Eigentlich liegt es auf der Hand, dass sich in Weimar das Kunstfest und das Deutsche Nationaltheater bewusst unterhaken – so wie jetzt zum Saisonauftakt mit einer szenischen Version von Georg Friedrich Händels wohl populärstem Oratorium. Bei den Händel-Festspielen in Halle zum Beispiel gehört der „Messias“ jährlich zum Kern des Programms. Das Halleluja daraus ist eine der berühmtesten Nummern des europäischen Großmeisters der Barockoper überhaupt. Mit seiner 1742 in Dublin uraufgeführten Vertonung einer Sammlung von Bibelzitaten um den Messias der Christen reagierte der Komponist mit ausgeprägtem unternehmerischen Spürsinn auf die Krise der Oper beziehungsweise seiner Opern in London. Er passte sich an und lag damit langfristig goldrichtig. Auch wenn die Wiederbelebung seiner Opern – und damit ihre unumkehrbare Blüte auf den Spielplänen – bis zum Beginn der Händelrenaissance vor über einhundert Jahren auf sich warten ließ, waren seine Oratorien nie völlig verschwunden. Der „Messias“ schon gar nicht.
Es gehört zur inneren Logik des Musik- und Opernbetriebes, dass viele seiner Oratorien wie Quasi-Opern behandelt und inszeniert werden. Sie werden sozusagen aus dem sakralen Kontext gelöst und als Bühnenwerke „enttarnt“. Irgendwie sind sie es auch, denn ohne dramatischen, packenden Furor kommen sie nicht aus. „Semele“ aus dem Jahr 1744 etwa ist ein Paradebeispiel dafür. Aber auch „Der Messias“. Der wurde 2010 – standortaffin – auf den Domstufen in Erfurt inszeniert, vor drei Jahren in Meiningen und jetzt also in Weimar. Es lässt sich natürlich nicht verifizieren, aber der weltläufige Hallenser Brite hätte da wohl kaum was dagegen.

Der Blick in die Gegenwart
In Weimar ist dem auch an der Musikhochschule lehrenden Regisseur Jochen Biganzoli das Kunststück gelungen, die grandiosen Soli und Chornummern in ihrer überzeitlichen Gültigkeit mit einem Blick in unsere Gegenwart zu verbinden. Was heißt schon Blick? Bis zur Pause ist es eine Bilderflut. Zugleich wird der wie immer fabelhaft agierende, von Jens Petereit einstudierte Opernchor des Nationaltheaters durch einen 52-köpfigen Bürgerchor aus Weimar und Umgebung verstärkt. Damit wird das ganze Unternehmen bewusst in die Stadtgesellschaft hinein geöffnet.
Für die drei unterscheidbaren Teile des „Messias“, die man mit Verheißung, Passion und Erlösung überschreiben könnte, haben Wolf Gutjahr (Bühne) und Katharina Weissenborn (Kostüme) für unterschiedliche ästhetische Zugänge gesorgt, aus denen Biganzoli souverän und mit sicherem Gespür für die innere Logik der Musik szenische Funken zu schlagen vermag. Es beginnt mit einem Wimmelbild gesellschaftlicher Vielfalt von heute, bei dem ein halbes Dutzend Lebensbereiche in ebenso vielen, üppig ausgestatteten Containern ihr Eigenleben führen. Von der Begrüßung eines Neugeborenen im Familienkreis bis zum Ende des Lebens in einem Krankenzimmer. Dazu eine feiernde „bessere“ Glamourgesellschaft in einem Salon, während sich das andere Ende der Gesellschaft im Waschsalon trifft.
Oben in der Mitte eine Art computergestütztes Meeting von irgendetwas Wichtigem. Schließlich der einsame Nerd, bei dem man nicht wirklich weiß, was er denkt oder im Schilde führt. Dieses an sich schon prall gefüllte Panorama wird seinerseits von Videobildern überflutet, die die Welt und die Zeitgeschichte vergegenwärtigen. Für die Videos hat Jana Schatz in unser aller Bildervorrat gewildert. Dabei hat ein ungenannter Assistent namens Horror Vacui sie wohl noch angefeuert. Aber dieser Bilderstrom passte, war er doch – anders als beim jüngsten Bayreuther KI-Ring – keine sinnfreie Selbstbespiegelung einer künstlichen Intelligenz.

Radikale Szenenwechsel
Nach der Pause verblüfft die Szene mit einem radikalen Wechsel der Ästhetik. Der jetzt sichtbar verstärkte Chor betritt zunächst staunend die Bühne, dann wird in der Mitte eine Folie ausgebreitet, auf der Theaterblut ausgeschüttet und verschmiert wird. Das ist ein Coup, der verblüffend gut funktioniert, weil er das Symbolische christlicher Rituale aufnimmt, ohne sie bloßzustellen. Sie werden zum gemeinsamen Nenner einer Gesellschaft, die sich in vielsagendes Weiß kleidet, ihre Wünsche und Forderungen in Worte fasst und sie dem Publikum entgegenhält – aber dann auch zu Boden geht. Wenn all diese Menschen durch das einsetzende „Halleluja“ wieder aufstehen und sich ruhig zu einer Gemeinschaft voller Hoffnung formieren, dann wird das vom Publikum mit anhaltendem Jubel quittiert.
Im dritten Teil treten die Solisten – die beiden Sopranistinnen Emma Moore und Adèle Clermont, Altistin Sarah Mehnert, der Tenor Simon Bode und der Bass Jacob Harrison – nach ihrem bis dahin integrierten Spiel jetzt ganz als Sänger in Konzertkleidung auf. Im Hintergrund steht das Motto „Gemeinschaft Leben“. Dann schließlich gelingt der Regie beim finalen „Amen“ mit punktgenau eingesetzten Theatermitteln ein weiterer emotionaler Volltreffer: Auf der Rückwand sieht sich das Publikum selbst im Video, und während langsam das Saallicht aufgedimmt wird, fahren die Staatskapelle Weimar und ihr beherzt zulangender Musikdirektor Daniel Carter nach oben. Nicht neu – aber extrem wirkungsvoll. Stehende Ovationen für einen gelungenen Theaterabend der besonderen Art.
Deutsches Nationaltheater Weimar
Händel: Der Messias (szenisch)
Daniel Carter (Leitung), Jochen Biganzoli (Regie), Wolf Gutjahr (Bühne), Katharina Weissenborn (Kostüme), Jana Schatz (Video), Charlotte Hennen (Dramaturgie), Andreas Heptner (Licht), Jens Petereit (Chorleitung), Magdalena Schnitzler (Projektleitung Bürgerchor), Emma Moore, Adèle Clermont, Sarah Mehnert, Simon Bode, Jacob Harrison, Bürgerchor, Opernchor des DNT, Staatskapelle Weimar




