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Opern-Kritik: Festival d’Aix-en-Provence – Die Zauberflöte

Es-Dur in Zeiten des Krieges

(Aix-en-Provence, 5.7.2026) Der angesagte französische Filmregisseur Clément Cogitore deutet Mozarts Oper der Aufklärung so düster wie nie zuvor und verlegt sie in ein beklemmendes Nachkriegsszenario. Mit seinem visuellen Overkill will der interessante Künstler da einfach zu viel.

vonPeter Krause,

Die Provence im französischen Südosten ist nicht nur Lavendellandschaft, es ist die Region der multipel magischen Lichtstimmungen. Zumal der Maler Paul Cézanne hat sie eingefangen. Als nun Mozarts „Die Zauberflöte“ als Oper der Aufklärung das diesjährige Festival d‘Aix-en-Provence eröffnete, liegt der Geist des „Siècle des Lumières“ im besonderen Maße in der Luft – zumal die Aufführungen im Théâtre de l’Archevêché unter freiem Himmel stattfinden, in jenem stimmungsvollen Innenhof des einstigen erzbischöflichen Palais. Da findet der Beginn der Vorstellungen noch bei Tageslicht statt, die Gesangsstimmen tragen wunderbar, und Mozart gehört in der Tat zur hiesigen Festival-DNA. Bei der Konkurrenz in Salzburg und Glyndebourne ist das nicht anders. Eine Ausgabe ohne ein Opus des Salzburger Musensohns scheint in keinem Jahrgang der führenden europäischen Opernfestspiele vorstellbar. Verblüffend und durchaus auch verstörend ist es daher diesmal, dass Clément Cogitore, der für Regie und Video verantwortlich zeichnet, mit seinem Team aus Alban Ho Van (Bühne), Wojciech Dziedzic (Kostüme) und Sylvain Verdet (Licht) die mutmaßlich düsterste Deutung des immergrünen Opernmärchens realisierte, die es je erlebt hat.

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Szenenbild aus „Die Zauberflöte“
Szenenbild aus „Die Zauberflöte“

Elternlos entwurzelte Kinder einer Nachkriegszeit

Der Franzose Clément Cogitore, bislang primär für seine filmischen Arbeit gerühmt, verlegt die Handlung des zwischen derbem Humor und hehrer Freimaurerweisheit changierenden Wiener Volkstheaters geradewegs in ein Nachkriegssetting, konkret in die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg. Zu Beginn erweist sich seine Entscheidung als Coup. Denn die bereits zur Ouvertüre gezeigten schwarzweißen Filmsequenzen (die historisch bewusst unkorrekt auch dem in dieser Hinsicht verschonten Frankreich kriegsbedingte Ruinen andichten) fokussieren auf das Schicksal von Kindern, die durch die Schrecken der Zerstörung elternlos, entwurzelt, auf sich allein gestellt sind. Die drei Damen agieren als Trümmerfrauen. Papageno als die Kriegshandlungen überlebender junger Mann hält sich – wie so viele Menschen der späten 1940er Jahre – mit Tauschgeschäften über Wasser. Tamino tritt als Jüngling und somit als Kinderdarsteller auf (und wir daher sängerisch gedoppelt). Er (alp-)träumt die böse Schlange nur. Der im Original schwarze Monostatos ist ein weißer Polizist mit Schlagstock, der in der kollektiven Gesetzlosigkeit jener Zeit eher hilflos für ein wenig Ordnung im Chaos sorgen soll. Die „Wachsamkeit“, mit der er sich gegenüber Sarastro selbst lobt, ist eine passende Pointe dieses etwas anderen Wachtmeisters.

Szenenbild aus „Die Zauberflöte“
Szenenbild aus „Die Zauberflöte“

Eine Story des Coming of Age

So wird dann also eine Geschichte des Coming of Age erzählt, die eine durch den Krieg traumatisierte Kindergeneration durchlebt. Die vom Libretto vorgegeben Prüfungen erhalten so eine ungewohnt konkrete Relevanz. Die Kinder wachsen zu Jugendlichen heran, Pamina und Tamino werden im zweiten Akt von jungen Erwachsenen dargestellt. Erst am Ende nach den bestandenen Prüfungen treten die Sopranistin Ying Fang als Pamina und der Tenor Mauro Peter als Tamino allein, also ohne Doppelgänger, auf. So entstehen durchaus spannende Akzente, die der neue dezidiert düstere Inszenierungskontext setzt, der freilich auch Kollateralschäden zeitigt: Der Witz ist dem Werk weitgehend ausgetrieben und einem bitteren Ernst gewichen. Und die in Mozarts Spätwerk angelegte Vielschichtigkeit wird in den allzu dominanten visuellen Schichten des Regieteams nochmals verkompliziert: die extreme Komplexität zwischen Videos, Kinderdarstellern und Sängerensemble, zwischen Psychologie und Politik führt dazu, dass sich die anfängliche Stringenz der Idee dramaturgisch verheddert. Clément Cogitore will da einfach zu viel. Und die theatralische Glaubwürdigkeit gerät eben ins Wanken, wenn der geschmeidige Tenor von Mauro Peter seinem intensiv spielenden Kinderdouble mehr von außen zusieht, als Teil von dessen Dasein zu werden. Den blinden Sarastro (Brindley Sherratt mit knorrigem Bass) als Wiedergänger eines amerikanischen Präsidenten zu zeigen, der das im Krieg versunkene Europa befreit, hat insofern Charme, als die Gründungsväter der USA ja großteils Freimaurer waren, deren Ideale bis heute in der Verfassung weiterleben. Derartig plumpe Konkretisierungen nehmen der „Zauberflöte“ aber auch einen Teil ihrer feinen Poesie.

Szenenbild aus „Die Zauberflöte“
Szenenbild aus „Die Zauberflöte“

Individuelle Umwertung zentraler Figuren mit den Mitteln des Gesangs

Die bleibende Erkenntnis, dass in dieser Welt Gut und Böse kaum zu trennen sind, dass Zerbrechlichkeit und Verwundbarkeit auch heldische Frauen und Männer kennzeichnen, wird weit mehr durch einige herausragende sängerische Portraits verdeutlicht. Ying Fang zaubert in ihrer G-moll-Arie Pianissimi einer unglaublich innigen Pamina. Ihre Mutter, die sonst als Königin der Nacht primär racheglühende Koloraturen spuckt, wird von Sabine Devieilhe weit mehr zu einer unter dem Patriarchat leidenden fragilen Frauenfigur umgewertet. Ihr graziler, bestens projizierender Sopran weiß davon in klugen Zwischentönen ganz viel. Sean Michael Plumb darf als Papageno mal nicht den Spaßmacher vom Dienst geben, dafür mit seinem edlen Bariton für sich in Anspruch nehmen, was sonst nur Tamino zugeschrieben wird: Er ist weniger Prinz denn Mensch. Ein Sonderlob verdienen die Drei Knaben, für die eigens Mitglieder des Knabenchors der Chorakademie Dortmund nach Aix eingeladen wurde. Ihre makellose Intonation und Diktion ist maßstabsetzend. Denn das internationale Sängerensemble hat mit den Konsonanten des deutschen Textes durchaus zu kämpfen.

Szenenbild aus „Die Zauberflöte“
Szenenbild aus „Die Zauberflöte“

Ist „Die Zauberflöte“ ein barockes Meisterwerk?

Fraglos eine gute Idee war es, als Orchester die Cappella Mediterranea unter Leonardo García-Alarcón zu verpflichten. Denn für „Die Zauberflöte“ Experten der Alten Musik in den Graben zu setzen, ist insofern stimmig, fußt das Werk doch mit seiner Kontrapunktik, seiner Tonartensymbolik und seinen Affekten deutlich auf der Barockmusik. Doch mit den immer wieder unsteten Tempi (extrem verlangsamten Arien stehen seltsam unvermittelte Strettaeffekte gegenüber) und unsauberen Bläsern geriet Mozarts genialische klassische Logik mitunter denn doch ins Wanken. 

Festival d‘Aix-en-Provence
Mozart: Die Zauberflöte

Leonardo García-Alarcón (Leitung), Clément Cogitore (Regie & Video), Alban Ho Van (Bühne), Wojciech Dziedzic (Kostüme), Sylvain Verdet (Licht), Klaus Bertisch (Dramaturgie), Evelin Facchini (Choreographie), Simon Hatab (Dramaturgie), Ying Fang (Pamina), Mauro Peter (Tamino), Sabine Devieilhe (Königin der Nacht), Sean Michael Plumb (Papageno), Brindley Sherratt (Sarastro), Edwin Crossley-Mercer (Sprecher), Alix Le Saux (Erste Dame), Ashley Dixon (Zweite Dame), Adriana Bignagni Lesca (Dritte Dame), Emma Fekete (Papagena), Rodolphe Briand (Monostatos), Damien Pass (Erster Priester, Zweiter geharnischter Mann), Jonghyun Park (Zweiter Priester, Erster geharnischter Mann), Mitglieder des Knabenchors der Chorakademie Dortmund (Drei Knaben), Chœur de Chambre de Namur, Cappella Mediterranea

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