Es ist natürlich leicht, den hochambitionierten Zyklus „Licht“ von Karlheinz Stockhausen bizarr, verstiegen und peinlich, „cringe“, zu finden. Allein die Gigantomanie: Insgesamt dauern die sieben Stücke von „Licht“, jeweils nach den Wochentagen betitelt, gut 29 Stunden. Damit hat Stockhausen Wagners „Ring“ um Längen überholt. Von 1977 bis 2003 arbeitete er an seinem Opus magnum. Dann die Überfrachtung mit esoterischem Pathos: Der späte Stockhausen empfand sich als musikalisches Medium, das Schwingungen – vom Göttlichen oder aus dem All? – empfängt und diese auskomponiert. Das allegorisch gefasste, ziemlich abstrakt gehaltene Geschehen in „Licht“ dreht sich um eine Engelsfigur Michael, eine Eva als Frau an seiner Seite und Luzifer als Gegenspieler. Autofiktionales, rheinischer Katholizismus, die Technikbegeisterung der 1950er und der Hang zur Mystik Asiens der späten 1960er sind darin eingeflossen. Nicht zu vergessen die Durchorganisation des Ganzen mit der von Stockhausen entwickelten Formelkomposition, die nicht bloß musikalische Parameter, sondern auch Bühnenbild und Bewegungen der Mitwirkenden einbeziehen will.
Bei Aufführungen zu Lebzeiten verpasste der Komponist seinen weiblichen Mitwirkenden enge Catsuits. Altväterlich, sexistisch, ego- und eurozentristisch wirkt da einiges im Weltall-Patriarchat in „Licht“ aus heutiger Perspektive. Auch wenn die einzelnen Stücke zwischen 1981 und 2012 an verschiedenen Orten uraufgeführt wurden, steht eine Gesamtinszenierung aller sieben „Tage“ aus „Licht“ noch aus. Der organisatorische und vor allem finanzielle Aufwand des Zyklus wäre immens. Jetzt hat die Deutsche Oper Berlin „Mittwoch“ aus „Licht“ als Deutsche Erstaufführung erneut zur Diskussion gestellt. Über vier Stunden mit zwei Pausen dauert der Abend. Ein Paukenschlag zu Saisonbeginn und zum Antritt des neuen Intendanten Aviel Cahn. Die Neuinszenierung ist eine Zusammenarbeit mit dem Musikfest Berlin und eine Koproduktion mit der Philharmonie de Paris. Warum gerade „Mittwoch“? Stockhausen behandelt darin die Themen Liebe, Freundschaft und kosmische Solidarität, wie er betonte. Davon können wir gerade in unseren Zeiten wirklich eine Menge gebrauchen.

Ein großes Ritual als Fusion religiöser Praktiken aller Arten
Klug ist die Entscheidung, „Gruß“ und „Abschied“, elektroakustische Musik, die „Mittwoch“ umrahmt, vor und nach der Aufführung im Saal als Klanginstallation ins Foyer zu verlagern. Erfreulich auch, dass Regisseurin Susanne Kennedy und Bühnenbildner Markus Selg sich relativ frei von Stockhausens szenischen Vorgaben gemacht haben. Die Bühne zeigt eine Sandfläche, wie in japanischen Steingärten, dahinter einen archaischen Steinaltar, der von der steinzeitlichen Kultstätte Göbekli Tepe in der Türkei inspiriert ist. Auch an Inka-Heiligtümer erinnert er. Dahinter ist ein am Rand vielfach gezackter Bildschirm (Video: Markus Selg, Warja Rybakova). Er zeigt digital multiplizierte und in Bewegung gebrachte gotische Kathedralen, Landebahnen, Explosionen, Rauchwolken, Raketen, Tempelmauern, Gebirgslandschaften, Meer, Himmel, Sonnenuntergänge, mineralische und organische Strukturen, aber auch Vogelschwärme, fliegende Kinder, Elefanten und zwischendurch zwei Ziegen. Chor, Vokalsolisten, das Instrumentalensemble auf der Bühne – der Orchestergraben ist geschlossen – und die Performer tragen Gewänder, die Elemente verschiedener Religionen der Welt aufgreifen (Kostüme: Andra Dumitrascu).
Überhaupt ist das Ganze wie ein großes Ritual konzipiert. Gestik, zeremonielle Handlungen und Prozessionsgänge sind eine Fusion aus religiösen Praktiken unterschiedlicher Art. Dies entspricht stimmig dem „Welt-Parlament“, wie die erste Szene betitelt ist. Dieser Teil ist eine Choroper. Der Chor der Deutschen Oper mit seinem Leiter Jeremy Bines, der als Präsident der Versammlung auf der Bühne agiert, bringt die psalmodierenden Gesänge, den Sprechgesang, die Klangflächen und die polyphonen Abschnitte differenziert und atmosphärisch. Die Choreinsätze verbinden sich mit dem nahezu omnipräsenten elektroakustischen Zuspiel, das Stockhausen vorgesehen hat. Rachel Pinevska bringt souverän ihre strahlenden Koloratureinsätze. In der zweiten Szene, „Orchester-Finalisten“, sorgen die Solisten der Gruppe Le Balcon (Gesamtleitung: Maxime Pascal) für überzeugendes Instrumentaltheater. Die Mitglieder des Ensembles erweisen sich nicht bloß als brillante Virtuosen, sondern zeigen in ihren Soloperformances auch darstellerisches Profil und mitunter Humor.

Spektakulär: das Helikopter-Streichquartett
Die dritte Szene in „Mittwoch“ ist zweifellos das berühmteste und spektakulärste Stück aus „Licht“, das Helikopter-Streichquartett: In jedem der vier Hubschrauber sitzt jeweils ein Mitglied des Streichquartetts. Die einzelnen Streicherstimmen interagieren klanglich und rhythmisch mit den Hubschrauberrotoren, bei Aufstieg, Flug und Landung. Die Streicherklänge, die Maschinengeräusche und die Stimmen der Musiker, die zudem Zahlen rufen, verbinden sich zu einem Kontinuum. Diese Szene wollte Stockhausen live übertragen haben. Für die Berliner Neuinszenierung – kluge, ökonomische Entscheidung – wurde dieser Flug zwei Wochen vorher am Flughafen Schönhagen nur einmal unternommen und als Video produziert. Im Split Screen sind die vier Musiker einzeln im Cockpit zu sehen, es gibt Totale, Detailaufnahmen und Vogelperspektive. Über mehrere Kanäle werden die Klänge im Saal übertragen. Eine mitreißende halbe Stunde Kino.
Für die letzte Szene aus „Mittwoch“ mit dem Titel „Michaelion“ kommen Instrumentalensemble, elektroakustische Schicht, Chor, Solisten und Performer zusammen. Dieses Finale ist als intergalaktisches Parlament mit Delegierten aus dem gesamten Universum gedacht. Ein Kamel (!) wird dabei als Präsident gewählt. Die Inszenierung nimmt es mit Humor und lässt ein Plüschtier, in dem zwei Menschen stecken, auftreten. Das bewegt synchron zum Sologesang des Operators (Robin Adams, kernig und kraftvoll) die Schnauze, trinkt aus einer Weinflasche und hinterlässt als Exkremente farbige Kugeln, die der Symbolik aus „Licht“ entsprechen.
Verschwurbeltes Libretto
Insgesamt lässt sich sagen, dass die Musik von „Mittwoch“ überraschend gut gealtert ist. Die virtuosen Instrumentalsoli mit ausgeweiteten Spieltechniken, das gestische Herausstellen dabei, die Chorpartien, die Vokalsoli, das alles wirkt nach wie vor frisch. Dies nimmt für „Mittwoch“ ein, dafür werden auch Längen in Kauf genommen. Das einst von Maestro Stockhausen selbst verfasste verschwurbelte Libretto bleibt indessen problematisch. Was wird hier eigentlich in dieser kryptischen, autofiktional getönten Privatmythologie erzählt? Dass Liebe die Welt heiler machen kann und Weltfrieden erstrebenswert ist, hat man schon nach ein paar Minuten begriffen. Dafür braucht es keine vier Stunden. Als hohe Literatur können die Gesangstexte sowieso nicht gelten, trotz des hehren Anspruchs: Im Libretto wimmelt es von Banalitäten, die heute jeder Glückscoach von sich gibt. Dazu gibt es Fantasiesprache à la Dada und Fluxus, Technik- und Astronomie-Vokabular und saloppe Alltagsfloskeln.
Mehr Haltung, auch Gegenpositionen wären interessant gewesen
Die Inszenierung versucht ihr Bestes. Aber es wäre wohl noch mehr drin gewesen. Vor allem fragt man sich, weshalb die Videoscreen nicht größer ausgefallen ist. Heutzutage gibt es doch schon viel spannendere immersive Lösungen, die den gesamten Raum umfassen, zumindest aber über die Guckkastenbühne reichen. Auch haben die Bilder des Videos auf Dauer etwas Beliebiges, wirken wie eine bewegte Tapete. Mehr Konkretes, mehr Haltung, vielleicht auch Gegenpositionen zu Stockhausens Vorlage, wären interessant gewesen. Somit: Nicht der ganz große Paukenschlag, aber doch eine interessante Positionierung zu Beginn der neuen Ära an der Deutschen Oper Berlin. Ein Besuch lohnt sich auf jeden Fall. Denn wer weiß, wann dieses Stück eines der einflussreichsten Komponisten der Nachkriegsmoderne wieder zu erleben ist?
Deutsche Oper Berlin
Stockhausen: Mittwoch aus Licht
Maxime Pascale (Leitung), Susanne Kennedy (Regie), Markus Selg (Bühnenbild), Andra Dumitrascu (Kostüme), Warja Rybakova & Markus Selg (Video), Marcel Weber/MFO (Licht), Florent Derex (Klangregie), Augustin Muller (Computer Musik Design), Rachel Pinevska (Ersatz-Präsidentin), Robin Adams (Operator), Marie Groothof, Tarren Johnson, Ixchel Mendoza Hernández, Dominic Santia, Laurie Young (Performer), Ensemble Le Balcon, Streichquartett des Orchesters der Deutschen Oper Berlin (Anna Matz, Monia Rizkallah, Kirsikka de Leval Jezierski, Arne-Christian Pelz), Arne Muller (Synthesizer), Chor der Deutschen Oper Berlin, Jeremy Bines (Präsident, Chorleitung), Komparserie, Orchester der Komischen Oper Berlin




