfundene Spiegelwand mit ihren teilweise beweglichen Elementen, die durch eine komplexe Hydraulik gefahren werden können. Echte Spiegel sind es indes nicht, denn sie würden bei entsprechender Beleuchtung das Publikum blenden. Vielmehr wurden Holzplatten in einer eigens entwickelten Technik beschichtet und bemalt, um für Licht und Videoprojektionen (die Violettas Lebensstationen zeigen) gut geeignet zu sein.

Szenenbild aus „La traviata“ bei den Bregenzer Festspielen
Szenenbild aus „La traviata“ bei den Bregenzer Festspielen

Der eine große Wow-Effekt

Doch was fantasievoll wie klug erdacht und durch die Festspieltechnik sehr wohl gigantisch gemacht ist, führt im Ergebnis nicht zwingend zu beeindruckendem oder gar berührendem Theater. Einmal immerhin, es ist schon spät in dieser auf zwei Stunden gekürzten See-„Traviata“, kommt es zum großen Wow-Effekt. Violettas Sein zum Tode, das in ihrer finalen Arie „Addio del passato“ kulminiert, findet seine eindrucksvolle Entsprechung: In der Mitte der Spiegel-Installation fahren die Elemente nach innen, formen sich zu einer Kraterlandschaft, aus der nun eine imposante tiefschwarze Kugel von sechs Metern Durchmesser hervorbricht, nach außen und bis nach unten auf die Spielfläche fährt und nachgerade Violetta touchiert. Sie umarmt denn auch den todesbringenden Meteor wie weiland Isolde den Mond in Ruth Berghaus’ Hamburger Inszenierung von „Tristan und Isolde“. Einen der Kugel entsprechenden schwarzen Fleck hatte bereits ihr Unterkleid enthüllt, auch ihr Spieglein, das sie am Ende noch einmal aus dem Wasser emporholt, weist das Zeichen ihrer Krankheit auf, das der Dottore seinerseits auf einem Röntgenbild diagnostiziert hatte. Doch legitimiert dieser eine magische Moment den ganzen Aufwand der Spiegel-Installation?

Szenenbild aus „La traviata“ bei den Bregenzer Festspielen
Szenenbild aus „La traviata“ bei den Bregenzer Festspielen

Dekadenter Tanz auf dem Vulkan

Denn dramaturgisch-erzählerisch wird sie kaum sinnstiftend genutzt. Ja, da klappt mal rechts oben ein Element nach unten, um Alfredos Loft in luftiger Höhe zu zeigen, das er gerade wie ein Maler-Kollege Cavaradossis eigenhändig neu in Violett streicht. Es passt dazu dann durchaus, dass er hier oben die Zeile singt: „io vivo quasi in ciel‘“. Links oben wird auch mal der Dottore in seinem Arztzimmer sichtbar, wie er das Röntgenbild Violettas deutet. Und der Krater wird zur finalen Karnevalsszene mal kurz zur Location für einen Tanz auf dem Vulkan durch die ansehnliche Tanztruppe dieser „Traviata“. Die beiden großen Festszenen des Stücks aber verkommen zu Zirkuseinlagen mit neckisch netten Nixen, die operettigen Kopfschmuck tragen, im Wasser planschen und dabei in Badeanzügen der dekadenten Roaring Twenties Bella figura machen (Kostüme: Carla Teti). Drei Fontänen spritzen dazu als Krönung der Choreografie Seewasser schnurstracks gen Himmel.

Szenenbild aus „La traviata“ bei den Bregenzer Festspielen
Szenenbild aus „La traviata“ bei den Bregenzer Festspielen

Kurzlebige Show-Momente

Während die Plansch-Party der Roaring Twenties, in die Damiano Michieletto die Geschichte verlegt, zumindest für kurzfristige Schau- und Show-Werte, wenngleich ohne Mehrwert, sorgt, gibt es in seiner Personenregie nur wenig Berichtenswertes. Die Duette von Alfredo und Violetta sowie von Violetta und Vater Germont sind meist als Distanzunterhaltungen angelegt, was nicht nur den weitläufigen Bühnenmaßen geschuldet ist, sondern wohl Ausdruck der menschlichen Entfremdung sein soll. Unterbelichtet bleibt von der Regie gleichwohl der gesellschaftliche Druck auf die „vom Weg abgekommene“ Violetta, deren Schicksal an diesem Abend kaum für Erschütterung sorgt.

Szenenbild aus „La traviata“ bei den Bregenzer Festspielen
Szenenbild aus „La traviata“ bei den Bregenzer Festspielen

Wunderbar: Marjukka Tepponen in der Titelpartie

So hält man sich denn an den wunderbaren Gesang von Marjukka Tepponen, deren flexibler Sopran so warm, nobel und rund klingt, dass ihre Violetta zumindest stimmlich unmittelbar berührt. Julien Behr ist ein tenorschlanker Alfredo Germont, Vladimir Stoyanov ein baritonbalsamischer Giorgio Germont. Kirill Karabits leitet die Wiener Symphoniker unauffällig, weder im Manischen noch im Melancholischen von Verdis Skala der Affekte aber wirklich zugespitzt. Die diesjährigen, bis 23. August gespielten Vorstellungen in drei alternierenden Besetzungen sind ausverkauft, am letzten Festspieltag beginnt der Vorverkauf für die Festspiele 2027, zu denen „La traviata“ in der aktuellen Inszenierung dann erneut auf dem Programm stehen wird.

Bregenzer Festspiele
Verdi: La traviata

Kirill Karabits (Leitung), Damiano Michieletto (Regie), Paolo Fantin (Bühne), Carla Teti (Kostüme), Alessandro Carletti (Licht), Roland Horvath (Video), Thomas Wilhelm (Choreografie), Benjamin Lack & Lukáš Kozubík (Chöre), Marjukka Tepponen (Violetta Valéry), Julien Behr (Alfredo Germont), Vladimir Stoyanov (Giorgio Germont), Angela Simkin (Flora Bervoix), Francisco Brito (Gastone), Michael C. Havlicek (Barone Douphol), Stanislav Vorobyov (Dottore Grenvil), Janne Sihvo (Marchese d’Obigny), Melissa Zgouridi (Annina), Aaron Godfrey-Mayes (Giuseppe), Statisterie der Bregenzer Festspiele, Bregenzer Festspielchor, Prager Philharmonischer Chor, Wiener Symphoniker






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